Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

31.10.2008

TheologInnen erforschen weitere Möglichkeiten des interreligiösen Dialogs mit dem Islam

LutheranerInnen leisten Beitrag zur ökumenischen Reflexion über christlich-muslimische Beziehungen heute

Genf, 31. Oktober 2008 (LWI)
- Eine Gruppe von rund 50 TheologInnen aus einem breiten Spektrum christlicher Traditionen und Fachleute für den christlich-muslimischen Dialog hat in Chavannes-de-Bogis in der Nähe von Genf das christliche Selbstverständnis im Verhältnis zum Islam und über christlich-muslimische Beziehungen in der heutigen Zeit erörtert. Die Konsultation vom 18. bis 20. Oktober war eine gemeinsame Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), der Konferenz der SekretärInnen der weltweiten christlichen Gemeinschaften (einschliesslich des Lutherischen Weltbundes) und der Weltweiten Evangelischen Allianz.

Theologische Reflexionen über die Trinität waren während der ganzen Konsultation ein wichtiges Thema, wobei einige Beiträge sich speziell auf die Implikationen der Menschwerdung Gottes und das Wirken des Geistes konzentrierten. Verschiedene christliche Perspektiven zum Umgang mit dem Islam wurden aus anglikanischer, evangelikaler, lutherischer, orthodoxer, reformierter sowie römisch-katholischer Sicht referiert. In zwei Podiumsdiskussionen wurden kontextuelle Erfahrungen zu den Themen "Christen und Christinnen in mehrheitlich muslimischem Umfeld" und "Christlich-muslimische Beziehungen in pluralen Kontexten" ausgetauscht. Dies ermöglichte es den Teilnehmenden, theologische Reflexion und konkrete Erfahrungen aus verschiedenen Kontexten miteinander zu verbinden.

Das Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche (Stuhl von Kilikien), Katholikos Aram I., betonte in seinem Hauptreferat: "Ich glaube, dass das wahre Ziel des Dialogs für Christen und Christinen sowie Muslime und Musliminnen das Leben in Gemeinschaft werden muss". Vor dem Hintergrund der Lage im Nahen Osten argumentierte er: "Diese zwei monotheistischen Religionen sind nicht monolithisch. Deshalb müssen Verallgemeinerungen vermieden werden; der christlich-muslimische Dialog und die Beziehungen zwischen beiden Religionen müssen im konkreten Kontext gesehen und organisiert werden."

LWB-Generalsekretär Pfr. Dr. Ishmael Noko, der die Eröffnungssitzung leitete, erklärte, die Konferenz sei "Teil einer neuen Ära in den muslimisch-christlichen Beziehungen" und stelle eine Antwort auf Initiativen wie das "Gemeinsame Wort" dar. "Für uns als Sekretäre und Sekretärinnen der weltweiten christlichen Gemeinschaften ist es wichtig, mit Fachleuten des interreligiösen Dialogs zusammenzuarbeiten", betonte er. LWB-Präsident Bischof Mark S. Hanson hatte zu den christlichen Führungspersönlichkeiten gehört, die auf das Schreiben "Ein gemeinsames Wort zwischen euch und uns" antworteten, das 138 muslimische Gelehrte im Oktober 2007 an leitende RepräsentantInnen des Christentums in aller Welt gerichtet hatten. (Siehe hier.)

Beziehungsdimension des christlichen Glaubens

In einem Vortrag unterstrich Pfarrerin Simone Sinn, theologische Assistentin in der LWB-Abteilung für Theologie und Studien (ATS), die Beziehungsdimension des christlichen Glaubens. Unter Hinweis auf eine grundlegende Einsicht Martin Luthers stellte sie fest, dass Rechtfertigung kein Ding und keine Eigenschaft sei, die ChristInnen wie eine Sache besitzen, sondern eine lebendige Beziehung zwischen Gott und Mensch. "Christlich-muslimische Beziehungen haben das grosse Potenzial, nicht nur unsere Beziehungen zueinander, sondern auch unser Verständnis von Gottes Beziehung zu uns zu vertiefen. Diese Begegnungen stellen eine wichtige Möglichkeit theologischen und geistlichen Lernens dar", so Sinn.

In einer Reflexion über den christlich-muslimischen Dialog in seinem Kontext und darüber hinaus betonte Pfr. Dr. Oddbjorn Leirvik, Professor für interreligiöse Studien an der theologischen Fakultät der Universität Oslo (Norwegen), wie wichtig die "Humanisierung der theologischen Ethik" sei. In diesem Zusammenhang nannte er den Aufruf des Schweizer Islamgelehrten Tariq Ramadan, eines herausragenden europäischen Vertreters des Islam, zu einem Moratorium für die Todesstrafe und körperliche Strafen als Beispiel. Er ging auch auf Initiativen der von der Kirche von Norwegen und dem Islamischen Rat in Norwegen eingerichteten Kontaktgruppe ein, durch die das Engagement für "den anderen, der schutzlos und verwundbar ist," allmählich zu einer gemeinsamen religiösen Verpflichtung geworden sei. Im Rahmen ihres Auftrags habe die Gruppe eine gemeinsame Erklärung über das unveräusserliche Recht eines jeden Einzelnen, seine Religion frei wählen zu dürfen, formuliert und Gewalt in der Familie und in den Beziehungen zwischen Mann und Frau thematisiert sowie einen Dialog über die hoch kontroverse Frage der Homosexualität in Gang gesetzt.

Die Teilnehmenden bekannten sich zum Dialog als Teil der Spiritualität und zum geduldigen Zuhören im christlich-muslimischen Dialog. Sie betonten die Notwendigkeit, sensibel mit religiösen Begriffen wie Mission, Zeugnis und Bekehrung umzugehen. Als gleichermassen wichtig wurde die reiche theologische Vielfalt unter ChristInnen angesehen. Ferner müssten Fragen, die von Menschen aus verschiedenen Regionen, Kontexten und Generationen und insbesondere von jungen Menschen gestellt würden, aufmerksam gehört werden. ChristInnen und MuslimInnen sollten in Fragen wie soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit, Klimawandel, Frieden und Heilung von Erinnerungen, zusammenarbeiten, betonten die Teilnehmenden.

"Diese Konsultation hat einige der verschiedenen Möglichkeiten aufgezeigt, wie wir uns interreligiösen Fragen im Rahmen breiter ökumenischer Zusammenarbeit annähern können", erklärte Dr. Kathryn Johnson, Assistierende LWB-Generalsekretärin für ökumenische Angelegenheiten. "Das Spektrum christlicher Positionen, die auf der Konferenz vertreten wurden, war sehr breit, aber immer, wenn der Punkt erreicht wurde, an dem es zu einer ,Entweder/oder'-Spaltung in Meinungslager hätte kommen können, bemühten sich die Teilnehmenden stattdessen, ein Gleichgewicht zwischen komplexen Realitäten herzustellen", fügte sie hinzu.

Johnson merkte weiterhin an, die intensiven informellen Gespräche zwischen IslamwissenschaftlerInnen und leitenden KirchenvertreterInnen während der Mahlzeiten hätten gezeigt, dass mehr Gelegenheiten zum Erfahrungsaustausch zwischen beiden Gruppen geschaffen werden müssten. "Ich hoffe, dass der ÖRK und die weltweiten christlichen Gemeinschaften, einschliesslich der Evangelikalen und Pfingstler, Wege finden werden, wie sie diese Form der Zusammenarbeit fortsetzen können", so Johnson.


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