Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

22.06.2007
FEATURE: Nur zufällig bei der Ersten LWB-Vollversammlung in Lund
 

Ungarischer Pfarrer George Posfay lässt 60 Jahre Revue passieren

Lund (Schweden)/Genf, 22. Juni 2007 (LWI)
– So hat es vor 60 Jahren angefangen: „Hört zu Jungs, ich habe eine Nachricht aus Genf bekommen“. George Posfay, damals Hilfspfarrer in Ungarn, erreichte die Nachricht kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Europäische Regierungen wurden umstrukturiert. Familien richteten ihr Leben neu aus. Kirchen überprüften ihre Prioritäten.

Die Nachricht aus Genf war, dass eine Gruppe Genfer LutheranerInnen ungarische Pfarrer einlud, in Schweden ein Aufbaustudium zu absolvieren. Er ging zunächst nach Uppsala, dann nach Lund.

In Lund kamen im gleichen Jahr RepräsentantInnen lutherischer Kirchen zur Gründungsvollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) zusammen. Auf der Vollversammlung vom 30. Juni bis 6. Juli 1947 repräsentierte Posfay sein Heimatland Ungarn. Er war eigentlich durch Zufall bei der Tagung anwesend, erzählt er.

Der ursprüngliche Plan war, eineinhalb Jahre in Schweden zu bleiben und dann heimzukehren. „Aber dazu ist es nie gekommen“, sagt Posfay. Der Grund? In Ungarn war die kommunistische Regierung an der Macht. Als der ungarische lutherische Bischof Lajos Ordass von der ersten LWB-Vollversammlung nach Budapest zurückkehrte, wurde er festgenommen und aus dem Bischofsamt entfernt. Auch als er sein Amt später wieder aufnehmen durfte, bedeutete dies nicht das Ende der politischen Verfolgung. Posfay selbst durfte die nächsten 18 Jahre lang Ungarn nicht einmal besuchen.

Heute umfasst der LWB 140 Mitgliedskirchen in 78 Ländern weltweit und insgesamt rund 66,7 Millionen Mitglieder. Bei den Feierlichkeiten zum 60. Jubiläum auf der Ratstagung und KirchenleiterInnenkonferenz in Lund vom 20. bis 27. März dieses Jahres war Posfay einer der wenigen, der schon 1947 dabei gewesen war.

Isolation überwinden
Mit kaum 26 Jahren war Posfay einer der jüngsten Delegierten der Ersten LWB-Vollversammlung. Die Stimmung in Lund war hoffnungsvoll, obwohl Millionen Menschen in Europa obdachlos waren. Er hatte die Erwartung, dass „der LWB eine fortwährende Entwicklung der Welt, vor allem der spirituellen Seite, repräsentieren werde“. Viele Regionen Europas, wie auch Ungarn, waren „theologisch isoliert“. Eine Verbindung zu anderen LutheranerInnen weltweit würde einen Austausch ermöglichen, so seine Hoffnung.

Der Aufbau von Beziehungen sei essentiell gewesen, erzählt Posfay. „Deutschland hatte auf dem Sitz der Sünder gesessen und musste jetzt zur Gründung des LWB eingeladen werden“, sagt er. „Der LWB war etwas Neues, Frisches, ohne Diskriminierung. Wir haben neu angefangen. Wir haben nicht gefragt: Was haben Sie während des Krieges getan?“

Wie ein roter Faden
Seit dieser ersten Versammlung in Lund zieht sich der LWB wie ein roter Faden durch Posfays Leben.

Da er nicht nach Ungarn zurückkehren konnte, blieb Posfay in Schweden und wartete auf Neuigkeiten aus der Heimat. „Nicht einmal unsere Eltern trauten sich, uns zu schreiben“, erinnert er sich. Er war offen für Alternativen. Als er ein Angebot aus den USA erhielt, nahm er es an und arbeitete drei Jahre in einer ungarischen Gemeinde in Cleveland (Ohio/USA).

Das nächste Angebot kam von einer ungarischen lutherischen Gemeinde in Venezuela, wo er seine spätere Frau Emese Ava kennenlernte, eine in Ungarn geborene Argentinierin. Während seiner Zeit in Mittelamerika nahm er ein Sabbatjahr in Lund und beendete seine Doktorarbeit zu Luthers Kleinem Katechismus und dem Heiligen Geist. Er blieb in Venezuela, bis das nächste Angebot kam und ihn zurück zum LWB rief, 24 Jahre nach der Vollversammlung in Lund.

Das war im Jahr 1971. Posfay nahm als lateinamerikanischer Beobachter an einer LWB-Konferenz in Tokio (Japan) teil, als er gefragt wurde, ob er das Lateinamerika-Referat des LWB in Genf übernehmen wolle. Er hatte bis Mittag des nächsten Tages Zeit, sich zu entscheiden.

Posfay konnte seine Frau telefonisch nicht erreichen und tat sich schwer mit der Entscheidung. „Ich ging zurück in mein Hotel und betete und las in der Bibel“, erzählt er. Dann erinnerte er sich an eine Begebenheit neun Jahre zuvor, als seine Frau auf einer Reise nach Genf begeistert ausrief, ihr gefalle die Stadt so sehr, dass sie sich vorstellen könne, hier zu leben. Und so kam es.

Posfay arbeitete 15 Jahre in der LWB-Abteilung für Kirchliche Zusammenarbeit (die heutige Abteilung für Mission und Entwicklung), die so hiess, weil „wir nicht das Wort ‚Mission‘ verwenden wollten. Es hatte einen äusserst negativen Beigeschmack“, betont er. „Die russische Regierung benutzte das Wort ‚Mission‘“.

Optimistisch gestimmt
Mit 65 Jahren ging Posfay in den Ruhestand. Noch heute lebt er mit seiner Frau in Genf und engagiert sich ehrenamtlich in einer ungarischen Gemeinde.

Auch 60 Jahre nach der ersten LWB-Vollversammlung in Lund ist er in Bezug auf den LWB optimistisch gestimmt. „Es ist immer noch eine gute Organisation“, betont er. Posfay ist der Ansicht, dass die Herausforderung für den LWB heute darin besteht, sich auf die Gemeinden zu konzentrieren und diese starke Grundlage zu unterstützen.

Sein Rat an den Einzelnen ist einfach: „Lernen Sie Menschen in anderen Ländern kennen. Lernen Sie eine neue Sprache.“ (787 Wörter)

(Pfarrerin Lisa A. Smith aus den USA interviewte Pfr. Dr. George Posfay während der LWB-Ratstagung in Lund. Smith war Teilnehmerin des LWB-Trainingsprogramms zur Heranbildung junger Führungskräfte im Kommunikationsbereich.)

 

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