02.04.2009
Kirchen kämpfen gegen Diskriminierung durch alte Kastenordnung
LWB-Generalsekretär Noko: Für Gott sind alle "berührbar"
Bangkok (Thailand)/Genf, 2. April 2009 (LWI) - Die Beiträge der RednerInnen auf der "Globalen ökumenischen Konferenz zur Gerechtigkeit für Dalits", die vom 21. bis 24. März in Bangkok (Thailand) stattfand, geben der seit 3.500 Jahren praktizierten Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit ein Gesicht. Einer dieser Beiträge erzählt zum Beispiel von einem jungen Paar, das angeblich gezwungen wurde, sich zu vergiften. Die wahren Geschichten handeln von Praktiken, die im 21. Jahrhundert für viele eigentlich undenkbar sind.
Von dem Hochschulabsolventen S. Murugesan (25) und der Hochschulabsolventin D. Kannagi (22) aus dem Dorf Puthukkooraippetti im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, wird berichtet, dass sie, kurz nachdem sie am 5. Mai 2003 geheiratet hatten, im Beisein vieler Menschen gezwungen wurden, eine giftige Flüssigkeit zu trinken. Die Anwesenden unternahmen nichts, sondern sahen dem Todeskampf des Paares einfach nur zu. Die Körper der beiden wurden später verbrannt, um keine Spuren des grausigen Vorfalls zu hinterlassen.
Der Grund für das Schicksal der beiden jungen Menschen, das an die Geschichte von Romeo und Julia erinnert, war, dass Murugesan ein Dalit war und Kannagi der niederen Kaste der Vanniyar angehörte.
Nach der hinduistischen Lehre werden Dalits als "schmutzig" und "verschmutzend" und somit als "unberührbar" angesehen. Sie gehören nicht einmal zur untersten Kaste und dürfen nur untereinander heiraten, haben also auch nicht das Recht, eine Person der untersten Kasten zu heiraten.
Ein weiteres Beispiel für die Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit ist das Schicksal des fünfjährigen Mädchens D. Dhanam. Sie verlor auf einem Auge ihr Augenlicht als sie im Dorf Kattinaicken im Distrikt Salem im Bundesstaat Tamil Nadu von einer Lehrerin geschlagen wurde, weil sie Wasser aus einem Glas getrunken hatte, das nur für die Kinder höherer Kasten bestimmt war.
Dies sind zwei der vielen Beispiele, von denen Bischof Dr. Vedanayagam Devasahayam von der Madras-Diozöse der Kirche von Südindien erzählte. Der indische Journalist Soumya Viswanathan hat solche Beispiele der "systematischen Gewalt" gegenüber Dalits in einem Buch gesammelt.
Die Geschichten gaben den rund 100 an der Konferenz teilnehmenden VertreterInnen und LeiterInnen von Kirchen und Organisationen aus der ganzen Welt "theologische und missiologische Grundlagen" für die Bekundung ihrer Solidarität mit den Dalits.
Die Konferenz war vom Lutherischen Weltbund (LWB) und dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Zusammenarbeit mit der Asiatischen Christlichen Konferenz organisiert worden. Ziel war es, die Solidarität der weltweiten ökumenischen Bewegung mit den nationalen und internationalen Bewegungen und Initiativen für die Anliegen der Dalits erneut zu bekunden.
Internationale Solidarität
LWB-Generalsekretär Pfr. Dr. Ishmael Noko äusserte sein Mitgefühl für das lange Leiden der Dalits und erinnerte daran, dass auch die Mehrheit der Menschen in seiner südafrikanischen Heimat unter institutionalisierter Diskriminierung gelitten hätten.
"Ich kann mir ein bisschen vorstellen, wie es sein muss, als Dalit geboren zu werden und dann Opfer von Diskriminierung zu sein, die in der Gesellschaft fest verankert ist und auf Abstammung und der Ausübung traditioneller Berufe basiert", schrieb Noko in einer Erklärung, die in seinem Namen auf der Konferenz verlesen wurde. "Als Simbabwer weiss ich auch, was es bedeutet, wenn die Versprechen und die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht gehalten, beziehungsweise erfüllt werden."
Noko merkte an, dass die Dalits "trotz der vielen Versprechen in Form von Garantien in der Verfassung und Bestimmungen in Gesetzen" weiterhin leiden und kritisierte scharf die UrheberInnen von Diskriminierung und deren Verbündete.
"Regierungen, die einen Teil ihrer eigenen Bevölkerung ausschliessen - oder es hinnehmen, dass diese so behandelt werden - sind nicht in der Lage zu regieren", betonte er. "Und die Mitglieder der internationalen Gemeinschaft, die von dem Problem wissen, aber darüber hinwegsehen, sind an den systematischen Verletzungen der Menschenrechte, die aus diesem ungerechten System resultieren, mitschuldig."
Noko kritisierte, dass die internationale Gemeinschaft den Appell der Dalits während der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus im Jahr 2001 in Durban (Südafrika), endlich ihre Menschenrechte anzuerkennen, nicht erhört habe und betonte, dass die Kirchen weltweit die Augen vor dem Leiden der Dalits nicht verschliessen dürften.
"Als Kirchen bekennen wir, dass wir alle Teil des einen Leibes Christi sind und der ganze Körper teilt den Schmerz eines jeden Teils", fügte er hinzu. "Kann irgendein Teil des Leibes Christi als ,unberührbar' gelten? Für Gott sind alle ,berührbar'. Niemand kann von der Gnade ausgeschlossen werden."
Die indische Kirche habe ein "Gesicht der Dalits", so Noko. Er betonte, dass die Mitglieder der lutherischen Kirchen in Indien überwiegend Dalits seien oder aus anderen Stammesgemeinschaften stammten. Etwa 20 Millionen der insgesamt 25 Millionen ChristInnen in Indien sind Dalits.
"Solange nicht auch die Dalits würdig und gerecht behandelt werden, ist die menschliche Würde an sich in Gefahr", betonte Noko.
Aufgaben für Kirche und Staat
Die indische Verfassung verbietet die "Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit" und das Prinzip der "Unberührbarkeit". Zwei besondere Gesetze sehen Strafen für die UrheberInnen von Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit vor und weitere Gesetze verbieten Leibeigenschaft, die Latrinenreinigung von Hand und die sogenannte "jogni" (rituelle Prostitution). Mehr als 22 landesweite Entwicklungsprojekte sollen die wirtschaftliche Situation der Dalits verbessern.
Viele der Versprechen und Garantien aus der Verfassung würden jedoch nicht erfüllt, so Pfr. Vincent Manoharan von der "National Campaign for Dalit Human Rights" (Nationale Kampagne für die Menschenrechte der Dalits), einer unabhängigen Organisation zur Überwachung der Menschenrechtssituation.
Auf die Frage nach den Hoffnungen der Dalits antwortete Bischof Devasahayam, der selbst zu den Dalits gehört: "Wir wollen, dass die indische Regierung zugibt, dass Menschen aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit diskriminiert werden und dass das Prinzip der Unberührbarkeit praktiziert wird."
Er drängte die indische Regierung, zu untersuchen, wie die Staatsmaschinerie funktioniert, vor allem im Hinblick auf das "Versäumnis, den Dalits mit Hilfe der Polizei, der Exekutive und der Justiz Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen."
Devasahayam tadelte auch die indische Kirche. "Wir wollen, dass die indische Kirche anerkennt und sich zu der Schuld bekennt, das Kastensystem auch innerhalb der Kirche und in den Programmen zu dulden."
Auf der Konferenz in Bangkok erfuhren die TeilnehmerInnen, die nicht aus Indien stammen, dass auch einige indischen Kirchen Menschen ausschliessen oder separate Eingänge für Dalits haben. Sie erfuhren des Weiteren, dass Positionen von KirchenleiterInnen überwiegend mit Männern besetzt seien, die keine Dalits sind.
"Wir wollen, dass sich die indische Kirche als Kirche von und für die Dalits bekennt, um so für deren Befreiung zu arbeiten", betonte Devasahayam. "Wir wollen ausserdem, dass die indische Kirche die Kultur der Dalits im Leben der Kirche, in den Gottesdiensten und in der theologischen Arbeit fördert", fügte er hinzu.
Im ersten Morgengottesdienst der Tagung setzte sich auch Pfr. Dr. Park Seong-Won von der Youngnam Theological University and Seminary (Südkorea) für die Anliegen der Dalits ein. "Die Anliegen der Dalits sind auch unsere Anliegen. Sind wir, bis zur vollkommen Befreiung der Dalits, bereit zu sagen ,Auch ich bin ein Dalit'?", fragte er und sprach damit das aus, was viele KirchenleiterInnen aus der ganzen Welt dachten. (1.117 Wörter)
(Ein Beitrag von Maurice Malanes, Korrespondent von Ecumenical News International - ENI.)
Weitere Informationen zur "Globalen ökumenischen Konferenz zur Gerechtigkeit für Dalits" finden Sie auf der LWB-Webseite.
Ökumenischer Rat der Kirchen
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