Kolumbien: Sorge über die Lage in Bojayá

23 Jan. 2020
Boote der Gemeinschaft Pogue in Bojayá (Chocó). Foto: LWF/G. Moreno

Boote der Gemeinschaft Pogue in Bojayá (Chocó). Foto: LWF/G. Moreno

Regierung soll Sicherheit und Menschenrechte gewährleisten

BOJAYÁ, Kolumbien/Genf (LWI) – Der Lutherische Weltbund (LWB) in Kolumbien zeigt sich besorgt über die Inhaftierungen, Bedrohungen und paramilitärische Besetzung indigener Gemeinschaften im kolumbianischen Departamento Chocó.

„Trotz eines Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und der größten Guerillagruppe FARC wird die örtliche Bevölkerung weiterhin durch bewaffnete Akteure eingeschüchtert“, sagt Michael French, LWB-Programmkoordinator für Lateinamerika und die Karibik.

„Anhaltende Gewalt und Menschenrechtsverletzungen“

Der LWB Kolumbien ist seit mehr als zehn Jahren in Chocó präsent, leistet dort Friedensarbeit und führt Projekte zur Existenzsicherung durch. Anfang Januar hat der LWB eine Erklärung veröffentlicht und die kolumbianische Regierung aufgefordert, den Schutz der Zivilbevölkerung sicherzustellen. „Während der letzten Jahre haben wir gemeinsam mit anderen Organisationen diese Situation anhaltender Gewalt und Rechtsverletzungen in dem Departamento verfolgt“, heißt es in der Erklärung. 

Der LWB Kolumbien fordert die nationale Regierung von Kolumbien auf, die Sicherheit und den Zugang der lokalen Bevölkerung zu grundlegenden Dienstleistungen sicherzustellen und „das Leben, die Integrität und die Autonomie der unterschiedlichen ethnischen Gruppen“ und ebenfalls die lokalen Führungspersonen zu schützen, „die in den vergangenen Tagen durch illegale bewaffnete Truppen und ihren Kampf um die territoriale Kontrolle bedroht wurden und die ebenfalls ein permanentes Risiko eingehen, weil sie ihre Gebiete verteidigen und diese Aktionen verurteilen.“

Der LWB Kolumbien fordert das staatliche Militär ebenfalls auf, „Menschenrechte zu achten und das humanitäre Völkerrecht bei der Vorbereitung und Durchführung ihrer Operationen zu respektieren.“  Die Organisationen appellieren weiterhin an die Regierung, etwas gegen die systemische Natur des Konflikts zu unternehmen und so für einen nachhaltigen Frieden in den betroffenen Gemeinschaften zu sorgen.

Auf der Suche nach Frieden für die Menschen in Bojayá

Die in erster Linie indigene Bevölkerung in Chocó leidet unter den Übergriffen der paramilitärischen Truppen in ihrer Region, die auch als Korridor für die Lieferung von Waffen und den Drogenhandel benutzt wird. 2002 kam die Stadt Bojayá weltweit in die Schlagzeilen, als mehr als 80 Menschen, die in der Dorfkirche Schutz gesucht hatten, durch einen Bombeneinschlag ums Leben kamen.  Der Friedensvertrag mit der FARC-Guerilla, die auch die Verantwortung für das Massaker in Bojayá übernommen hat, ist in gewisser Weise fragil, und es gibt noch weitere im Land aktive bewaffnete Gruppen. 

Die Menschen in Chocó leben weiterhin in der Konfliktzone bewaffneter Truppen, die um die Kontrolle über das Gebiet kämpfen. Die Situation eskalierte Ende Dezember 2019, als bewaffnete Paramilitärs in die Stadt Pogue im Landkreis Bojayá einmarschierten und mehrere Gemeinschaften tagelang okkupierten. 

Sie terrorisierten die Bevölkerung und unterbrachen alle Kommunikationskanäle, so dass keinerlei Kontakte zur Außenwelt möglich waren. „Sie sind inzwischen offiziell abgezogen, aber die Menschen in der Region fühlen sich nicht sicher. Sie wissen, dass diese bewaffneten Gruppen immer noch in der Nähe sind“, fügt French hinzu.

Menschenrechtsaktivisten und -aktivistinnen riskieren ihr Leben

Die Situation ist besonders gefährlich für diejenigen, die sich für Menschenrechte einsetzen. Nach Informationen des Büros des Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) wurden 107 Aktivisten und Aktivistinnen im Jahre 2019 ermordet.  Da zurzeit weitere Fälle untersucht werden, die für das Jahr 2019 berichtet wurden, könnte die Zahl der Opfer noch weiter steigen. Nach Aussage des OHCHR wurden mindestens 10 Personen, die sich für Menschenrechte einsetzen, in den ersten Januartagen ermordet.

„Die für sich allein genommen am stärksten gefährdete Menschenrechtsgruppe setzt sich auf Gemeinschaftsebene für spezielle ethnische Gruppen wie indigene und afrokolumbianische Bevölkerungsteile ein“, sagte OHCHR-Sprecherin Maria Hurtado und fügte hinzu, dass die Zahl der Frauen unter den getöteten Menschenrechtsaktivisten in 2019 „im Vergleich zu 2018 um fast 50 Prozent gestiegen ist.“ 

„Leider sind die Drohungen gegen Menschenrechtsgruppen und die Ermordung ihrer Mitglieder nichts Neues. Es gibt vielmehr nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags eine besorgniserregende Zunahme dieser Gewalt“, berichtet Fabian Wilches, LWF-Programmreferent und Rechtsberater für Menschenrechte. „Die Regierung muss viel mehr unternehmen, um diese Morde zu verhindern und um zu untersuchen, wer dafür verantwortlich ist.“