Theologie, Ökologie und persönlichen Glauben verbinden

5 Jun. 2020
Pfarrerin Dr. Elfriede Dörr von der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien. Foto: LWB/Albin Hillert

Pfarrerin Dr. Elfriede Dörr von der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien. Foto: LWB/Albin Hillert

Interview mit Pfarrerin Dr. Elfriede Dörr, Evangelische Kirche A. B. in Rumänien

SIBIU/HERMANNSTADT, Rumänien/GENF (LWI) - Am heutigen Welt-Umwelttag berichtet Pfarrerin Dr. Elfriede Dörr von der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien im Interview über die Auswirkungen des Klimawandels in ihrem Land und die Ermutigung zum Wandel, den sie von jungen Menschen erfährt. Als Leiterin des Referats für ökumenische Beziehungen und Fortbildung ihrer Kirche und in ihrem persönlichen Leben ist sie bestrebt, Theologie, Ökologie und ihre persönliche Glaubenspraxis miteinander zu verbinden und entsprechende Impulse weiterzuvermitteln.

Vor welchen Herausforderungen steht Rumänien in Sachen Klimawandel, und wie ist das gesellschaftliche Bewusstsein zu dieser Thematik?

Mir ist es ein Rätsel, wieso in der rumänischen Öffentlichkeit die fortschreitende Wüstenbildung im eigenen Land, der Rückgang der Biodiversität und die zunehmend verheerenden Folgen der Abholzung der eigenen Wälder kein Thema sind, wo doch die Menschen davon unmittelbar betroffen sind. Man kann hier nicht weg sehen kann wie bei Medienberichten über schmelzende Gletscher in den Alpen oder die auf Eisschollen torkelnden Eisbären. Ich glaube einer der Gründe dafür ist die fehlende Umweltbildung in den Schulen.

Was mir Hoffnung macht, ist die Forderung der rumänischen Fridays for Future-Bewegung nach Umweltbildung als Schulfach. Damit haben es die jungen Leute es bis in die Büros des Umweltministers geschafft. Dann kam die Coronavirus-Pandemie und „der Marsch“ der Jugendlichen zum Bildungsminister fand ein vorläufiges Ende.

Mich ermutigt auch der noch schwache, aber wachsende Protest in der Zivilbevölkerung gegen die illegale Abholzung in den Urwäldern - diesen mit ihren jahrhundertealten Bäumen und einmaligen Biotopen so kostbaren Schätzen unseres Landes und Kontinentes. Wirkungsvoller wird der Protest, wenn uns die internationale Öffentlichkeit hier unterstützt. Auch hier ist die Vernetzung über Grenzen hinweg entscheidend für einen erfolgreichen Einsatz zur Bewahrung der Schöpfung.

Außerdem hat die Corona-Pandemie gezeigt, dass die Politik angesichts einer Krise durchaus in der Lage ist, Lösungen zu finden. Was die Klimakrise anbelangt, hat die Politik die Aktivisten und deren Unterstützerinnen wie mich, mit halbherzigen Maßnahmen und fadenscheinigen Erläuterungen abgewimmelt. Eine grundlegende Änderung der Abläufe in der Welt wurde in die Stuben der Philosophen und Wirtschaftsutopistinnen abgeschoben. Aber mit der Corona-Krise ist in ein paar Monaten die Welt eine andere geworden! Das Diktat des grenzenlosen Wachstums, welches die ohnehin reichen Länder vorgeben, ist so massiv in Frage gestellt worden, wie alle Aktivisten, Philosophinnen und Utopisten zusammen es nicht hätten tun können. Meine Hoffnung ist es, dass die Menschheit die Chance dieser Krise nutzt, statt das „alte“ Leben unverändert wieder hochzufahren.

Welche Rolle spielt für Sie das Verhältnis zwischen den Generationen, wenn Sie an Klimawandel und Klimagerechtigkeit denken?

Es ist unbestritten, dass wir mit unserem Lebensstil auf Kosten der kommenden Generationen leben. Und es wird immer klarer, dass wir auch auf Kosten von heutigen Generationen leben. Denn es gibt auf der Erde Länder, die großzügig die Ressourcen der Erde nutzen - und das auf Kosten der Menschen in anderen Ländern tun. Diese Menschen betrifft das also heute und ganz unmittelbar, ganz gleich wie alt die sind. Im Lutherischen Weltbund (LWB) kommen immer wieder solche Menschen zu Wort. Es ist wichtig ihnen zuzuhören und aktiv zu werden. Wenn ich höre, wie sehr Menschen unter den Folgen des Klimawandels heute schon leiden, fühle ich mich in die Pflicht genommen, etwas zu tun.

Mich beeindrucken die jungen Menschen von Fridays for Future, die lautstark das fordern, was wir Ältere ja schon längst mitunterschreiben würden. Darum gehen ja auch ältere Menschen mit den jungen auf die Straße.

Bei uns im Land ist das anders. Die Fridays for Future-Bewegung in unserem Land ist ganz klein. Beim weltweiten Klimaprotest vom 29. November letzten Jahres wurden die Jugendlichen in Sibiu/Hermannstadt mit einer Geldbuße belegt, nur weil sie sich aus dem vorgegebenen Zirkel vor dem Bürgermeisteramt ein wenig wegbewegt haben. Das hat eine Welle der Empörung in der Zivilbevölkerung ausgelöst, Künstler haben sich zu Wort gemeldet, öffentliche Persönlichkeiten boten an, die Strafe zu übernehmen mit dem Resultat, dass alle Zeitungen die Forderungen der Jugendlichen veröffentlichten. Und die Stadtleitung sah sich gezwungen die Jugendlichen an den Tisch zu holen und ein Gespräch mit ihnen zu beginnen.

Nun hat Corona dieses Gespräch eingefroren. Die Jugendlichen, allesamt eingesperrt, haben neue Formate entwickelt, um das Thema der Klimakrise im öffentlichen Bewusstsein zu halten. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass die Online-Proteste ein wenig wie in einer Blase der Jugendlichen bleiben, es sei denn, Journalisten nehmen ihre Themen auf und bringen sie in die klassischen Medien.

Welche Rolle spielt die Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien vor diesem Hintergrund?

Wie sind in verschiedenen Hinsichten aktiv. Wir arbeiten daran, die eigenen Gemeindeglieder und die Gemeinden für eine nachhaltige Lebensweise fit zu machen. Wir nehmen Themen der Schöpfungstheologie in das Fortbildungsprogramm für Pfarrer und Pfarrerinnen auf. Wir sind dabei, ein Kompetenzzentrum für die Bewahrung der Schöpfung in einer unserer schönen Kirchenburgen zu beheimaten. Wir melden uns bei akuten Fällen umweltzerstörerischer Projekte mit profilierten Stellungnahmen zu Wort, die in den letzten Jahren durchaus wirkungsmächtig waren. Wir vernetzen uns ökumenisch und international gerade auch in Fragen der Bewahrung der Schöpfung, sei es über European Christian Environmental Network  (ECEN), sei es über den Lutherischen Weltbund, sei es über die Evangelische Kirche von Westfalen.

Diese Prozesse hat die Corona-Krise verlangsamt, aber nicht einfrieren können. Denn Vernetzung ist möglich, auch wenn man eingesperrt ist. Und die Corona-Kreativität brachte Umstellungen in der kirchlichen Arbeit, klug konzipiert und wirksam. Gott sei Dank.

Vor kurzem haben Sie ein Büchlein mit dem Titel „Geh aus, mein Herz, und suche Freud - Einfache Schritte für spirituelle Übungen zur Bewahrung der Schöpfung“ veröffentlicht. Bitte erläutern Sie uns kurz die Inhalte und Ihre Motivation, diese Publikation zu erarbeiten.

Bewahrung der Schöpfung – wie geht das? So fragen die Menschen in unserer Kirche. Denn angesichts der großen Fragen der Klimagerechtigkeit fühlt sich eine Einzelne allzu rasch ohnmächtig. Dem entgegen wollte ich eine Handreichung setzen, mit einfachen Tipps die jeder von uns umsetzten kann. Die Veränderungen, die ich ersehne, beginnen ja bei mir selbst. Also was kann ich tun?

Aus diesem inneren Anliegen ist eine Handreichung für Gemeindeglieder entstanden. Sie fasst in 10 Kapiteln Vorschläge zu verschiedenen Lebensbereichen zusammen: „Wasser“, „Nahrung“, „Energie“, „Freizeit und Mobilität“, Balkon, Garten, Park“, „Abfall“. Und natürlich auch „Geldanlage“, „Zivilcourage“, „Weihnachten“, und – allem anderen voran – zum „Sonntag“. Sie sollen helfen, den eigenen Lebensstil zu überdenken und zu verändern. Die praktischen Tipps werden mit elementaren Formen der Meditation verknüpft. Das ist eine Variation christlicher Spiritualität, die in der lutherischen Kirche etwas ins Abseits geraten ist. Ich werbe auf diese Art um eine Haltung: die Herausforderungen der Zeit in die Stille vor Gott zu bedenken, und aus der hier gewonnen Klarheit die Kraft für sein Tun zu nehmen. 

Vielleicht hat Corona die Rezeption der Handreichung etwas ins Stocken gebracht. Vielleicht hat Corona aber auch Raum geschaffen, um wirklich Naheliegendes zu bedenken, wie zum Beispiel:  Reiseziele vor der Haustür zu entdecken und die eigene Umgebung besser kennenzulernen. Oder sich über Wesentliches klar zu werden, wie zum Beispiel: sich von den Zwängen des Habenmüssens und des Konsums frei zu machen, und dem den Luxus der Einfachheit und der Genügsamkeit zu stellen.

Es ist wichtig, dass Einzelne das Gefühl bekommen, sie können selbst etwas tun. Einige Gemeinden aus unserer Kirche gehen einen weiteren Schritt. Sie prüfen die Gemeindeaktivitäten auf ihre Nachhaltigkeit und wollen ihre Erkenntnisse in einem Raster für ein kirchliches Zertifikat zusammenfassen, das dann „Green Church“, „Umweltfreundliche Kirchengemeinde“ oder „Grüne Kirchenburg“ heißen mag.

 

Stimmen aus der Kirchengemeinschaft:

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine weltweite Gemeinschaft, deren Mitglieder sich gemeinsam für das Werk und die Liebe Christi in der Welt einsetzen. In dieser Reihe präsentieren wir Kirchenleitende und Mitarbeitende, die über aktuelle Themen sprechen und Ideen entwickeln, wie Frieden und Gerechtigkeit in der Welt geschaffen werden und die Kirchen und die Gemeinschaft in ihrem Glauben und ihrem Engagement wachsen können.