Christliche Einheit: Lebensmodell der Schwestern der Kommunität Grandchamp

18 Jan. 2021
Schwestern der Kommunität Grandchamp und Gäste der monastischen Gemeinschaft halten sich vor Beginn der Corona-Pandemie an den Händen. Foto: Grandchamp Community

Schwestern der Kommunität Grandchamp und Gäste der monastischen Gemeinschaft halten sich vor Beginn der Corona-Pandemie an den Händen. Foto: Grandchamp Community

Ökumenische Schwesterngemeinschaft erarbeitet Materialien zur Gebetswoche für die Einheit der Christen

GRANDCHAMP, Schweiz/GENF (LWI) – Das Engagement für die Einheit von Christinnen und Christen bedeutet, in der eigenen Identität verwurzelt und damit offen für die Ansichten von anderen Menschen zu sein. Und das ist nicht nur ein Slogan oder ein Leitsatz für die Gebetswoche für die Einheit der Christen 2021. Für die Schwestern der ökumenischen Kommunität Grandchamp in der Schweiz, die die Gebete und Reflexionen für die diesjährige Gebetswoche erarbeitet haben, ist es ein Lebensmodell und eine Grundüberzeugung.

Die in den 1930er Jahren in einem kleinen Ort am Ufer des Neuenburgersees gegründete Kommunität Grandchamp war eine der ersten monastischen Gemeinschaften, die eine Gruppe von Frauen der reformierten Kirche gegründet haben. Genau wie die Brüder in Taizé, die ihre ökumenische Gemeinschaft auf der anderen Seite der Grenze im Osten Frankreichs gründeten, nahmen die Schwestern in Grandchamp Frauen ganz unterschiedlicher Konfessionen in ihre Gemeinschaft auf, die sich zu einem von Gebet und Gastfreundschaft bestimmten Leben berufen fühlten. 

Heute zählt die Gemeinschaft in Grandchamp rund 50 Mitglieder aus zehn Ländern, die sich gemeinsam für eine Versöhnung der gespaltenen christlichen Kirchen einsetzen. Die älteste Schwester ist über 90 Jahre alt, die jüngsten sind in ihren 30ern und 40ern. Im Gegensatz zu anderen traditionellen religiösen Lebensgemeinschaften gewinnt Grandchamp auch heute noch immer wieder neue Mitglieder, die angezogen werden von der dort praktizierten ökumenischen Gottesdienstform und dem gemeinschaftlichen Leben.

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    „Es ist gleichzeitig ein Rätsel und ein Segen für uns, dass sich immer noch Frauen zu dieser einzigartigen Bestimmung berufen fühlen“, sagt Schwester Embla Vegerfors, die in der Schwedischen Kirche, der mitgliederstärksten lutherischen Kirche in Europa, aufgewachsen ist. Schwester Embla, die sich der monastischen Gemeinschaft in Grandchamp vor neun Jahren angeschlossen hat, ist eine der Schwestern, die zusammen mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen (PCPCU) das Material für die Gebetswoche erarbeitet hat. 

    „Zunächst haben wir als Schwesterngemeinschaft alle zusammen Ideen gesammelt“, erinnert sich Schwester Embla. „Und dann haben wir uns recht schnell für den Text aus dem Johannesevangelium entschieden“: Bleibt in meiner Liebe und ihr werdet reiche Frucht tragen (Joh 15,5-9). „Wir wollten mit den Menschen etwas von der Art und Weise teilen, wie wir hier zusammenleben, – ausgehend von der eigenen Verwurzelung in Gott eine Bewegung hin zur Offenheit gegenüber Anderen“, erklärt sie weiter. 

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      Mit dem Gebetsmaterial für die acht Tage der diesjährigen Gebetswoche für die Einheit der Christen wollen die Schwestern die Botschaft vermitteln, dass Einheit nicht bedeutet, „die eigene Identität aufzugeben“, sondern dass Einheit vielmehr bedeutet, „in der eigenen Identität verwurzelt“ und deshalb anderen gegenüber offen zu sein. „Wenn wir uns unserer Beziehung zu Gott sicher sind, können wir uns auch in unseren Beziehungen zu anderen Menschen sicher fühlen“, betont Schwester Embla. „Die Unterschiede erscheinen dann weniger bedrohlich und man hat weniger das Bedürfnis, die eigenen Meinungen verteidigen zu müssen. Man erkennt, dass jemand, der die Dinge vielleicht etwas anders macht als man selbst, versucht, das gleiche zum Ausdruck zu bringen, wie man selbst; dass er oder sie das vielleicht in einer anderen Sprache tut, dass das Ziel aber das gleiche ist.“

      Die Schwestern in Grandchamp erleben jeden Tag in ihrem Alltag, wie wahr genau das ist. „Selbst bei so simplen Dingen wie saubermachen oder abwaschen, hat jede, die hier zu uns kommt, ihre eigene Art“, erzählt Embla. Aber egal wie unterschiedlich die Hintergründe auch sein mögen, aus denen sie stammen, sagt sie weiter, „wir müssen lernen, unsere eigenen Traditionen loszulassen, müssen uns bewusst sein, woher wir kommen, aber auch eintauchen in etwas ganz Neues, uns darauf einlassen, zu erkennen, dass wir für etwas Größeres hier sind“.

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        Der Assistierende Generalsekretär für Ökumenische Beziehungen des Lutherischen Weltbundes (LWB), Dirk Lange, hat eine der Mitbegründerinnen der Gemeinschaft in Grandchamp, Schwester Marguerite de Beaumont, einmal in Taizé persönlich kennengelernt und erinnert sich an sie als ein „Anker für viele junge Menschen, die nach Taizé gekommen waren“. In Bezug auf den Versöhnungsdienst von Schwester Marguerite sagt er: Alle Aspekte ihres Lebens seien geprägt gewesen vom Gebet und sie habe damit alle, die sie kannte, umhüllt. Heute denke ich an die Berufung der Schwestern von Grandchamp und an die fünf ökumenischen Imperative, insbesondere den zweiten Imperativ, der uns aufruft, „uns durch die Begegnung mit dem Anderen und durch das gegenseitige Zeugnis des Glaubens [ständig] verändern [zu] lassen“.

        Beten in Zeiten der Pandemie

        Für viele Menschen wird die Gebetswoche für die Einheit der Christinnen und Christen in diesem Jahr in erster Linie online stattfinden, weil sie wegen der Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie nicht persönlich vor Ort an Gottesdiensten in den Kirchen teilnehmen dürfen. Die Schwestern in Grandchamp selbst hat die Pandemie ebenfalls hart getroffen und sie konnten über weite Teile des Jahres 2019 keine Besucherinnen und Besucher für spirituelle Einkehrtage bei sich empfangen. Im Januar wurden mehrere Mitglieder der monastischen Gemeinschaft positiv auf COVID-19 getestet, so dass alle Mitglieder der Gemeinschaft dann gezwungen waren, sich zu isolieren und die üblichen gemeinsamen Gebete und Andachten auszusetzen. 

        Es hätten sich aber auch unverhoffte positive Entwicklungen ergeben, erzählt Schwester Embla.“Wir fühlen uns anderen jetzt näher und konnten auf ganz neue Art und Weise mit Menschen in Kontakt treten.“ Schon seit einigen Jahren übertragen die Schwestern ihre Stundengebete aus ihrer Kapelle live im Internet, als aber das Virus im vergangenen März zuschlug, verdoppelte sich die Zahl der Zuschauenden quasi über Nacht. Mehr als 140 Menschen nahmen an den ersten virtuellen Einkehrtagen über Ostern teil und einzelne Schwestern haben begonnen, auch Lectio Divina (eine Art des Bibellesens) in Zoom-Konferenzen anzubieten. „Es war eine sehr bewegende Erfahrung für uns, allein zu sein, aber gleichzeitig umgeben von so vielen Menschen“, erzählt Schwester Embla.

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          In den vergangenen Jahrzehnten sind immer wieder Schwestern aus Grandchamp in andere Länder gereist, um dort Dependancen aufzubauen, so auch in vielen Ländern, in denen Christinnen und Christen nur eine kleine Minderheit in der Bevölkerung ausmachen. Eine kleine Gruppe von Schwestern war zum Beispiel mehrere Jahre in Algerien, hat dort den Bürgerkrieg miterlebt und zusammen mit den Trappistenmönche aus dem Kloster Tibhirine, von denen sieben 1996 ermordet wurden, Zeugnis für den christlichen Glauben abgelegt. Andere Schwestern leben seit vielen Jahren in der Nähe von Jerusalem und beten für Frieden im Heiligen Land, während wieder andere sich in kleinen Gruppen im Libanon und in verschiedenen europäischen Ländern niedergelassen haben. 

          Schwester Embla reiste 2016 in ihr Heimatland Schweden, um an den gemeinsamen Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum mit Papst Franziskus und Führungspersonen des LWB teilzunehmen. „Diese Feierlichkeiten waren wirklich ein Zeichen der Hoffnung für mich“, sagt sie heute. „Man konnte den Wunsch nach Einheit förmlich spüren.“ In der ökumenischen Welt würden viele positive Dinge passieren, „die unsichtbar sind“, sagt Schwester Embla. In diakonischen Initiativen im Dienst der armen und vulnerablen Menschen zum Beispiel würden Kirchen zunehmend zusammenarbeiten.

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            In jüngerer Vergangenheit sind die Schwester weniger gereist und haben sich – bis zum Beginn der Pandemie wenigstens – mehr darauf konzentriert, Besucherinnen und Besucher in ihrer Gemeinschaft im Kanton Neuenburg und in einem kleineren Gästehaus für Einkehrtage in der deutschsprachigen Schweiz zu empfangen. „Vielen Menschen mag es heute merkwürdig erscheinen, sich auf Lebenszeit zu einem Leben in dieser Gemeinschaft zu verpflichten“, sagt Schwester Embla mit einem Lächeln. „Aber meine Welt war noch nie so groß wie hier und jetzt, wie wenn wir durch das Beten und durch unsere Gäste mit Menschen überall auf der Welt in Kontakt treten.“  

            Trotz der derzeitigen Herausforderungen sehen die Schwestern die aktuelle Zeit auch als Chance, „unsere Werte zu überdenken und uns zu fragen, was wir anders machen wollen, wenn die Beschränkungen eines Tages wieder aufgehoben werden – zum Beispiel in Bezug auf unser Engagement für die Umwelt“. Weil die Corona-Pandemie uns zwinge, „auf neue Art und Weise mit einem Gefühl von Ungewissheit zu leben“, sagt Schwester Embla abschließend, „werden wir daran erinnert, uns dem Gebet als Mittelpunkt und zentrales Element unseres Lebens zuzuwenden“.

             

             

            Von LWB/P. Hitchen. Deutsche Übersetzung: Andrea Hellfritz, Redaktion: LWB/A. Weyermüller