Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

02.04.2009

ChristInnen müssen Solidarität mit Unterdrückten zeigen

Kirchen sind aufgerufen, sich für Rechte der Dalits einzusetzen

Bangkok (Thailand)/Genf, 2. April 2009 (LWI)
- VertreterInnen von Kirchen und kirchlichen Organisationen aus der ganzen Welt haben auf der "Globalen ökumenischen Konferenz zur Gerechtigkeit für Dalits" in Bangkok (Thailand) die Notwendigkeit betont, umfassende Förderungsmassnahmen konsequent umzusetzen, um so Randgruppen vor Diskriminierung zu schützen. Die Konferenz vom 21. bis 24. März wurde vom Lutherischen Weltbund (LWB) und dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) organisiert und von der Asiatischen Christlichen Konferenz ausgerichtet.

In einem Workshop mit dem Titel "Positive Diskriminierung von und Anwaltschaftsarbeit für Minderheiten in betroffenen Ländern", der im Rahmen der Konferenz stattfand, hielten die TeilnehmerInnen fest, dass Mitglieder der geächteten Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel den Dalits, auch in Ländern, in denen Gesetze dies eigentlich verhindern sollen, weiterhin sozial, wirtschaftlich und politisch vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind.

Politische Kluft in Indien

In Indien gebe es verschiedene Förderungsmassnahmen zu Gunsten der Minderheiten, die auf bestimmte Bereiche wie unfreie und Kinderarbeit, die Latrinenreinigung von Hand und "jogni" (rituelle Prostitution) ausgerichtet sind. Trotzdem sei die Situation der Dalits in Indien nichts, worauf man stolz sein könne, ganz im Gegenteil, man müsse sich dafür schämen, sagte Paul Divakar, ein Dalit und Aktivist der "National Campaign for Dalit Human Rights" (Nationale Kampagne für die Menschenrechte der Dalits).

Er wies weiter darauf hin, dass es zwar verschiedene Projekte und Programme gebe, die die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation der Armen und Ausgegrenzten verbessern sollen, dass die Notlage der Dalits aber weitgehend unverändert sei. Es wird ausserdem berichtet, dass 80 Prozent der Dalits in ländlichen Gebieten leben, 86 Prozent kein Land besitzen, 60 Prozent von Gelegenheitsarbeiten leben müssen und nur 30 Prozent lesen und schreiben können.

Als Dalit und Aktivist, der sich für gesellschaftliche Probleme engagiert, scheint es Divakar so, als ob die Kluft zwischen den Kasten politisiert werde. Wenn die Bestimmungen der Verfassung nicht durchgesetzt würden, so Divakar, würden diese - und vor allem diejenigen, die Frauen und anderen Randgruppen integrieren sollen - zu einer Farce und spotteten dem politischen System. Als Beispiel nannte er die indische Reservierungspolitik.

Theoretisch soll diese Reservierungspolitik in Bildungseinrichtungen, bei Arbeitsstellen und in politischen Ämtern einen proportionalen Anteil von Dalits garantieren. Viele renommierte Bildungseinrichtungen, wie zum Beispiel das Indian Institute of Technology oder das Indian Institute of Management, hielten sich jedoch nicht an diese Gesetze, so Divakar.

Divakar betonte auch, dass die Situation nicht nur in den Bildungseinrichtungen so diskriminierend sei, sondern auch in der Politik und auf dem Arbeitsmarkt. Und die Regierung nehme dies stillschweigend hin. Dadurch sei eine grosse Zahl der Dalits verbittert über die ihnen verwehrten Möglichkeiten.

"Was mir besonders weh tut, ist, dass die wenigen Dalits, die im Parlament sitzen und die die Dalits allgemein als ihre Fürsprecher und Fürsprecherinnen sehen, die einen Wandel herbeiführen könnten, nicht die Interessen der Dalits, sondern fremde Interessen vertreten und gefangen sind im Machtgefüge der Politik", beklagte Divakar.

Kein rein indisches Problem

Die Teilnehmenden erfuhren, dass es auch in anderen Ländern ähnliche Entwicklungen gibt. In Nepal gebe es zum Beispiel ebenfalls Gesetze gegen die Diskriminierung einzelner Gruppen, berichtete Indira Ghale von der Feminist Dalit Organization in Nepal. Dalits, die dort etwa 20 Prozent der nepalesischen Bevölkerung ausmachten, seien jedoch in der gleichen Situation wie die Dalits in Indien. "Auch in Nepal [gibt] es eine Reservierungspolitik, dennoch werden den Dalits ihre Rechte auf Bildung, Arbeit und Beteiligung an Politik verwehrt. Sie werden gezwungen, niedrige Arbeiten zu verrichten und haben keine andere Wahl", betonte sie.

Andere südasiatische Staaten, in denen es eine Kastenordnung gibt, wie zum Beispiel Bangladesch, Pakistan und Sri Lanka, haben bisher keine Gesetze gegen Diskriminierung erlassen. Pfr. Vincent Manoharan, Sekretär für internationale Anwaltschaftsarbeit bei der "National Campaign for Dalit Human Rights" in Pakistan, erklärte, dass alle pakistanischen Dalits, egal ob MuslimIn, Hindu oder ChristIn, unter Diskriminierung durch die Regierung litten. "Der islamische Staat erkennt das Dalit-Problem nicht an", sagte er. Studien unter Hindu-Dalits hätten ergeben, dass die meisten unter ihnen Leibeigene sind. Christliche Dalits seien sogar doppelt ausgegrenzt.

Manoharan betonte, die meisten Dalits in Bangladesch hielten die Strassen sauber und sammelten Müll ein.

In Sri Lanka sind zwar die Kämpfe zwischen den einzelnen Völkern von grösserer Bedeutung, aber selbst BuddhistInnen denken hier in Kasten. Auch wenn sie in Sri Lanka nicht als "Dalits" bezeichnet werden, haben Dalits, die aus Indien stammen, in Sri Lanka selbst dann kein Wahlrecht, wenn sie StaatsbürgerInnen des Landes sind.

Der Workshop zeigte, dass auch ausserhalb der genannten Länder und auch dann, wenn es keine Kastenordnung gibt, Gesetze gegen Diskriminierung notwendig sind.

Auf den Philippinen gebe es zum Beispiel keine Kastenordnung, berichtete Pfr. David Tabo-oy, Dekan der Episcopal Cathedral of the Ressurection in Baguio City (Philippinen). Trotzdem "ist die Gesellschaft in Mehrheiten und Minderheiten geteilt. Zu den Minderheiten gehören [die] indigenen Völker, ähnlich wie die Aborigines in Australien", erklärte Tabo-oy. Er merkte an, dass es zwar Gesetze gebe, die die indigenen Völker schützten, gleichzeitig würden andere Gesetze wie das Bergbaugesetz ihnen ihre Rechte aber wieder verwehren; in dem Fall des Bergbaugesetzes das Recht auf Landbesitz.

In Ländern wie den USA, Irland und Malaysia gibt es Anti-Diskriminierungsgesetze, die Randgruppen der Bevölkerung schützen.

Kirchen zu Solidarität aufgerufen

Die KirchenvertreterInnen, die an dem Workshop teilnahmen, riefen die weltweite ökumenische Gemeinschaft auf, aktiver zu sein und sich mehr dafür einzusetzen, dass ihre Regierungen Gesetze gegen Diskriminierung erlassen und durchsetzen.

Für Bischof Dr. Zephania Kameeta von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia steht die allgemeine Gültigkeit der Menschenrechte auf dem Spiel und somit sei die Anwaltschaftsarbeit der Kirchen für die Einhaltung der Menschenrechte nicht fakultativ. "Diskriminierung und Unterdrückung sind eine Schande für die Menschheit. Unsere Solidarität mit den Dalits ist keine Gefälligkeit, es ist vielmehr unsere christliche Pflicht und Verantwortung, uns mit den Dalits zu solidarisieren", so Kameeta, LWB-Vizepräsident für die Region Afrika. (954 Wörter)

(Ein Beitrag von Timothy Melvyn, Kommunikationsbeauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Indien.)

Weitere Informationen zur "Globalen ökumenischen Konferenz zur Gerechtigkeit für Dalits" finden Sie auf der LWB-Webseite.


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