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LWB-Präsident Krause: Treffen ist auch als Solidarität mit den von der Hochwasserflut betroffenen Menschen zu verstehen
Hannover (Deutschland)/Genf, 5. September 2002 (LWI) - Der Lutherische Weltbund (LWB) wird seine Ratssitzung wie geplant vom 9. bis 17. September in Lutherstadt Wittenberg (Deutschland) abhalten. Darauf hat der Präsident des LWB, Landesbischof i. R. Dr. h. c. Christian Krause (Wolfenbüttel), in einem Interview der „VELKD Informationen“ hingewiesen. Zwar sei eine Verlegung nach Berlin angesichts der Flutkatastrophe erörtert worden, doch hätten die Partner in Wittenberg Entwarnung gegeben. „Wir verstehen das Treffen auch als Solidarität mit den Menschen, die von der Hochwasserflut betroffen sind“, sagte Krause.
Die Tagung des Rates ist das letzte Treffen dieses Gremiums in vollem Umfang einschliesslich der Ausschusssitzungen vor der Vollversammlung 2003 in Winnipeg (Kanada). Krause bekräftigte das Bekenntnisprofil des LWB. Für viele der Mitgliedskirchen sei dies eine existentielle Frage, so dass lutherische Identität für ihr Selbstverständnis wichtig sei. Diese Identität bestimme zugleich den Weg dieser Kirchen in die grössere Gemeinschaft des Weltbundes und durch ihn in die weltweite Ökumene hinein. „Nur in Deutschland kommt man dann und wann auf den Gedanken, zu meinen, dass das Bekenntnis der Ökumene entgegenstünde“, kritisierte Krause.
In Winnipeg endet auch die Amtszeit des LWB-Präsidenten. Christian Krause war auf der Neunten LWB-Vollversammlung 1997 in Hongkong (China) gewählt worden. Im Interview zog er eine erste Bilanz seiner Amtszeit. Ihm sei die „pastorale Dimension“ seines Amtes sehr wichtig gewesen, die Mitgliedskirchen und ihre Menschen zu besuchen. Die interkonfessionellen Beziehungen seien ihm nicht weniger wichtig gewesen. Das Ringen um die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (GE) von LWB und römisch-katholischer Kirche, die am 31. Oktober 1999 feierlich bestätigt wurde, bezeichnete Krause als „wichtige, aber nicht immer leichte Phase“ seiner Amtszeit. Die Anstrengungen hätten sich jedoch gelohnt, denn die GE sei das einzige interkonfessionelle Dialogergebnis, das weltweit gelte. Es sei jedoch bedauerlich, dass die wechselseitige Anerkennung als Kirche durch das vatikanische Papier „Dominus Iesus“ wieder in Frage gestellt worden sei. Dieses Dokument habe „sehr geschadet“.
Gleichwohl bleibt LWB-Präsident Krause bei seiner positiven Einschätzung. Die GE habe eine „neue Basis“ in den Beziehungen zwischen LutheranerInnen und KatholikInnen geschaffen. „Wir begegnen uns in grösserer Offenheit als zuvor und mit einem deutlich gestärkten Willen zur Gemeinschaft.“ Im Dialog mit Rom seien jedoch noch viele Fragen offen, die jetzt gemeinsam angegangen werden müssten. Für vordringlich hält Krause die Verständigung über ein gemeinsames Abendmahl, „wenigstens aber die gastweise Zulassung evangelischer Christen zur Eucharistie“, was umgekehrt in der evangelischen Kirche schon seit mehr als 20 Jahren praktiziert werde. „Hier kann, hier muss sich die Gemeinsame Erklärung positiv auswirken“, hofft der Präsident des Lutherischen Weltbundes. Auf die Frage, ob es nach der GE eine „Gemeinsame Erklärung zum Abendmahl“ geben werde, antwortete Krause: „Da wage ich keine Prognose, denn die theologische Gemengelage ist komplex. Das Thema Eucharistie ist mit der Ekklesiologie, der Lehre von der Kirche, verknüpft. Und diese mit dem Verständnis des Priesteramtes. Das ist ein theologisches Riesenpaket.“ (488 Wörter)
Im Anschluss finden Sie den vollen Wortlaut des Interviews:
Das Interview - mit LWB-Präsident Landesbischof i. R. Dr. h. c. Christian Krause
LWB-Ratstagung in Wittenberg kann wie geplant stattfinden
Der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Landesbischof i. R. Dr. h. c. Christian Krause (Wolfenbüttel), sagte im Interview der „VELKD Informationen“, das Treffen sei auch als Solidarität mit den von der Hochwasserflut betroffenen Menschen zu verstehen - Positive Bilanz der 2003 zu Ende gehenden Amtszeit gezogen - „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ als „neue Basis“ in den Beziehungen zu Rom gewürdigt - Verständigung beim Abendmahl angemahnt.
VELKD-Informationen: Herr Präsident, der Rat des Lutherische Weltbundes hält seine letzte Tagung vor der Vollversammlung in Wittenberg ab. Enthält die Wahl dieses Tagungsortes, der aufs Engste mit der Reformation Martin Luthers verbunden ist, auch eine geheime Botschaft, etwa noch mehr lutherisches Profil zeigen zu wollen?
Christian Krause: Eigentlich hätte diese Ratssitzung - wie auch schon die im vergangenen Jahr - in Jerusalem stattfinden sollen. Es war uns wichtig, mit unserer lutherischen Schwesterkirche und Mitgliedskirche in Palästina eine gemeinsame Sitzung dort zu haben und damit auch ein Zeichen der Solidarität und Gemeinsamkeit zu setzen. Angesichts der politischen Lage in Israel und Palästina konnten und können wir dieses Vorhaben leider nicht verwirklichen. Ich bedauere das, weil so eine Ratssitzung mit vielen Menschen aus der ganzen Welt auch ihre besondere Ausstrahlung hat, die der jeweiligen gastgebenden Mitgliedskirche gut tut. 2001 wurde die Ratssitzung kurzerhand in ein Hotel bei Genf verlegt. Um diese „splendid isolation“ nicht zu wiederholen, habe ich mit dem Vorsitzenden des deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes, Bischof Hans Christian Knuth, und dem Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack, gesprochen, ob die Ratstagung nach Deutschland geholt und an einem für die lutherische Reformation bedeutenden Ort wie Wittenberg stattfinden könnte. Beide haben dieses Anliegen dankenswerterweise sofort aufgegriffen.
Im Blick auf den Tagungsort muss man allerdings festhalten: In Wittenberg gibt es heute keine Mitgliedskirche des Lutherischen Weltbundes. Die Kirchenprovinz Sachsen ist Teil der Evangelischen Kirche der Union, die zwar zu grossen Teilen aus dem Luthertum hervorgegangen ist, sich aber nicht dazu verstehen konnte, dem LWB beizutreten. Nur die ebenfalls unierte Landeskirche in Pommern hat diesen Schritt bereits vor Jahren vollzogen. Vom Ausland aus betrachtet, wird das Evangelische in Deutschland nach wie vor mit dem Luthertum gleichgesetzt, was so freilich hierzulande nicht stimmt. Wenn man sich hingegen die ehemaligen deutschen Auswandererkirchen zum Beispiel in Lateinamerika oder im Südlichen Afrika ansieht, dann stellt man fest, dass sie heute als Kirchen ihrer jeweiligen Länder fast ausnahmslos dem LWB angehören. Gleiches gilt von den Kirchen, die überall in der Welt aus der deutschen evangelischen Missionsarbeit hervorgegangen sind. Für viele unserer Mitgliedskirchen in aller Welt ist ihr Bekenntnisprofil eine existentielle Frage. Es sind beispielsweise kleine Kirchen, die inmitten anderer Religionen leben, oder auch Kirchen - wenn ich an die USA denke -, die von einer Vielfalt anderer Konfessionen umgeben sind, so dass lutherische Identität für ihr Selbstverständnis wichtig ist. Und diese Identität bestimmt zugleich ihren Weg in die grössere Gemeinschaft des Lutherischen Weltbundes und durch ihn in die weltweite Ökumene hinein, weil sie ihr Bekenntnis nicht nur für sich selber leben, sondern in der weltweiten Gemeinschaft der Kirchen mit anderen teilen wollen. Nur in Deutschland kommt man dann und wann auf den Gedanken, zu meinen, dass das Bekenntnis der Ökumene entgegenstünde. Die Wahrheit ist, dass die Kirchen in der Welt über die lutherische oder gleichermassen auch über die weltweite reformierte Gemeinschaft und über ihre Bekenntnisidentität hinein den Weg in die Ökumene finden. Wenn das Zusammenkommen in der Lutherstadt Wittenberg dazu ermutigt, die Ökumenizität und die Globalität der LWB-Gemeinschaft zu profilieren, dann soll mir das recht sein.
VELKD-Informationen: Das Hochwasser der Elbe hat entlang dieses Flusses zu einer katastrophalen Lage geführt und etwa auch Wittenberg in Mitleidenschaft gezogen. Ist die Ratssitzung gefährdet?
Christian Krause: Die Ratstagung kann wie geplant stattfinden. Gleichwohl ist eine Verlegung nach Berlin erörtert worden. Unsere Partner in Wittenberg haben jedoch Entwarnung gegeben. Und so verstehen wir das Treffen auch als Solidarität mit den Menschen, die von der Hochwasserflut betroffen sind.
VELKD-Informationen: Die Tagung in Wittenberg bietet die Möglichkeit, die Arbeit des Lutherischen Weltbundes bei uns noch bekannter zu machen. Schliesslich sind es insbesondere die deutschen Kirchen, die den Weltbund finanziell kräftig unterstützen. Welche Bedeutung hat der LWB für seine Mitgliedskirchen in Deutschland?
Christian Krause: Es ist richtig, dass der LWB heute ohne die Finanzmittel aus Deutschland materiell kaum lebensfähig wäre. Das zeigt, wie sich die Gewichte verschoben haben. Es ist einmal umgekehrt gewesen, dass die deutschen Kirchen lebenswichtige Hilfe durch den Lutherischen Weltbund erhielten. Das sollte man in Deutschland nicht so schnell vergessen. Die Tatsache, dass der Lutherische Weltbund auch heute noch die grösste kirchliche Flüchtlingsorganisation ist - mit etwa 5.000 Frauen und Männern weltweit im Einsatz - hat damit zu tun, dass bei seiner Gründung 1947 jeder siebte Lutheraner ein Flüchtling war. So war die Lage damals in Europa und ganz besonders in Deutschland. Die Lutheraner gehörten damals weltweit zu den ersten, die über die Grenzen hinweg die Hände reichten in Gestalt einer daraus erwachsenden Institution - nämlich des Lutherischen Weltbundes, der 1947 noch vor den Vereinten Nationen oder dem Ökumenischen Rat der Kirchen gegründet wurde.
Heute sind die lutherischen Kirchen in Deutschland aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten materiell nicht mehr auf den LWB angewiesen. Aber natürlich profitieren sie nach wie vor von dem Eingebundensein in eine weltweite Gemeinschaft, vom Austausch mit anderen Kirchen. Das ist wohl der wirksamste Schutz vor Provinzialismus.
Die deutschen Landeskirchen, nicht nur die lutherischen, haben Partnerkirchen in aller Welt, die ihrerseits Mitglied im Lutherischen Weltbund sind. Das heisst, viel direkte Hilfe, auch den Partnern gegenüber, geschieht durch den LWB.
VELKD-Informationen: Sind die Kirchen in Deutschland durch Provinzialismus gefährdet?
Christian Krause: Wir müssen darauf achten, dass wir uns nicht auf uns selbst zurückziehen. Ich erlebe es auf verschiedenen Ebenen, dass der Schwerpunkt zunehmend auf bilaterale Kontakte gelegt wird, dass Gemeinden und Landeskirchen primär ihre Partnerschaften pflegen. Was an sich eine gute Sache ist, wird problematisch, wenn das gemeinschaftliche Handeln der Kirchen dahinter zurückfällt. Das gilt für die internationalen Werke ebenso wie für die nationalen Einrichtungen des Diakonischen Werkes oder den Evangelischen Entwicklungsdienst. Gerade bei letzterem sehen wir, dass die Mittel, die von den Landeskirchen direkt kommen, massiv zurückgehen, nicht weil die Landeskirchen es nicht geben, sondern die helfen bilateral. Alle reden von Globalisierung. Da sollten sich die Kirchen, die wohl zu den ältesten „global players“ gehören, nicht die Chance nehmen lassen, durch weltweites gemeinsames Handeln auch eine weltweite Solidarität mit den Schwachen zu bewähren.
VELKD-Informationen: Die nächste Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Winnipeg steht unter dem Thema: „Zur Heilung der Welt“. Was ist darunter konkret zu verstehen?
Christian Krause: Lassen Sie mich umgekehrt ansetzen: Was brauchen wir heute? Was sind die Defizite, Hoffnungen, Sehnsüchte? Vor diesem Hintergrund kommt man schnell zum Begriff „Heilung“. Winnipeg in Kanada war nicht zuletzt auch deshalb als Tagungsort gewählt worden, weil in diesem Kontext die Fragen entwickelt wurden, die schliesslich zu diesem Thema führten. Dort wurde etwa die grosse ökologische Gefährdung in Kanada gesehen, durch riesige Staudämme, durch das Bohren nach weiteren Ölvorkommen und den Bau von Pipelines. Die Menschen sehen die schlimmen Konsequenzen schärfer denn je, zum Beispiel der Kolonialisierung, also der Indianer, der Reservate, der Vernichtung, der Bedrohung von Identitäten und Kulturen. Hinzu kommt der 11. September, der gerade auch für die Vereinigten Staaten einen ungeheuren Einbruch der persönlichen Sicherheit und des Selbstbewusstseins als der Supermacht gebracht hat.
Sehnsucht nach Heilung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass es dort, wo Zerrissenheit herrscht und die Gefahr weiterer Verletzungen besteht, zur Heilung kommt. Dieses Thema lässt sich auf vielen Ebenen entfalten. Und da kommt das Zentrum des Evangeliums zur Sprache, was zugleich das Zentrum der reformatorischen Kirchen, also auch unserer lutherischen Weltgemeinschaft ist: Wir leben allein aus der Gnade Gottes, der uns mit Jesus Christus einen Weg weist zur Heilung und zum Vertrauen auf seine Barmherzigkeit.
VELKD-Informationen: Welches Signal könnte Ihrer Meinung nach von Winnipeg ausgehen?
Christian Krause: Dass die Sehnsucht nach Heil und Heilung keine Utopie ist. Dass wirklich ein Zeichen der Hoffnung von der Vollversammlung ausgeht, dass solche Heilung im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes möglich ist. Das wäre das globale Signal nach aussen. Das Signal nach innen, für die Mitgliedskirchen, wäre, dass die eigene Gemeinschaft grenzüberschreitend gestärkt wird. Wir sehen, dass ein wachsender Teil der Menschheit und also auch der Gemeinschaft des Lutherischen Weltbundes in der südlichen Hemisphäre, also unter den Armen dieser Welt, zu Hause ist. Und wenn dies das Signal nach innen sein kann, dass wir füreinander einstehen, ein Signal des Friedens und der Gerechtigkeit und der Hoffnung miteinander, dann sind beides - die Ausstrahlung in die Welt hinein wie auch die Stärkung und Ermutigung nach innen - wichtige Zeichen.
VELKD-Informationen: In Winnipeg endet Ihre Amtszeit als Präsident des Lutherischen Weltbundes. Wenn Sie eine vorläufige Bilanz Ihrer Amtszeit ziehen, was waren die prägendsten Eindrücke?
Christian Krause: Die pastorale Dimension meines Amtes ist mir sehr wichtig gewesen, die Mitgliedskirchen und ihre Menschen zu besuchen, auf sie zu hören, mit ihnen über die Dinge nachzudenken, die sie bewegen, sie auch zu trösten. Es ist ja auch eine wichtige Botschaft, die der Präsident des Lutherischen Weltbundes gerade den kleinen Kirchen bringen kann, die lautet: Ihr seid nicht allein. Ihr gehört zu dieser Gemeinschaft, die füreinander einzustehen bereit ist. Bei meinen Besuchen habe ich eine unglaubliche Gastfreundschaft erfahren, die mir gezeigt hat, dass ich, wo auch immer ich in der Welt unterwegs war, nach Hause gekommen bin in dem Bewusstsein: es ist meine Kirche, die zugleich unsere geistliche Heimat über alle nationalen oder ethnischen Grenzen hinweg ist.
Gerade die kleineren Kirchen haben die Gelegenheit des Besuchs durch den Präsidenten des LWB genutzt - etwa in Zentralosteuropa -, um wichtige Gespräche mit ihren Regierungen zu führen und sich dabei neu in diesen Ländern in der postkommunistischen Zeit zu positionieren. Da ging es in den Gesprächen unter anderem um die Rückgabe von Gebäuden und Ländereien, um die Frage der Gefängnisseelsorge, um die Militärseelsorge, um kirchliche Feiertage, aber auch um eine Neupositionierung im Gegenüber zur und im Miteinander mit der römisch-katholischen Kirche in diesen Ländern. In Indonesien, um ein anderes Beispiel zu nennen, waren die Lage der Christen und die Möglichkeiten eines interreligiösen Dialogs im volksreichsten muslimischen Land der Welt gewichtige Themen. Dies ist für mich der wichtigste Aspekt: die Möglichkeiten einer Weltgemeinschaft gerade für die kleineren Kirchen als Vermittler zu nutzen, gemeinsames Handeln zu ermöglichen und auch dort, wo Spannungen innerhalb der lutherischen Kirchen entstanden sind, zur Verständigung zu helfen. Diesen Dienst habe ich mit grosser Freude wahrgenommen.
Nicht weniger wichtig waren für mich die interkonfessionellen Beziehungen. In meine Amtszeit fiel die Bestätigung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre am 31. Oktober 1999 in Augsburg. Hier durfte ich als Präsident die Ernte eines 30-jährigen Dialogs einfahren, wenngleich es 1998 nicht nach einem positiven Abschluss aussah. Als die erste Reaktion des Vatikan erfolgte, musste ich das Schiff zum Stehen bringen, denn ich sah in dem Votum keine Basis, die mir eine Unterschrift ermöglicht hätte. Das Ringen um eine Verständigung über den Hauptstreitpunkt, an dem sich die Reformation Luthers entzündete, war eine wichtige, aber nicht immer leichte Phase in meiner Amtszeit gewesen. Aber es hat sich gelohnt.
VELKD-Informationen: Die Bestätigung der Gemeinsamen Erklärung in Augsburg hat weltweit grosse Erwartungen geweckt, dass damit ein neues Kapitel im Dialog mit der römisch-katholischen Kirche aufgeschlagen würde. Wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Stand des lutherisch/römisch-katholischen Gesprächs auf Weltebene? Waren die Hoffnungen, die man in diese Gemeinsame Erklärung hatte, berechtigt?
Christian Krause: Ich glaube, man muss die längerfristige Perspektive sehen. Was geleistet wurde, war nicht, einen Schlusspunkt zu setzen, sondern einen Anfang, eine Plattform zu schaffen, von der aus man weiter miteinander reden kann und dies unverkrampfter als vorher. Hinzu kommt: Die Gemeinsame Erklärung ist das einzige interkonfessionelle Dialogergebnis, das weltweit gilt. Es ist jedoch bedauerlich, dass wenige Monate nach Augsburg durch die Schrift „Dominus Iesus“ die wechselseitige Anerkennung als Kirche - um die wir vor der Unterzeichnung gerungen hatten - wieder in Frage gestellt worden ist. „Dominus Iesus“ hat sehr geschadet. Die Kritiker der Gemeinsamen Erklärung, die sich fast ausschliesslich im deutschen Raum befinden, sahen sich in ihrer ablehnenden Haltung bestätigt. Aus meiner Sicht bleibt es aber bei der Einschätzung, dass die Gemeinsame Erklärung eine neue Basis geschaffen hat: Wir begegnen uns in grösserer Offenheit als zuvor und mit einem deutlich gestärkten Willen zur Gemeinschaft. Auch dies habe ich bei meinen Besuchen, etwa in Polen, deutlich spüren können. Das alles sollte man nicht gering schätzen.
Natürlich sind im Dialog mit der römisch-katholischen Kirche noch viele Fragen offen, die wir jetzt gemeinsam angehen müssen. Für vordringlich halte ich die Verständigung über ein gemeinsames Abendmahl, wenigstens aber die gastweise Zulassung evangelischer Christen zur Eucharistie - umgekehrt wird dies ja schon seit mehr als zwanzig Jahren in der evangelischen Kirche praktiziert. Dabei ist die Situation in Deutschland - im Wertmassstab betrachtet - eine besondere. Es ist das einzige Land, in dem etwa gleich viele Protestanten und Katholiken leben. Das heisst, es gibt kaum eine deutsche Familie, die rein evangelisch beziehungsweise rein katholisch wäre. Das Miteinander ist eine existentielle Frage. Und deswegen ist es auch berechtigt, dass gerade in unserem Land so ungeheuer gedrängt wird, dass wir zu einer Lösung kommen. Hier kann, hier muss sich die Gemeinsame Erklärung positiv auswirken.
VELKD-Informationen: Sie haben das Abendmahl als zentrales Thema genannt. Wird es nach der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre eine Gemeinsame Erklärung zum Abendmahl geben?
Christian Krause: Da wage ich keine Prognose, denn die theologische Gemengelage ist komplex. Das Thema Eucharistie ist mit der Ekklesiologie, der Lehre von der Kirche, verknüpft. Und diese mit dem Verständnis des Priesteramtes. Das ist ein theologisches Riesenpaket. Daran soll und muss man auch arbeiten, aber es wird die Welt nicht bewegen. Ich möchte von einem anderen Ansatzpunkt ausgehen und nach dem pastoralen Auftrag fragen. Ich hoffe, dass wir darauf ein Schwergewicht legen und uns die pastorale Dimension, die Seelsorge, die Fürsorge für die Menschen stärker als bisher vor Augen stellen. In diesem Zusammenhang ist das Abendmahl ein ganz entscheidendes Thema. Denn aus seelsorgerlichen Gründen haben sich die lutherischen Kirchen entschieden, auch katholische Christinnen und Christen gastweise zum Abendmahl einzuladen, weil sie sich klar gemacht haben: Gastgeber ist Christus.
Weiter besteht die Notwendigkeit, etwa im Blick auf die Grenzen und Möglichkeiten der Gentechnologie oder bei sozialen Fragen zu gemeinsamen Positionen des christlichen Zeugnisses zu kommen. Hier muss mehr Gemeinsamkeit entstehen, die das Evangelium - in dem beide Kirchen wurzeln - noch stärker zum Leuchten bringen. (2386 Wörter)
(Die Fragen stellte Udo Hahn, Pressesprecher der VELKD).
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