Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

25.04.2005

Missbrauch heiliger Schriften zur Rechtfertigung von Kriegen verurteilt

Aufruf an ReligionsführerInnen, für "Einheit Gottes" zu werben

Johannesburg (Südafrika)/Genf, 25. April 2005 (LWI)
- Pfr. Dr. Samuel Kobia, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) mit Hauptsitz in Genf, hat die afrikanischen Glaubensgemeinschaften davor gewarnt, auf der Grundlage heiliger Schriften Kriege zu rechtfertigen.

"Als gläubige Menschen sollten wir heilige Schriften nicht dazu benutzen, Kriegen eine moralische Rechtfertigung zu geben, denn so fällt es leichter zu kämpfen", erklärte Kobia vor den Delegierten und geladenen Gästen beim Zweiten Gipfel der Interreligiösen Initiative für Frieden in Afrika (IFAPA), der vom 21. bis 25. April in der Nähe von Johannesburg (Südafrika) stattfindet. Im Rahmen des Gipfels wird ein Überblick über Konfliktsituationen und Friedensbemühungen in verschiedenen Teilen Afrikas gegeben.

Kobia leitete eine Podiumsdiskussion zu Gebrauch und Missbrauch heiliger Schriften in Konfliktsituationen und betonte bei dieser Gelegenheit, es sei notwendig, die Relevanz des reichen Erbes und der Vielfalt aller Religionen für den jeweiligen Kontext zu erschliessen.

An der Podiumsdiskussion nahm unter anderem Scheich Khaled Adlen Bentounes teil, der den Französischen Rat für die muslimische Religion vertrat. Er betonte, keine moderne Religion könne vorgeben, gewaltfrei zu sein. Die Auslegung der heiligen Schriften sei von entscheidender Bedeutung, da man diese "aus positiver oder negativer Perspektive betrachten" könne.

Gladys Quartey-Papafio aus Ghana, Vertreterin des Bahaismus, erklärte, die Vielfalt der Religionen und die grosse Zahl von Sekten unter den Menschen rufe widersprüchliche Wahrnehmungen hervor. Frieden, so Quartey-Papafio, sei Grundelement aller Religionen. "Es ist die nach aussen sichtbare Praxis, die sich so sehr unterscheidet, und hieraus entstehen Konflikte, Streit und Feindschaft."

Quartey-Papafio nannte Unwissenheit, Hochmut und den Mangel an massgebenden Auslegungen heiliger Schriften als Faktoren, die zu Konflikten beitrügen. Sie richtete an die ReligionsführerInnen die Herausforderung, für die Anerkennung und Annahme der Einheit Gottes, der Religion und der Menschheit zu werben, um so Konflikten den Boden zu entziehen.

Prabhudas Pattni, Generalsekretär des Afrikanischen hinduistischen Rates, stellte fest, die Menschen müssten akzeptieren, dass es viele Wege zu Gott gebe. Er rief zu mehr Toleranz sowie gegenseitiger Annahme auf und betonte, um Konflikte zu vermeiden, müsse man sich vor einer "bewussten Fehlinterpretation dessen, was wir lesen" hüten.

Die südafrikanische anglikanische Pfarrerin Sue Brittion aus Durban vertrat die Weltkonferenz der Religionen für den Frieden (World Conference on Religion and Peace, WCRP). Sie betonte, es sei notwendig, die christliche Heilige Schrift unter angemessener Berücksichtigung des historischen, soziopolitischen und wirtschaftlichen Kontexts zu lesen, in dem die Bücher geschrieben worden seien.

Heilige Schriften würden, so Brittion, häufig für die Interessen derjenigen missbraucht, die sie lesen, bzw. für die Interessen ihrer sozialen Schicht oder Position in der Gesellschaft. "Es gibt Texte, die zur Gewalt aufrufen und Texte, die Frieden und Gewaltlosigkeit fördern . man kann immer einen Text finden, der sich für die eigenen Zwecke einsetzen lässt." Es sei notwendig, dem Missbrauch heiliger Schriften entgegenzutreten, erklärte Brittion.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wurde ein Appell an religiöse Institutionen gerichtet, ihre jeweiligen Dogmen und ihre Praxis daraufhin zu überprüfen, welche Aspekte in der Folge der Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten von Amerika am 11. September 2001 den Rassismus, besonders in Europa und Asien, gefördert hätten.

Doudou Diene, Sonderberichterstatter der Menschenrechtskommission über zeitgenössische Formen des Rassismus, der Rassendiskriminierung, der Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängender Intoleranz, betonte, es bestehe dringender Bedarf, das interreligiöse Gespräch zu suchen, um eine Entwicklung zu verhindern, die zu einem Konflikt der Kulturen führen könne.

In seinem Vortrag zum Thema "Rassismus, Religion und Dialog" empfahl Diene, sich gegenseitig besser kennen zu lernen und interreligiöse Initiativen für Frieden und Verständigung zu verwirklichen.

Am Zweiten IFAPA-Gipfel nehmen mehr als 240 Personen aus ganz Afrika sowie BeobachterInnen aus Europa und Nordamerika teil. Er wird vom Lutherischen Weltbund (LWB) koordiniert, Gastgeber ist das Nationale Forum der ReligionsführerInnen in Südafrika. Die afrikanische interreligiöse Friedensinitiative wurde von LWB-Generalsekretär Pfr. Dr. Ishmael Noko ins Leben gerufen. Beim Gipfel sind acht Glaubensgemeinschaften vertreten; er steht unter dem Thema "Zusammenarbeit für Frieden in Afrika". (644 Wörter)


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