LWB unterstützt die Rückkehr südsudanesischer Flüchtlinge

29 Jan. 2020
Südsudanesische Frauen von einer Kooperative in der Njumanzi-Flüchtlingssiedlung in Norduganda. Der LWB stellte ihnen Ziegen zur Verfügung, um mit ihnen ihren Lebensunterhalt zu sichern. Foto: LWB/C. Kästner

Südsudanesische Frauen von einer Kooperative in der Njumanzi-Flüchtlingssiedlung in Norduganda. Der LWB stellte ihnen Ziegen zur Verfügung, um mit ihnen ihren Lebensunterhalt zu sichern. Foto: LWB/C. Kästner

Interview mit Girma Gudina, LWB-Ländervertreter

JUBA, Südsudan/GENF (LWI) – Nach fast fünf Jahren Bürgerkrieg leben 2,3 Millionen Menschen aus dem Südsudan als Flüchtlinge außerhalb ihres Landes. Die meisten von ihnen haben Zuflucht in den Nachbarstaaten Uganda, Kenia und Äthiopien gefunden. 

Jetzt, da sich die Situation in Südsudan anscheinend stabilisiert, haben sich einige von ihnen auf den Rückweg gemacht. Diese so genannte spontane Rückkehr von Flüchtlingen findet bisher nur vereinzelt statt, könnte sich aber bald zu einer Massenbewegung entwickeln. 

In einem Gespräch mit der Lutherischen Welt-Information spricht der LWB-Ländervertreter für den Südsudan, Girma Gudina, über die Herausforderung, Flüchtlinge wieder in ihre früheren Gemeinschaften zu integrieren, und über seine schwierige Arbeit im Südsudan.  

Wie stellt sich die Lage im Südsudan heute dar?

Sie scheint sich in den letzten Jahren verbessert zu haben, besonders nach Unterzeichnung der Vereinbarung zur Einstellung der Feindseligkeiten (COH) im Dezember 2017 und dem im September 2018 unterschriebenen neuen Friedensabkommen. Es hat außerdem eine Reihe guter Gespräche zwischen dem wichtigsten Oppositionsführer und dem Präsidenten gegeben. 

Seither haben die Kämpfe deutlich nachgelassen. Es sieht so aus, als gäbe es jetzt ein größeres Engagement für den Frieden, und Flüchtlinge beginnen zurückzukehren. Wir gehen davon aus, dass bald eine größere Zahl von Flüchtlingen zurück in die Heimat kommt, und planen die Unterstützung dieser Menschen und der sie empfangenden Gemeinschaften in Zusammenarbeit mit unseren Programmen in den Aufnahmeländern Uganda, Kenia und Äthiopien und mit zuständigen Regierungsbehörden und anderen Nichtregierungsorganisationen.   

Was brauchen Flüchtlinge, um in den Südsudan zurückkehren zu können?

Die südsudanesischen Flüchtlinge beobachten mehrere Entwicklungen sehr genau. Die meisten misstrauen nach wie vor der Umsetzung des Friedensabkommens und fragen sich, ob das wohl Bestand haben wird.  In diesem Zusammenhang wollen sie auch wissen, wie die Sicherheitslage insgesamt im Land aussieht und welche Möglichkeiten sie haben, sich frei zu bewegen. Dann geht es ihnen auch darum, ob es grundlegende öffentliche Dienste gibt. Besonders Bildung spielt eine wichtige Rolle. Einige sind zurückgekommen, haben ihre Kinder aber in der Obhut von Verwandten in den Flüchtlingslagern gelassen, damit die Kinder dort ihren Schulabschluss machen.

Der Infrastrukturbedarf im Land ist hoch. Häuser sind während des Kriegs zerstört worden, es ist eine umfassende Wiederaufbauarbeit erforderlich – nicht nur im Hinblick auf die Infrastruktur, sondern auch auf die Existenzsicherung. Es werden essenzielle Dienstleistungen gebraucht: Wir müssen Schulen wiederaufbauen und instand setzen oder neue Schulen bauen, das gilt auch für Gesundheitseinrichtungen und die Wasserversorgung. Wir müssen auch an einer behutsamen Wiedereingliederung der Flüchtlinge und Rückkehrenden in die Aufnahmegemeinschaften im Südsudan arbeiten.   

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die erneute Integration der zurückkehrenden Flüchtlinge?

Wir haben festgestellt, dass die Flüchtlinge mit Hilfe von Organisationen wie dem LWB in den Aufnahmeländern in die Lage versetzt wurden, eigenständig und autark zu handeln. Das wird sich sicherlich auf ihre Rückkehr und das Tempo ihrer Reintegration auswirken.   

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Viele Frauen, die jetzt in den Flüchtlingssiedlungen in Uganda leben, haben inzwischen ein Bewusstsein in Fragen der Gendergerechtigkeit und ihrer Rechte allgemein entwickelt. Sie sprechen über Rechenschaftspflicht und zivilgesellschaftliche Regulierung, und einige hatten Führungspositionen in ihren Gemeinschaften inne. Die Gemeinschaften im Südsudan, in die sie zurückkehren, sind zum großen Teil immer noch sehr traditionell ausgerichtet und nicht daran gewöhnt, dass Frauen Führungspositionen besetzen und ihre Meinung sagen. Das kann zu Spannungen führen. 

Eine unserer großen Aufgaben wird deshalb darin bestehen, dass wir als Kommunikationslotsen für die Gemeinschaften die Rückkehr einer großen Zahl von Flüchtlingen vorbereiten und auf diese Weise dafür sorgen, dass die Erwartungen auf beiden Seiten realistisch bleiben. 

Wir arbeiten ebenfalls bereits im Vorfeld der Rückkehr am Aufbau von Kapazitäten in den südsudanesischen Gemeinschaften.  

Das Länderprogramm im Südsudan hat sich mit anderen LWB-Programmen in der Region zusammengeschlossen. Welche Vorteile hat es, die Rückkehr der Flüchtlingen mit einem regionalen Handlungsansatz anzugehen?

Eine grenzüberschreitende Strategie erlaubt es uns, den Kompetenzbedarf im Südsudan zu analysieren. Unsere Programme in Kenia und Uganda können dann für den Erwerb entsprechender Qualifikationen sorgen, so dass die Flüchtlinge für ihre Rückkehr bestens vorbereitet sind. Wir planen ebenfalls, Besuche der Flüchtlinge bei den Gemeinschaften zu organisieren, in die sie zurückkehren werden. 

Wir haben auch festgestellt, dass Flüchtlinge ganz unterschiedliche Informationen haben, die nicht schlüssig sind und sich teilweise sogar widersprechen. Um hier der Verwirrung vorzubeugen, denken wir über die Einrichtung eines lokalen Radiosenders nach, der grenzübergreifend sendet und dafür sorgt, dass die Aufnahmegemeinschaften und die Flüchtlinge dieselben zutreffenden Informationen erhalten. Das würde auch die Zusammenarbeit der Gemeinschaften unterstützen.   

Der LWB ist eine der wenigen Organisationen, die im Südsudan arbeiten. Wo ist Ihre Arbeit besonders problematisch? 

Die Arbeit im Südsudan ist mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. 60 Prozent des Landes sind während des größten Teils des Jahres nicht zugänglich, da die Straßen in einem sehr schlechten Zustand sind. Auch die Kommunikationsinfrastruktur lässt zu wünschen übrig. Im Bundesstaat Jonglei verfügen wir zurzeit über ein Büro in Panyagor, aber dorthin geht nur einmal pro Woche ein Flug des Humanitären Flugdienstes der Vereinten Nationen UNHAS/WF. Wenn man den Flug verpasst, muss man eine ganze Woche auf den nächsten warten.

Die Sicherheitslage ist ein weiteres Problem. Wir betreuen flächenmäßig ein großes Gebiet. Viele der Gemeinschaften, für die wir tätig sind, können nur über Schlammpisten erreicht werden. Während der Regenzeit ist es extrem schwierig, mit dem Auto voranzukommen, und unser Personal nimmt zahlreiche Entbehrungen auf sich, um dort arbeiten zu können. 

Positiv zu vermerken ist, dass uns die Gemeinschaften wohlgesonnen sind. Der LWB wird von den örtlichen Behörden und den Menschen, denen wir helfen, respektiert. Viele der lokalen Führungspersonen fühlen sich dem LWB verbunden, einige wurden in unseren Schulen in den Flüchtlingslagern Kakuma oder Gambella ausgebildet, als sie dort als Flüchtlinge vor früheren Konflikten gelebt haben. Sie respektieren den LWB ohne Vorbehalte, und wir hoffen und glauben, dass dies auch weiterhin der Fall sein wird.

 

Der LWB Südsudan arbeitet in den drei Bundesstaaten, die die Region Greater Upper Nile bilden: Unity, Upper Nile und Jonglei. Sie waren am stärksten vom Bürgerkrieg betroffen. Ein viertes Büro befindet sich in Magwi, Greater Equatoria. 

In Unity und Upper Nile kümmert sich der LWB in erster Linie um Bildung und Kinderschutz für sudanesische Flüchtlinge aus Blue Nile und Kordofan, zurzeit rund 297 000 Menschen. In Jonglei arbeitet der LWB mit abgelegenen Gemeinschaften in fünf Counties. Hier geht es in erster Linie um Existenzaufbau, Lebensmittelhilfen, Wasser- und sanitäre Grundversorgung und Friedensarbeit. Auf der landesweiten Ebene ist der LWB gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen und der Regierung am UPR-Prozess, dem regelmäßigen Überprüfungsverfahren des Menschenrechtsrats, beteiligt. Das zweite Projekt auf nationaler Ebene ist das DAFI-Stipendienprogramm, das die Hochschulausbildung für Flüchtlinge im Südsudan unterstützt.