Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

10.09.2002
Arbeitslosigkeit untergräbt die Würde der Arbeit
 

LWB-Ratstagung in Wittenberg (Deutschland), 10. – 17. September 2002

PRESSEMITTEILUNG NR: 05

LWB-Generalsekretär Noko: Globalisierung ist eines der bestimmenden Phänomene dieses Jahrhunderts

Lutherstadt Wittenberg (Deutschland)/Genf, 10. September 2002 (LWI)
– Die Globalisierung ist eines der bestimmenden Phänomene dieses Jahrhunderts, dies betonte heute der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes (LWB), Pfr. Dr. Ishmael Noko, in seinem Bericht an die Mitglieder des LWB-Rates in der Lutherstadt Wittenberg (Deutschland). Seit der letzten Ratstagung im vergangenen Jahr habe sich die Globalisierungsdebatte verschärft. Auf der ganzen Welt habe sie Regierungen und Führungskräfte in der Wirtschaft in ihren Bann gezogen. Die Globalisierung scheine ein Gefühl der Unsicherheit und der Unzufriedenheit zu schaffen und die Menschen befürchteten, dass Regierungen, Unternehmen und internationale Organisationen weder auf ihre Sorgen hörten, noch sich für ihr Wohlergehen interessierten, erklärte Noko während der LWB-Ratstagung, die vom 10. bis 17. September in Wittenberg stattfindet.

Im wirtschaftlichen Bereich zeichne sich die Globalisierung durch die Ausweitung von Handelstransaktionen über nationale Grenzen hinweg aus. Die Öffnung neuer Märkte für lokale und nationale ProduzentInnen schaffe zwar für einige grösseren Wohlstand; das Problem liege aber, so Noko, in der Verteilung dieser Vorteile, die in erster Linie den wirtschaftlich Mächtigen zugute kämen.

In diesem Spannungsfeld zwischen Vor- und Nachteilen der Globalisierung seien auch die Kirchen gefangen. Als christliche Gemeinschaft, deren Einheit eine Gabe Gottes und deren Mission die Verkündigung von Gottes Liebe und Gerechtigkeit sei, hätten die Kirchen keine andere Wahl, als die Debatte zur Globalisierung und ihrer Folgen zu führen.

Der LWB-Generalsekretär kritisierte, dass es der Globalisierung an Strukturen der Regulierung und Rechenschaftspflicht mangele. Dieses demokratische Defizit komme beispielsweise in den jährlichen Treffen der sogenannten G8-Staaten zum Ausdruck. Bei den Regierungen der mächtigsten Industrienationen würden „routinemässig Entscheidungen getroffen, die sich auf das Leben aller Menschen dieser Erde auswirken“. Es sei schwer verständlich, wie acht Nationen über die Zukunft der ganzen Welt entscheiden könnten und dies in einem Jahrhundert, in dem Transparenz und Teilhabe als äusserst wichtige Ecksteine der Demokratie gelten würden.

Die Globalisierung sei nur dann sinnvoll, wenn sie die Reduzierung von Armut ermögliche und es den Menschen erlaube, ein Leben in Würde zu führen. Er sei sich bewusst, so Noko, dass es nicht einfach sei, einen Wandel herbeizuführen. Als Folgen der Globalisierung benannte er die ökonomische Schwächung vieler Kirchen in den Entwicklungsländern. Schwindende finanzielle Ressourcen hätten immer grössere Schwierigkeiten für die Kirchen zur Folge. Die finanzielle Krise zum Beispiel in Argentinien, Nicaragua, Palästina und Liberia sei weit mehr als nur materieller Mangel, sondern habe „eine ekklesiologische und spirituelle Dimension“.

„Wir befinden uns in einer Situation, in der Arbeitslosigkeit die Würde der Arbeit untergräbt“, betonte Noko. Arbeit diene dem Unterhalt von Familien, trage zur Gemeinschaft bei und bestimme die eigene Identität. „Mit Arbeit versuchen wir unserem Leben Würde zu verleihen und ihm einen Sinn zu geben.“
Es gebe einzelne Menschen in unseren Gesellschaften, die aufgrund von Arbeitslosigkeit ihr Selbstwertgefühl verloren hätten und nicht in der Lage seien, ihren Familienmitgliedern in die Augen zu schauen. Diese negativen Auswirkungen der Globalisierung hätten die Tendenz, die Würde der Arbeit zu untergraben. Um der Bedeutung des Themas gerecht zu werden, würden sich daher verschiedene Projekte, Studien und Tagungen des LWB mit der Globalisierung auseinandersetzen, erklärte Noko.

Erinnerungen heilen, statt nur Symptome behandeln

Mit Blick auf zahlreiche Spannungsherde weltweit, betonte LWB-Generalsekretär Noko, vielfach würden nur Symptome behandelt, die Erinnerungen aber nicht geheilt. Als Beispiel benannte er den Konflikt zwischen dem Präsidenten von Simbabwe, Robert Mugabe, und dem britischen Premierminister Tony Blair. Der Konflikt reiche zurück in eine schmerzvolle Geschichte. Es gehe dabei um wesentlich mehr als die Verteilung von Farmen und die Streitigkeiten über die Umverteilung von Land. So seien mit der Unterzeichnung des Lancaster-House-Abkommens 1979, das zur Gründung von Simbabwe führte, die leidvollen Erinnerungen nicht geheilt worden. Noko forderte die Kirchen in Grossbritannien und Simbabwe dazu auf, „neue Wege zu beschreiten und Initiativen zu ergreifen, um beide Länder aus einer Situation der politischen Symptombehandlung zur wirklichen Heilung zu bewegen“.

Als weiteres Beispiel benannte Noko die Terroranschläge auf die USA am 11. September letzten Jahres, die grössten Einfluss auf die internationale Situation hätten. Symbole militärischer und wirtschaftlicher Macht seien dem Erdboden gleichgemacht worden „in den Flammen der Wut, des Hasses und der Verzweiflung“. Die am 11. September ausgelöste Kettenreaktion wirke bis heute fort. So sei die Fremdenfeindlichkeit wieder auf dem Vormarsch und Religion und Hautfarbe seien zu einer Art „Personalausweis“ geworden. Als Präsident George W. Bush dem Terrorismus den Krieg erklärte, ohne je definiert zu haben, was Terrorismus sei, hätte dies unterdrückerischen Regimes weltweit einen Vorwand geliefert, unter dem Deckmantel des Kriegs gegen den Terrorismus politische GegnerInnen zu unterdrücken.

Konflikt im Nahen Osten nur durch Dialog, Verständnis und Vertrauen lösbar

Der gewaltsame Konflikt im Nahen Osten könne nur, so LWB-Generalsekretär Noko, durch Dialog, Verständnis und Vertrauen gelöst werden. Dies hänge jedoch in grossem Masse davon ab, „dass sich Israel überzeugend und echt für einen unabhängigen palästinensischen Staat und eine bessere Zukunft einsetzt, anstatt durch Massnahmen, die auf eine kollektive Bestrafung hinauslaufen, die Verzweiflung zu schüren“. Die palästinensische Seite müsste den Selbstmordattentaten auf israelische ZivilistInnen ein Ende setzen, da sie die legitimen Forderungen der PalästinenserInnen untergraben würden.

Im Juni hätten Mitglieder des LWB-Exekutivkomitees bei einem Besuch im Nahen Osten sowohl Verzweiflung als auch Hoffnung erlebt. „Anlass zur Verzweiflung war und ist die Zerstörung von menschlichem Leben, Gemeinwesen und Eigentum sowie das Empfinden, die gemeinsame Zukunft für das israelische und palästinensische Volk sei verloren. Anlass zur Hoffnung gibt hingegen die unzerstörbare Hoffnung und der unbezähmbare Glaube, die man in kleinen Gruppen und bei einzelnen Menschen auf beiden Seiten findet“, so Noko.

Vorbereitungen zur Zehnten LWB-Vollversammlung laufen planmässig

In seinem Bericht an den Rat betonte Noko, dass die Vorbereitungen für die Zehnte LWB-Vollversammlung vom 21. bis 31. Juli 2003 im kanadischen Winnipeg planmässig verliefen. Hinsichtlich der finanziellen Planungen bestünde gegenwärtig ein geschätztes Defizit von rund 44.000 US-Dollar, jedoch werde alles unternommen, das Defizit auszugleichen. Ein weiteres Problem bestehe bei der Beteiligung von JugendvertreterInnen. Entgegen der angestrebten 20 Prozent liege gegenwärtig die Jugendbeteiligung bei nur 15 Prozent. Er werde dies bei den regionalen vorbereitenden Konsultationen zur Vollversammlung zur Sprache bringen, betonte Noko.

Im Vorfeld der Tagung in Wittenberg hätten die Ratsmitglieder den „Bericht des Generalsekretärs im Namen des Rates (Sechsjahres-Bericht)“ erhalten, zu dessen Überarbeitung nun Anmerkungen gesammelt würden, so Noko. Das „Studienbuch: Zur Heilung der Welt“ läge den Ratsmitgliedern zur aufmerksamen Prüfung vor, mit der Bitte, dass es zur Veröffentlichung freigegeben werde.

In Anlehnung an frühere Ratsbeschlüsse informierte der LWB-Generalsekretär die Ratsmitglieder, dass Arbeitsgruppen zum Thema „Kommunikation in der Struktur des LWB“ sowie zu „Wesen und Zukunft des LWB als Gemeinschaft von Kirchen“ einberufen worden seien, deren Berichte nun zur Diskussion vorlägen. Ebenso lägen den Ausschüssen für Theologie und Studien sowie für Ökumenische Angelegenheiten Vorschläge vor zur Frage, wie die Rolle von Theologie und Ökumene im Leben des LWB besser gefördert werden könne.

HIV/AIDS: Das Schweigen brechen

Im Mai diesen Jahres fand in Nairobi (Kenia) eine Panafrikanische lutherische KirchenleiterInnenkonsultation statt mit dem Ziel, der HIV/AIDS-Pandemie entgegenzuwirken. Das Abschlusskommuniqué „Das Schweigen brechen“ sei den LWB-Mitgliedskirchen zugesandt worden, zusammen mit einem Exemplar von „Anteilnahme, Umkehr, Zuwendung: Kirchen reagieren auf die HIV/AIDS-Pandemie. Ein Aktionsplan des Lutherischen Weltbundes“. Die MitarbeiterInnen des LWB-Sekretariats seien nun bemüht, die notwendigen finanziellen Mittel zur Umsetzung dieses Aktionsplans zu erschliessen, um die Mitgliedskirchen in ihrer entscheidenden Rolle inmitten der gegenwärtigen Krise zu unterstützen.

Entsprechend des Ratsbeschlusses, mit der Lutherischen Kirche - Missouri-Synode (LK-MS) ins Gespräch zu treten und Möglichkeiten für Beziehungen mit dem Internationalen Lutherischen Rat (ILR) zu untersuchen, habe in diesem Sommer ein erstes Treffen von VertreterInnen beider Organisationen stattgefunden, so Noko. Neben der Erörterung von Gemeinsamkeiten wie auch Unterschieden sei festgestellt worden, dass in den zwischenkirchlichen Beziehungen häufig nur kontroverse Fragen betont würden. Ein nächstes Treffen zwischen ILR und LWB sei für Ende Oktober 2003 geplant.

Zur finanziellen Situation des LWB bemerkte Noko, dass die finanzielle Gesamtsituation des LWB und seiner Mitgliedskirchen nach wie vor „Anlass zur Sorge“ gebe. Aus der weltweiten finanziellen Unsicherheit ergebe sich für das Jahr 2003 „ein geschätztes mässiges Defizit“. Es sei mit konzertierten Bemühungen um die Erschliessung neuer Finanzmittel begonnen worden. Im März nächsten Jahres wolle er dem LWB-Exekutivkomitee einen Entwurf für einen ausgeglichenen Haushalt für 2004 und 2005 vorlegen, so Noko.

Der LWB-Generalsekretär informierte die Ratsmitglieder, dass die baltischen Auslandskirchen, die Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche im Ausland mit Sitz in Toronto (Kanada), die Lettische Evangelisch-Lutherische Kirche im Ausland, sie hat ihren Sitz in Deutschland, sowie die Litauische Evangelisch-Lutherische Kirche in der Diaspora (LELK) mit Sitz in Oak Park (USA) den LWB-Rat um die Zuweisung eines Sitzes im Rat für die kommende Amtszeit gebeten hätten. Weiterhin berichtete Noko, dass die Lutherische Kirche der Republik China mit einem Schreiben vom 2. Februar 2002 ihren Austritt aus dem LWB erklärt habe, da sie mit der Zustimmung des LWB zur Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GE) nicht einverstanden sei.

An der LWB-Ratstagung in Wittenberg nehmen 103 VertreterInnen der 133 LWB-Mitgliedskirchen aus 73 Ländern sowie rund 140 weitere TeilnehmerInnen teil, darunter MitarbeiterInnen des LWB, DolmetscherInnen, Stewards, PressevertreterInnen und Gäste. Der jährlich tagende LWB-Rat ist das höchste Leitungsgremium zwischen den in der Regel alle sechs Jahre stattfindenden Vollversammlungen des LWB. Der 49-köpfige Rat besteht aus dem Präsidenten, der Schatzmeisterin und 47 weiteren Ratsmitgliedern und wird von der Vollversammlung gewählt. Der Lutherische Weltbund umfasst zur Zeit insgesamt 133 Mitgliedskirchen in 73 Ländern und vertritt rund 61,7 Millionen der weltweit rund 65,4 Millionen LutheranerInnen. (1.538 Wörter)

 

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