Anglikanisch-lutherische Beziehungen: Ausblick auf Lambeth-Konferenz

28 Jun. 2022

Archidiakon von Canterbury Will Adam spricht vor 15. Lambeth-Konferenz über ökumenische Erkenntnisse und Hoffnungen

Archdeacon Designate of Canterbury Rev. Dr Will Adam

Will Adam ist Archidiakon von Canterbury. Foto: Neil Vigers/ACO

(LWI) – Anglikanische Bischöfinnen und Bischöfe in aller Welt rüsten sich derzeit für ein wichtiges Ereignis im Leben ihrer Kirchengemeinschaft, das den Dienst und die Mission der Mitgliedskirchen in den nächsten zehn Jahren prägen wird: Vom 26. Juli bis 8. August wird in Canterbury die 15. Lambeth-Konferenz stattfinden, zu der mehr als 600 Bischöfinnen und Bischöfe zusammen mit ihren Ehepartnerinnen und Ehepartnern, ökumenischen Beobachtenden und anderen geladenen Gästen zusammenkommen werden.

Auch die Generalsekretärin des Lutherischen Weltbundes (LWB), Anne Burghardt, wird zusammen mit dem Assistierenden LWB-Generalsekretär für Ökumenische Beziehungen, Dirk Lange, daran teilnehmen. Unter den vielen Menschen aus aller Welt, die sie in der geschichtsträchtigen Stadt im südöstlichen England begrüßen werden, wird auch ein alter Freund und Ökumene-Experte, Will Adam, sein, der erst vor Kurzem zum Archidiakon von Canterbury ernannt wurde.

Die Lambeth-Konferenz, die ursprünglich immer im Lambeth-Palace, der offiziellen Residenz des Erzbischofs von Canterbury am Ufer der Themse in London stattgefunden hat, findet seit 1867 etwa alle zehn Jahre statt und bringt die Bischöfinnen und Bischöfe der Kirchengemeinschaft zum gemeinsamen Gebet, zur gemeinsamen Reflexion, zum gemütlichen Beisammensein und zur Erörterung der Herausforderungen zusammen, mit denen die weltweite Kirchengemeinschaft und ihre 80 Millionen Mitglieder konfrontiert sind. Sie ist eines der vier so genannten Instrumente der Einheit der anglikanischen Kirchengemeinschaft.

Leidenschaftlich engagiert für die Weltkirche

Schon vor seiner Ernennung zum Archidiakon von Canterbury hatte Will Adam verschiedene hochrangige Funktionen innerhalb der Anglikanischen Kirchengemeinschaft inne; so war er zum Beispiel unter anderem in den vergangenen zwölf Monaten ihr stellvertretender Generalsekretär. Seit 2019 war er zudem Direktor des Arbeitsbereichs Einheit, Glauben und Kirchenverfassung und davor Ökumene-Berater des Erzbischofs von Canterbury Justin Welby.

Sein leidenschaftliches Engagement für die Ökumene schreibt Adam seinen „in der Schweiz gesammelten Auslandserfahrungen am Ende des Studiums“ am Ökumenischen Institut des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Bossey zu. Er hatte zunächst an der Universität Manchester Theologie und englische Kirchengeschichte studiert und dann das Priesterseminar am Westcott House in Cambridge besucht. 1993 aber wurde er statt Priester zu werden allerdings für sechs Monate nach Bossey in der Nähe von Genf geschickt.

„Bis dahin hatte mich eigentlich nur die Kirche in England interessiert, aber die Erfahrungen in Bossey haben mir die Augen geöffnet für die Schönheit, das Wunder und die Vielfalt der Weltkirche“, erinnert er sich heute. „Ich habe dort zusammen mit etwa 55 Studierenden aus rund 40 Ländern und verschiedenen Konfessionen studiert und brannte für alles, was mit Ökumene zu tun hatte, als ich zurückgekehrt bin“, sagt er. 1998 war er Jugenddelegierter bei der ÖRK-Vollversammlung in Harare und wurde in der Folge zum Ökumene-Beauftragten der Diözese Ely in Ostengland ernannt.

Adam ist verheiratet mit Lindsay Yates, die ebenfalls anglikanische Pfarrerin ist. Die beiden haben drei gemeinsame Töchter. Im Moment ist die Familie mit dem Umzug vom ländlichen West Sussex nach Canterbury beschäftigt, wo Adam auch das Amt des Kanonikers mit Residenzpflicht an der historischen Kathedrale von Canterbury innehaben wird, die 597 als Hauptsitz der englischen Kirche errichtet wurde. „Wie für viele Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt seit Jahrhunderten liegt mir Canterbury sehr am Herzen“, sagte er nach seiner Ernennung im März.

Adam hat reiche Erfahrungen in der Ökumene gesammelt. So ist er derzeit zum Beispiel neben Lange Co-Vorsitzender eines neuen Gremiums, das auch als ALICUM – Internationale Anglikanisch-Lutherische Kommission für Einheit und Mission – bekannt ist. Erst kürzlich haben sich die beiden Männer zusammen mit der anglikanischen Bischöfin Given Guala aus Tansania und der lutherischen Bischöfin Cindy Halmarson aus Kanada in Genf getroffen, um zu erörtern, wie eine praktische Zusammenarbeit der Bischöfinnen und Bischöfe und ihrer beiden Kirchengemeinschaften auf nationaler und regionaler Ebene unterstützt werden könnte. 

„Es ist jetzt vier Jahre her, dass die Einrichtung von ALICUM vom LWB-Rat und den legislativen Gremien der Anglikanischen Kirchengemeinschaft gebilligt wurde“, sagt Lange, „aber COVID hat auch uns in unseren Bemühungen um diese neue Form des gemeinsamen Dienstes wirklich ausgebremst.“ Jeweils ein Bischof oder eine Bischöfin der beiden Konfessionen sollen ernannt werden, um als Zweiergespann in einer Vielzahl von Kontexten zusammen zu arbeiten, erläutert er. „Zu diesen verschiedenen Kontexten werden Länder zählen, in denen die beiden Kirchen die Mehrheit oder eine Minderheit der Bevölkerung vertreten, aber auch interreligiöse Kontexte und eine Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinschaften“, führt er aus.

Differenzen, die einer Gemeinschaft nicht im Weg stehen

Adam weist darauf hin, dass ALICUM ein wichtiges Musterbeispiel für „eine Übung in rezeptiver Ökumene [ist], bei der wir uns fragen, was eine Seite der jeweils anderen zu geben hat“. In den vielen Jahrzehnten des ekklesiologischen und theologischen Dialogs, berichtet er, „haben anglikanische und lutherische Gläubige spätestens bei der Veröffentlichung des Jerusalem-Berichts 2012 festgestellt, dass die Differenzen zwischen uns einer Gemeinschaft nicht zwangsläufig im Weg stehen“. In einigen Teilen der Welt stehen die beiden Kirchen heute in einer Beziehung der vollen Kirchengemeinschaft, „während das in anderen Regionen noch nicht möglich ist, wobei es auch dort das Potenzial für eine engere Zusammenarbeit Seite an Seite gibt“, erklärt Adam.

Wenn man den größeren theologischen Kontext betrachtet, erklärt er, stellt man fest, dass sich die Anglikanische Kirchengemeinschaft ja zusammen mit der methodistischen Kirche und der reformierten Kirche der Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GER) angeschlossen habe. Die 1999 von lutherischen und der Römisch-katholischen Kirche unterzeichnete Übereinkunft sei „eines der wichtigsten ökumenischen Dokumente aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er plant, Exemplare der zum 20. Jahrestag der Unterzeichnung veröffentlichten Jubiläumsausgabe mit zur Lambeth-Konferenz zu nehmen, und betont, wie wichtig es ist, „jetzt weiterzumachen, um zu sehen, wie die eingegangenen Verpflichtungen nun auch praktisch Früchte tragen können“.

Die Bischöfinnen und Bischöfe, die in Canterbury zusammenkommen werden, um über die Zukunft ihrer weltweiten Kirchengemeinschaft zu sprechen, vertreten diesbezüglich ganz unterschiedliche Ansichten. Adam ist zuversichtlich, dass das gemeinsame Beten und die gemeinsamen Bibelarbeiten, die Präsentationen im Plenum und insbesondere die Arbeit in den kleineren Diskussionsgruppen „die Beziehungen in der Gemeinschaft stärken“ werden, die durch die Differenzen in Bezug auf Themen wie Ehe und gleichgeschlechtliche Partnerschaften derzeit teilweise belastet sind.

„Es wird eine aufrichtige und kontroverse Debatte geben“, sagt Adam, „aber ich hoffe, dass wir uns in den verschiedenen Arten und Weisen, wie wir den gemeinsamen Standpunkt der Kirchengemeinschaft erarbeiten, mit den wichtigen Themen der heutigen Zeit beschäftigen können, zu denen auch Verfolgungen, Ungerechtigkeit und der Klimawandel gehören, und dass wir erkennen werden, wie wir die anglikanischen Gläubigen und Kirchen für eine effektivere Mission und einen effektiveren Dienst in einer konfliktreichen Welt besser zurüsten können.“

LWF/P. Hitchen