Russland: Theologisches Seminar in St. Petersburg eingeweiht

3 Mai 2021
Bei der Einweihung des Seminars spricht der Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands, Dietrich Brauer den Segen. Foto: ELKR

Bei der Einweihung des Seminars spricht der Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands, Dietrich Brauer den Segen. Foto: ELKR

Fernstudium für Männer und Frauen im gesamten Osteuropäischen Raum

ST. PETERSBURG, Russland/GENF (LWI) - Am 18. April hat in St. Petersburg, Russland, das Theologische Seminar der Evangelisch-Lutherischen Kirche https://www.novosaratovka.org/ offiziell ein neues Kapitel aufgeschlagen. Im Kirchenzentrum St. Peter und Paul wurden die neuen Räumlichkeiten des Seminars vom Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands (ELKR), Dietrich Brauer, eingeweiht. Das Seminar führt seine Studien- und Ausbildungsgänge überwiegend im Fernstudium durch.

„Unsere Studierenden kommen nicht nur aus Russland, sondern auch aus Georgien, Kasachstan und der Ukraine“, erläutert der Rektor der Ausbildungsstätte, Pfarrer Dr. Anton Tikhomirov. Aktuell sind es rund dreißig Männer und Frauen, die das vierjährige Hochschulstudium absolvieren. Zweimal im Jahr kommen sie und andere Interessierte in St. Petersburg zu Präsenzseminaren zusammen. Die Vorlesungen werden von einem vierköpfigen Dozententeam gehalten.

„Zusätzlich bieten wir jährlich bis zu zehn Kurzseminare in den unterschiedlichsten Regionen unserer Kirchen an“, so Tikhomirov. „Vor der COVID-19-Pandemie nahmen an diesen Kursen etwa zehn bis fünfzehn Personen teil.“

Vor dem Umzug ins Kirchenzentrum an der Petrikirche hatte das Seminar seinen Sitz in einem Gebäudekomplex in Novosaratovka, einem Dorf außerhalb von St. Petersburg. Aber „2013 wurde klar, dass das Vollstudium der klassischen Art nicht mehr möglich ist“, berichtet Tikhomirov. So entschieden sich die Verantwortlichen, künftig nur noch Fernstudiengänge und regelmäßig stattfindende Fortbildungskurse anzubieten. „Dieses Konzept hat zum Erfolg geführt“, freut sich Tikhomirov. „Noch im ersten neuen Jahrgang haben sich etwa siebzig Personen zum Studium angemeldet.“

Eine Folge der Neukonzeption war, dass die Immobilen in Novosaratovka überflüssig und zu teuer wurden. Daraufhin wurde 2019 entschieden, das Seminar ins Zentrum von St. Petersburg zu verlagern. Dieser Umzug ist nun erfolgreich beendet.

Lutherische Hochschulbildung mit wechselvoller Geschichte

Die theologische Hochschulbildung für lutherische Geistliche in der osteuropäischen Region schaut auf eine wechselvolle Geschichte zurück. „Auch wenn die Seminare und Akademien der Orthodoxen Kirche viel größere Bekanntheit genossen, gab es bereits im 19. Jahrhundert im damaligen Russischen Reich eine theologische Fakultät an der renommierten Universität Dorpat – heute Tartu in Estland“, berichtet Tikhomirov. „Hier wurde evangelische Theologie in deutscher Sprache gelehrt und die meisten Pastoren der Evangelischen Kirche im Russischen Reich ausgebildet.“

Nach der Oktoberrevolution 1917, dem Zerfall des Russischen Reiches und Estlands Unabhängigkeitserklärung 1918 war das nicht mehr möglich. 1924 wurde in Leningrad ein Predigerseminar für die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Sowjetunion gegründet. „Das Seminar konnte nur 10 Jahre durchhalten“, so Tikhomirov. „Danach wurde die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Sowjetunion vollständig zerstört.“

Erst nach der Wende wurde es wieder möglich, die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern wieder in den Blick zu nehmen. „Bischof Haralds Kalnins und danach Bischof - später Erzbischof - Georg Kretschmar haben Anfang der 1990-er Jahre Kurse für Frauen und Männer im Verkündigungsdienst organisiert“, erinnert sich Tikhomirov.

1993 wurde dann das Grundstück und das Gebäude der ehemaligen lutherischen Kirche in Novosaratovka zurückgekauft, und 1997 hat dort das Seminar seinen Unterricht begonnen.

„Noch immer sind viele Fragen offen“, so Tikhomirov. „Aber der Umzug nach St. Petersburg eröffnet neue Möglichkeiten für uns.“ Dazu zählen die Entwicklung von Kooperationsmodellen mit russischen Bildungseinrichtungen wie dem Katholische Seminar oder der Baptistischen Universität in St. Petersburg, aber auch mit Einrichtungen im Ausland, beispielsweise mit „unseren guten Freunden in Budapest, Riga und Tallinn.“

Von LWB/A. Weyermüller