LWB-Jugend in Afrika: Aktiv trotz begrenzter Mittel

7 Jan. 2021
In der Kenianischen Evangelisch-Lutherischen Kirche leiten junge Erwachsene eine Baumpflanz-Aktion. Foto: KELC Youth

In der Kenianischen Evangelisch-Lutherischen Kirche leiten junge Erwachsene eine Baumpflanz-Aktion. Foto: KELC Youth

Führungsverantwortung und Gleichberechtigung wichtige Themen für künftiges Engagement

GENF, Schweiz (LWI) – Die Mitglieder des Globalen Netzwerks junger Reformatorinnen und Reformatoren 2.0 des Lutherischen Weltbundes (LWB) in der Region Afrika haben in den vergangenen zwei Jahren einiges auf die Beine gestellt: Sie haben nach Musterbeispielen für den Umgang mit psychischen Erkrankungen gesucht, junge Menschen, die auf der Straße leben, animiert, sich an Baumpflanz-Initiativen zu beteiligen, sich darum bemüht, Ressourcen zu bündeln, um anderen jungen Menschen eine schulische oder berufliche Ausbildung zu finanzieren und Bewusstsein geschaffen für geschlechtsspezifische Gewalt.

„Ja, junge Menschen sind kompetent und setzen Dinge um, wenn ihnen die Möglichkeit dazu und die notwendigen Ressourcen gegeben werden“, sagt Lilian Kwaw von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Ghanas (ELKG). Kwaw war eine der 35 Teilnehmenden aus den 31 LWB-Mitgliedskirchen in Afrika, die im Dezember eine dreitägige Online-Tagung durchführten, um die seit 2018 geleistete Arbeit auszuwerten und sich auf einen Aktionsplan für die kommenden zwei Jahre zu verständigen. Die nationale Vizepräsidentin der Jugendorganisation der ELKG engagiert sich persönlich in einem Bildungsprojekt, das Bewusstsein schaffen will für das Thema Zwangsarbeit und sich unter dem Motto „Menschen – für Geld nicht zu haben“ gegen die Verletzung der Rechte von Kindern in ihrem Land einsetzt.

Wie in den anderen LWB-Regionen geben die drei auf der Vollversammlung 2017 beschlossenen globalen Schlüsselprioritäten – Erneuerung der Kirchen, Gleichheit und Bildung – und die beiden bereichsübergreifenden Themen – Klimagerechtigkeit und Jugendpartizipation – dem Engagement der jungen Reformatorinnen und Reformatoren in Afrika Orientierung und Ausrichtung. Weiterhin erörterten die Teilnehmenden an der Online-Tagung die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf ihre Kirchen und Gemeinwesen.

Überwindung von geschlechtsspezifischer Gewalt

Maya B. Sichali, Vertreterin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Malawi (ELKM), berichtete, dass in ihrem Land jedes fünfte Mädchen trotz verschiedener politischer Initiativen und einer Reihe gesetzlicher Bestimmungen zur Überwindung von geschlechtsspezifischer Gewalt bis zu ihrem 18. Geburtstag mindestens einmal Opfer dieser Art von Gewalt würde. Die jungen Erwachsenen in der ELKM engagierten sich aktiv in den Gemeindeentwicklungsausschüssen, die die Aktivitäten zur Sensibilisierung der Menschen für dieses Thema koordinieren.

Die Kirche und ihr diakonischer Arm, die Evangelical Lutheran Development Services, hätten Grundsätze für Gendergerechtigkeit erarbeitet, um die Mitglieder der Gemeinden und die breitere Gesellschaft zu animieren, sich mit der unausgewogenen Machtverteilung zwischen Männern und Frauen zu beschäftigen, die oftmals Auslöser für Gewalt gegen Frauen ist. „Beim Thema geschlechtsspezifische Gewalt ist es wichtig, den Betroffenen zu zeigen, dass die Kirche für sie da ist und ihre Hilferufe hört“, sagte Sichali.

Weiter berichtete sie, dass die Gewalt an Frauen und Kinder durch die Lockdowns im Zuge der COVID-19-Pandemie zugenommen habe. Weil die Schulen geschlossen seien und die meisten Kinder im Schulalter zu Hause säßen und nichts zu tun hätten, seien die Rechte von Mädchen insbesondere in den ländlichen Gebieten vermehrt verletzt worden. „Viele Mädchen im schulpflichtigen Alter sind verheiratet worden.“

Psychische Gesundheit

Melissa Hove und andere junge Erwachsene in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Simbabwe (ELKS) haben sich insbesondere mit den zunehmenden Fällen psychischer Erkrankungen in ihrem Land beschäftigt, das schon vor der Corona-Pandemie unter einer sozio-ökonomischen Krise litt.

Hove erzählte, dass ihr eine Online-Tagung, die sie am Welttag für psychische Gesundheit (10. Oktober) ausgerichtet hat, bewusst gemacht habe, „dass es in Bezug auf den Umgang der Kirche mit psychischen Problemen und Erkrankungen eine Lücke gibt, die wir schließen müssen“. Während die Kirchenältesten und die Pfarrerschaft der ELKS zwar Beratung und eine seelsorgerische Betreuung anböten, „wissen die Menschen insgesamt einfach wenig über psychische Erkrankungen, und die Erkrankten und ihre Familien werden aufgrund von Überzeugungen und Mythen rund um psychische Erkrankungen noch immer stigmatisiert“, führte sie aus.

Neben ihrem ehrenamtlichen Engagement beim diakonischen Dienst der Kirche, den Lutheran Development Services, studiert Hove im Masterprogramm soziale Arbeit und schreibt an ihrer Abschlussarbeit über das Verständnis der Kirchen von psychischen Erkrankungen. Diesem Thema widmete sich auch jüngst eine Bibelarbeit für junge Erwachsene in ihrer Heimatgemeinde in Hartfield, Harare. „Wir haben uns über verschiedene Modelle ausgetauscht, die die Seelsorgenden in den Kirchen als Leitfaden nehmen können, wenn sich Menschen an sie wenden, die unter psychischen Problemen leiden“, berichtete sie.

Umweltbewusstsein

Der junge Reformator Samuel Sahr Gborie und andere junge Erwachsene in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sierra Leone (ELKSL) haben ihre Mitmenschen für die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Umwelt sensibilisiert. In einem Kontext, in dem das Fällen von Bäumen zur Gewinnung von Feuerholz und der Generierung von Einkommen in den ländlichen Gebieten weit verbreitet ist, engagieren sich die jungen Erwachsenen aktiv in den Baumpflanz-Kampagnen der Kirche.

„Für die Herstellung von Holzkohle müssen Bäume gefällt werden und meistens werden keine neuen gepflanzt. Wir jungen Menschen haben uns mit der Kirche zusammengetan, um die betroffenen Gemeinwesen darüber zu informieren, dass das Vorgehen, mit dem sie sich Einkommen verschaffen wollen, gleichzeitig die Umwelt zerstört, in der sie leben“, erklärte Gborie.

In Trainingsworkshops und bei Baumpflanz-Aktionen helfen die jungen Erwachsenen der ELKSL den Menschen in den Gemeinwesen dabei zu verstehen, dass die Abholzung von Wäldern zur Zerstörung des eigenen Wassereinzugsgebiets, zu Bodenerosion, Dürren und schließlich zu geringeren Ernteerträgen führt. Zielgruppe der Kirche bei ihrer Aufklärungsarbeit sind insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene, weil sie im Handel mit Holzkohle aktiv sind und sich aber auch für die Umwelt engagieren. Gborie berichtete von einem Workshop in Ngbamba im Distrikt Bo im Süden des Landes und erzählte, dass Jugendliche und junge Erwachsene dort rund 65 Prozent der 110 Teilnehmenden ausgemacht hätten. „Wir ermutigen auch alle anderen jungen Menschen, an den Workshops teilzunehmen, weil wir überzeugt sind, dass sie es sein werden, die sich in Zukunft für den Schutz der Umwelt einsetzen werden“, führte er aus.

Friedenskonsolidierung

In Kenia lädt die Kenianische Evangelisch-Lutherische Kirche (KELK) marginalisierte junge Menschen, die auf der Straße leben, zu Sportturnieren, Baumpflanz-Aktionen, Trainingsworkshops und öffentlichen Vorträgen zum Thema Frieden ein. Hauptziel der Veranstaltungen ist es, die Radikalisierung der Jugend und das Risiko von Gewalt innerhalb der Gemeinwesen infolge von sozio-ökonomischer, politischer, religiöser oder ethnischer Unterschiede bestmöglich zu begrenzen und den jungen Menschen andere Einkommensmöglichkeiten aufzuzeigen. 

Der junge Reformator Harrison Juma Angonga erzählte, dass derartige Veranstaltungen eine Gelegenheit böten, „etwas über religiöse und gesellschaftliche Konflikte in unseren Gemeinwesen zu erfahren und zu erkennen, wie wichtig unser Engagement als Botschafterinnen und Botschafter des Friedens ist“. Ältere Jugendliche, die schon länger dabei seien, würden ermutigt, den neuen und jüngeren Mitgliedern und Mitwirkenden von ihren persönlichen Erfahrungen zu erzählen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Normalerweise werden drei Mal im Jahr in den Schulferien Friedenskampagnen veranstaltet, die jedoch 2020 aufgrund der COVID-19-Pandemie verschoben werden mussten.

Die auf die Gemeinwesen ausgerichteten Aktivitäten der KELK stehen allen Menschen offen, auch Menschen mit anderer Religion. „Sie bieten Raum für Dialog und das Lernen von ganz unterschiedlichen Rednerinnen und Rednern“, fügte Angonga hinzu.

Ein wichtiges Thema aller Veranstaltungen ist der Schutz der Umwelt. Auf nationaler Ebene haben im Dezember rund 500 junge Erwachsene an der jährlich stattfindenden einwöchigen Jugendgeneralversammlung teilgenommen, zu deren Abschluss alle Teilnehmenden jeweils einen Baum gepflanzt hat. In den Ortsgemeinden im Land pflanzen die Kirchenleitenden und jungen Erwachsenen zudem jedes Mal einen Baum auf dem Gelände der Kirche, wenn ein Kind getauft wird; und viele junge Menschen engagieren sich darüber hinaus in verschiedenen Baumpflanz-Projekten in ihren Gemeinwesen.

Regionaler Aktionsplan

In ihrem Aktionsplan für den Zeitraum bis 2022 nennen die jungen Reformatorinnen und Reformatoren Führungsverantwortung und Gleichberechtigung als zentrale Themen ihrer Arbeit. Sie wollen ihre Kirchen ermutigen, den Grundsatz des LWB für die Einbeziehung aller auf allen Entscheidungs- und Führungsebenen der Kirche umzusetzen, das heißt auch eine Besetzung aller Gremien mit mindestens 20 Prozent jungen Erwachsenen und mindestens je 40 Prozent Frauen und Männern.

Sie werden ihren Kirchen empfehlen, Themen aus dem Bereich Führungsverantwortung und Führungswirken im Konfirmationsunterricht zu behandeln, und wollen anbieten, die jungen Konfirmandinnen und Konfirmanden selbst zu unterstützen, damit diese „sich eingebunden fühlen und nicht als reine Zuschauer“.

Die Teilnehmenden an der Online-Veranstaltung tauschten sich über die Herausforderungen und Probleme aus, die die meisten jungen Menschen an einer aktiven Teilhabe in der Kirche hinderten. Sie hielten fest, dass Kirchen Möglichkeiten für den Aufbau von Kapazitäten anbieten sollten, um junge Erwachsene unabhängiger zu machen, weil die meisten von ihnen durch finanzielle oder eine andere Form der Unterstützung von ihren Eltern oder Ehepartnern abhängig seien.

„Die jungen Reformatorinnen und Reformatoren in Afrika ergreifen die Initiative, um ihre Kirchen, die Kirchengemeinschaft und die Gesellschaft insgesamt hin zu führen zu bewussterer Sorge für einander, die Umwelt und sich selbst. Alle profitieren, wenn die jungen Menschen ihre Gaben in Taten übersetzen, Bewusstsein schaffen und Wandel herbeiführen in Bezug auf Themen, die in ihrer Region problematisch sind“, sagte die LWB-Programmreferentin für den Aufbau von Kapazitäten und die Entwicklung von Führungspersonen, Pfarrerin Katariina Kiilunnen, die die Online-Veranstaltung ausgerichtet hat.

 

Von LWB/P. Mumia. Deutsche Übersetzung: Andrea Hellfritz, Redaktion: LWB/A. Weyermüller