Burghardt: Gnade, Bildung und Freiheit, den Nächsten zu dienen

19 Nov. 2021
LWB-Generalsekretärin Anne Burghardt (l.) und LWB-Präsident Panti Filibus Musa. Foto: LWF/M. Renaux

LWB-Generalsekretärin Anne Burghardt (l.) und LWB-Präsident Panti Filibus Musa. Foto: LWF/M. Renaux

Die neue Generalsekretärin stellt Prinzipien, Prioritäten und Herausforderungen vor

GENF, Schweiz (LWB) – In ihrer ersten Rede als Generalsekretärin des Lutherischen Weltbundes (LWB) beschrieb Anne Burghardt die drei Hauptprinzipien oder „Gaben“ der lutherischen Identität. Sie sagte: „Auch wenn die unterschiedlichen Kontexte, in denen Mitgliedskirchen leben und arbeiten, einen Einfluss auf die Prioritäten haben, würde die zentrale Bedeutung der „bedingungslosen Gnade Gottes“, die Betonung auf Bildung und das Wissen befreit zu sein für den Dienst am Nächsten in Not „unsere Kirchen auch heute nähren“ und prägen.

Burghardt sprach am 17. November bei einer Online-Tagung zu den Ratsmitgliedern und Beratenden. Sie sagte, das Verständnis von Gottes bedingungsloser Liebe „hat weitreichende Auswirkungen auf die Art, wie wir leben und wie wir Theologie treiben“, insbesondere in Zeiten, wenn das Wohlstandsevangelium in vielen Teilen der Welt dieses Verständnis in Frage zu stellen versuche. Sie wies darauf hin, dass das Jahr 2022, in dem sich die Veröffentlichung von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche zum 500. Mal jährt, „uns als eine Gemeinschaft dazu einlädt, uns der Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes neu zu verpflichten.“

Ein zweiter Schwerpunkt der lutherischen Identität sei „die Betonung der Relevanz von theologischer Bildung und Bildung allgemein“, führte sie weiter aus. Es sei kein Zufall, dass die Forschung zur Bibelexegese in den von der Reformation geprägten Kirchen gepflegt und weiterentwickelt worden sei. Heutzutage, „wenn vereinfachte Antworten auf komplizierte Fragen weit verbreitet“ seien, sei Bildung, die die Fähigkeit zum differenzierten Denken fördere, ein wichtiges Werkzeug, um vereinfachte Antworten und Schubladendenken zu bekämpfen. Sie fügte hinzu, dass solche vereinfachten Ansätze „Dialog nicht unterstützen und die Komplexität der Welt um uns herum nicht ernst nehmen“.

Die neue Generalsekretärin hielt fest, dass der LWB theologische Bildung in Mitgliedskirchen durch Stipendienprogramme, Studiendokumente und in neuerer Zeit durch eine Reihe von Webinaren zu verschiedenen Themen unterstützt habe. Auch würde das Netzwerk zu Theologie-Bildung und Ausbildung dabei helfen, Bildungsinstitute in allen Regionen der Gemeinschaft miteinander zu vernetzen, doch „muss seine Arbeit ausgeweitet werden“, wozu „mehr personelle Mittel“ nötig seien. Sie sagte, das könne hoffentlich durch erfolgreiche Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen der LWB-Mitgliedskirchen erreicht werden.

Befreit um zu dienen, zu unterstützen und zu verfechten

Eine dritte „besondere Gabe“ der lutherischen Identität sei das Wissen, „durch Gottes Gnade gerechtfertigt und befreit zu sein, unseren Nächsten zu dienen [....], uns dort einzusetzen, wo wir sehen, dass die Würde der Menschen mit Füßen getreten wird, oder wo Menschen ihrer Heimat und ihrer Grundrechte beraubt werden“, sagte Burkhardt. Mit Blick auf die steigende Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen sagte sie: „Die Entwicklungen, die wir in der ganzen Welt beobachten, sind nicht vielversprechend: der Aufstieg und die Stärkung autoritärer Regime, das langsame Tempo, mit dem die Staaten Maßnahmen zur Verringerung der Auswirkungen des Klimawandels ergreifen, die Zurückdrängung der Menschenrechte, insbesondere der Rechte von Frauen in vielen Bereichen“. Sie wies darauf hin, dass der Zugang zu COVID-19-Impfungen weiterhin ungleich sei, während die Impfungen „vermehrt als Waffen im Krieg der Desinformation eingesetzt würden […] und die bereits bestehende Polarisierung und Verschwörungstheorien weiter bestärken.“

Der LWB, sagte Burkhardt, spreche diese Herausforderungen aktiv durch seine Advocacy-Arbeit, diakonische, humanitäre und Entwicklungsarbeit an und unterstütze wichtige Maßnahmen der Kirchen an der Basis und mit direkter Arbeit durch die Länder- und Nothilfe-Programme. Sie betonte, dass die Stärkung von Mitgliedskirchen, lokal tätig zu werden, eine Priorität des LWB bleibe. Sie lobte insbesondere die wichtige Advocacy-Rolle der jungen Menschen, wie sie bei ihrem kürzlichen Beitrag zu COP26 sichtbar wurde. „Ich habe mich besonders gefreut, dass der Spruch ‘Schöpfung – für Geld nicht zu haben‘, der uns während des 500-jährigen Reformationsjubiläums begleitet hat, nach wie vor relevant ist und der Arbeit des LWB im Bereich der Klimagerechtigkeit eine Richtung vorgibt.“

Die Kirchen müssen „den Worten Taten folgen lassen“

Doch Burghardt merkte an, dass die Kirchen „um glaubwürdig Zeugnis ablegen zu können und nach mehr Gerechtigkeit, Inklusion und Transparenz in unserer Gesellschaft rufen zu können, den Worten Taten folgen lassen“ müssten. Daher sei es unerlässlich, Programme fortzusetzen, die den Kirchen Unterstützung bei der „Ausarbeitung von Führungsprinzipien und -strukturen bieten, die mit dem lutherischen Verständnis des Priestertums aller Gläubigen übereinstimmen und die Prinzipien der dienenden Führung zum Ausdruck bringen“.

Um Akteure für Versöhnung zu sein, so Burkhardt weiter, müssten die Kirchen die Fähigkeit haben, Frieden zu schaffen. In einer immer polarisierteren Gesellschaft „benötigen viele Kirchen diese Fähigkeit, um auch mit unterschiedlichen Meinungen und Konflikten innerhalb ihrer Mitgliedschaft umgehen zu können“, führte sie weiter aus. Sie betonte die „hervorragende Arbeit“, die in dieser Hinsicht von der mennonitischen Gemeinschaft geleistet würde und deutete an, „dass wir wahrscheinlich sehr viel durch eine ökumenische Zusammenarbeit gewinnen“ könnten.

Eine weitere große Herausforderung, auf die Burghardt hinwies, sei die Frage, „wie wir die Menschen an der Basis, die Menschen in den Kirchenbänken, besser erreichen können“, und zwar mit einem erneuerten Bewusstsein, dass sie einer globalen Gemeinschaft angehören. Sie betonte, dass es die Rolle des LWB sei, ein „übergeordnetes Bindeglied und ein Vermittler zu sein, der die verschiedenen Teile unserer weltweiten Gemeinschaft zusammenbringt.“ Die LWB-Lernplattform, die nächstes Jahr auf der Website eingerichtet werden soll, wird Raum für den Austausch von Ressourcen und Materialien bieten, „mit der diese Rolle weiter gestärkt wird.“

In Zeiten, in denen globale Plattformen immer stärker hinterfragt werden, sei „der Wille, weiter zusammen vorwärtszugehen ein starkes Zeichen an die Welt um uns herum“. Das Thema der nächsten LWB-Vollversammlung „´Ein Leib, Ein Geist, Eine Hoffnung´ stärkt uns […] in unserer Verpflichtung zu Einheit und Gemeinschaft mit Gott und untereinander“, schloss Burghardt.

Von LWB/P. Hitchen. Deutsche Übersetzung: Tonello-Netzwerk, Redaktion LWB/A. Weyermüller