Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

23.10.2002
Wir wollen nicht Marionetten der PolitikerInnen sein
 

Argentinische Kirchen stärken Zivilgesellschaft mit Workshops

Buenos Aires (Argentinien)/Genf, 23. Oktober 2002 (LWI)
- Wenn in einem argentinischen Volkstheaterstück ein Politiker oder eine Politikerin auftritt, so zieht er oder sie den ohnehin schon armen Leuten noch das letzte Geld aus der Tasche. Auch in der Realität bringen die ArgentinierInnen ihren PolitikerInnen tiefstes Misstrauen entgegen. Nach allen Meinungsumfragen fühlen sie sich von keiner einzigen politischen Institution repräsentiert, weder von der Regierung noch vom Parlament noch vom Obersten Gerichtshof. Die Krise, die das Land erlebt, ist nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern vor allem eine Krise der demokratischen Institutionen.

Politik gilt als korruptes und schmutziges Geschäft. „Der Staat gilt als Beute“, sagt Gustavo Driau, Projektleiter in einem gemeinsamen Büro der Evangelischen Kirche am La Plata und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche. „Die Menschen denken, der Staat gehört den Politikern und Politikerinnen, und nicht allen Argentiniern und Argentinierinnen“.

Die beiden Minderheitskirchen im überwiegend katholischen Argentinien sind der Überzeugung, dass sie dieser Politikmüdigkeit etwas entgegensetzen und damit zu einer demokratischeren Gesellschaft beitragen können, zumindest auf kommunaler Ebene. Deswegen organisieren sie Workshops, bei denen es darum geht, VertreterInnen von Stadtverwaltungen, lokale Vereinigungen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) an einen Tisch zu bringen. Die Workshops finden in fünf aufeinander aufbauenden Teilen im Zeitraum September 2002 bis Juni 2003 statt, bisher allerdings nur im äussersten Nordosten Argentiniens.

Ziel der Workshops ist, die TeilnehmerInnen zu motivieren, in Zukunft die Kommunalpolitik gemeinsam zu gestalten. „Wir stellen uns unser Land anders vor als bisher“, sagt Alejandra Vieitez, eine der beiden Workshopleiterinnen, zu den rund 50 TeilnehmerInnen. Und ihre Kollegin Graciela Maiztegui fügt hinzu: „Seit Jahren gehen wir regelmässig wählen und dann zurück nach Hause, um dann irgendwann zu protestieren.“ Jetzt gehe es darum, mit konstruktiver Kritik in der Gesellschaft aktiv zu werden. Voraussetzung dafür sei, so Maiztegui, zu verstehen, wie es zu der aktuellen Krise gekommen ist. „Es gibt hier grosse Armut und hohe Arbeitslosigkeit. Was sind die Gründe dafür? Die Dinge geschehen nicht einfach so.“

„Wir fühlen uns verpflichtet, den Menschen zu helfen, ihre eigenen Probleme zu verstehen“, darum gehe es den beiden Kirchen, die die Workshops organisieren, betonte Gustavo Driau. Dafür sei es nötig, dass die TeilnehmerInnen ihre Rechte besser kennen lernen, besonders ihre wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte. Dazu gehören das Recht auf Arbeit ebenso wie das Recht auf Nahrung, Kleidung und Wohnraum. Nach Ansicht des Kirchenvertreters sind die Workshops ein Beitrag zur nachhaltigen kommunalen Entwicklung. Wirtschaft, Soziales und Umweltschutz sollen dabei gleichermassen berücksichtigt werden.

Mit Blick auf das Thema der Zehnten LWB-Vollversammlung im Juli 2003 im kanadischen Winnipeg „Zur Heilung der Welt“ sagte Driau, die Kirchen könnten nicht auf alle Fragen eine Antwort geben, aber sie können Denkanstösse bieten. „Was wir tun, ist wie ein kleines Samenkorn für eine bessere Gesellschaft, damit unser Land nicht noch einmal in eine solche Krise gerät.“

In den Diskussionen während des Workshops zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, gemeinsame Ziele für die Kommunalpolitik zu entwickeln. Jeder sieht die Prioritäten auf anderen Gebieten. Den BesitzerInnen von kleinen Plantagen mit Matebäumen geht es darum, sich die Preise für Matekraut nicht von GrossgrundbesitzerInnen verderben zu lassen. UmweltschützerInnen dagegen erscheint es das Allerwichtigste, die Sümpfe von Iberá, die grösste Süsswasserreserve des Kontinents, nicht zu verschmutzen.

Auch wenn alles vorrangig erscheine, sagt Graciela Maiztegui, so müssten sich doch die VertreterInnen aus jeder Stadt, aus jedem Landkreis darauf einigen, was in welcher Reihenfolge und mit welchem Geld getan werden soll. „Wohin wollen wir gehen? Wenn wir das nicht entscheiden, werden andere für uns entscheiden, werden uns sagen: ‚Geht dorthin‘, und wir werden dorthin gehen. Dann werden wir nur wie Marionetten sein.“

Die Evangelische Kirche am La Plata hat rund 47.000 Mitglieder und gehört seit 1991 zum Lutherischen Weltbund (LWB). Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche mit rund 7.000 Mitgliedern ist seit 1951 Mitgliedskirche des LWB. (631 Wörter)

(Ein Beitrag von LWI-Korrespondentin Alexandra Jaenicke, die gegenwärtig die Evangelische Kirche am La Plata in Buenos Aires in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt.)

Dieser Beitrag gehört zu einer Feature-Serie der Lutherischen Welt-Information (LWI) zum Thema der Zehnten LWB-Vollversammlung 2003 „Zur Heilung der Welt“. Die Serie beleuchtet die Relevanz des Vollversammlungsthemas in den verschiedenen regionalen und lokalen Kontexten der weltweiten lutherischen Gemeinschaft und stellt Projekte der Versöhnung und Heilung vor angesichts weltweiter Bedrohung. Die Zehnte LWB-Vollversammlung findet vom 21. - 31. Juli 2003 in Winnipeg (Manitoba/Kanada) statt.

 

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