Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

24.04.2009

FEATURE: Solidarität der weltweiten Ökumene auf dem Weg in die Freiheit

Delegierte der Dalit-Konferenz bestätigen Verpflichtung zu weltweiter Anwaltschaftsarbeit

Bangkok (Thailand)/Genf, 24. April 2009 (LWI)
- Als die Niederländerin Elske van Gorkum vor einigen Jahren begann, in einer Dalit-Gemeinde in Indien zu arbeiten, konnten die Menschen dort kaum glauben, dass es in van Gorkums Heimat keine Kastenordnung gibt. "Für die Menschen war eine Gesellschaft ohne Kastenordnung nicht vorstellbar", berichtet van Gorkum. "Aber auch für mich, die ich in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, in der alle die gleichen Rechte haben, war es anfangs schwierig, das Prinzip der ,Unberührbarkeit' zu verstehen."

Van Gorkum ist Entwicklungshelferin und arbeitet für die niederländische Entwicklungshilfeorganisation Interchurch Organization for Development Cooperation. Auf der internationalen ökumenischen Konferenz zum Thema Gerechtigkeit für Dalits, die Ende März in Bangkok (Thailand) stattfand, erzählte sie von ihren Erfahrungen.

Die Konferenz wurde vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und dem Lutherischen Weltbund (LWB) organisiert und von der Asiatischen Christlichen Konferenz ausgerichtet. Sie brachte 95 leitende VertreterInnen von Kirchen und kirchlichen Organisationen aus der ganzen Welt zusammen.

Ziel der Konferenz war es, innerhalb der Kirchen und weltweiten ökumenischen Organisationen zu Solidarität mit und Unterstützung für die Anliegen der Dalits aufzurufen. Im Mittelpunkt stand das Elend der Dalits, die seit 3.500 Jahren unter der Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit leiden. Weltweit gibt es etwa 260 Millionen Dalits, 200 Millionen davon leben in Indien.

Van Gorkum gehört zum Internationalen Dalit-Solidaritätsnetzwerk und setzt sich bei ihrer Regierung und der Europäischen Union dafür ein, dass die Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit im Rahmen von politischen, wirtschaftlichen und entwicklungspolitischen Beziehungen zu Ländern, in denen diese Form der Diskriminierung existiert, mehr Beachtung findet.

"Ich habe etwas über das Leiden und die Grausamkeiten, die die Dalits ertragen mussten, gelernt und kann mich deshalb nur zu Solidarität mit den Dalits verpflichten", so van Gorkum, die seit 2005 mit Dalits arbeitet.

Begleitung
Die Menschen zu überzeugen, die Dalits in ihrem Kampf zu unterstützen, ist das zentrale Anliegen der weltweiten ökumenischen Solidarität und gehörte zu den strategischen Zielen der Konferenz in Bangkok.

"Wir sollten uns vor allem auf die Grundsätze der Solidarität und der Begleitung stützen und weniger auf Mitleid für und Nächstenliebe gegenüber den Dalits", betonte Pfr. Dr. Deenabandhu Manchala, Programmreferent des ÖRK für gerechte und integrative Gemeinschaften und selbst ein Dalit.

Prof. Maake Masango von der Universität in Pretoria (Südafrika) stimmt dem zu: "Anwaltschaftsarbeit bedeutet nicht, dass wir über das Leben derer bestimmen können, für die wir uns einsetzen. Es geht vielmehr darum, sie zu stärken. Deshalb müssen wir uns ihnen anschliessen und sie auf dem Weg in die Freiheit solidarisch begleiten."

Erwachen
Viele der Delegierten der Tagung in Bangkok räumten ein, dass sie wenig über das Schicksal der Dalits wussten. Die Konferenz habe ihnen die Augen geöffnet und ihnen bewusst gemacht, dass sie ihren Teil beitragen könnten, indem sie die Schicksale, von denen sie gehört hatten, weitererzählen.

"Die Kirchen wissen kaum etwas über die Situation der Dalits und tun die Kastenordnung als Teil der Religionsfreiheit ab", erklärte Dennis Frado, Direktor des Lutherischen Büros für Weltgemeinschaft, das den LWB gegenüber der Zentrale der Vereinten Nationen in New York (USA) vertritt. "Nachdem wir auf der Konferenz diese Geschichten der Dalits gehört haben, müssen wir sie einfach weitererzählen, vor allem wenn es darin um die Nichteinhaltung von Menschenrechten geht."

Die Teilnehmenden erfuhren von der Diskriminierung und dem Unrecht, das die Dalits erleiden. So wurde im indischen Bundesstaat Orissa im Jahr 2008 durch hinduistische Fundamentalisten eine Welle der Gewalt ausgelöst, während der beispielsweise eine katholische Nonne von einer Gruppe Männer mehrfach vergewaltigt wurde, fast 50 Menschen getötet und weitere 15.000 vertrieben wurden und das Eigentum von Dalits und anderen christlichen Stammesangehörigen zerstört oder beschädigt wurde.

Frado verpflichtete sich, die Unterstützung der amerikanischen BürgerInnen für die Anliegen der Dalits durch sein kirchliches Netzwerk wiederzubeleben und erklärte, er würde sich um Treffen von Dalit-Gemeinden mit der US-Regierung bemühen und Verletzungen der Menschenrechte bei den Vereinten Nationen zur Sprache bringen.

Kinder der weltweiten Solidarität
Andere Teilnehmende, die selbst Diskriminierung und Misshandlungen erfahren haben, konnten sich leicht mit den Dalits identifizieren.

"Wir verlassen diese Konferenz mit dem Gefühl, den Dalits dringend Gehör verschaffen zu müssen", sagte Pfarrerin Roxanne Jordan von der Vereinigten Kongregationalistischen Kirche des südlichen Afrikas, die das Leiden der Dalits mit der Diskriminierung und dem Ausschluss bestimmter Gruppen während der Apartheidpolitik der weissen Minderheit in ihrem Land verglich.

Für Bischof Dr. Zephania Kameeta von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia ist die Begleitung der Dalits und anderer Opfer von Unterdrückung auf ihrem Weg in die Freiheit eine Möglichkeit, den Menschen auf der ganzen Welt "Danke" zu sagen, die sein Land im Kampf um Freiheit unterstützt haben.

"Auch wir sind Kinder der weltweiten Solidarität. Ohne die Unterstützung der vielen Menschen, die uns auf unserem Weg in die Freiheit begleitet haben, gäbe es uns heute vielleicht gar nicht mehr", so Kameeta, der auch LWB-Vizepräsident für die Region Afrika ist. "Wir begleiten die Dalits also nicht, um ihnen einen Gefallen zu tun, sondern weil wir als Christen und Christinnen dazu verpflichtet sind", fügte er hinzu. (833 Wörter)

(Ein Feature von Maurice Malanes, Korrespondent der ökumenischen Nachrichtenagentur Ecumenical News International mit Sitz in Genf.)

Weitere Informationen zur Konferenz in Bangkok finden Sie hier.


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