Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

21.04.2005

FEATURE: Kulturelle und politische Vorurteile versperren vielen Frauen Zugang zu leitenden Positionen

Interreligiöse Friedensinitiative rückt Rolle der Frauen im Friedensprozess ins Blickfeld

Johannesburg (Südafrika)/Genf, 21. April 2005 (LWI)
- "Wir bekommen nicht erst den Frieden und schaffen dann die Einheit ... Das hiesse, den Karren vor das Ross spannen!" Dies erklärte Yvonne Fitzpatrick-Moore, langjährige leitende Angestellte bei Wirtschaftsunternehmen und Streiterin für die Rechte von Frauen, in einer Rede vor mehr als 100 Frauen aus allen Teilen Afrikas, die in Johannesburg (Südafrika) über die Rolle von Frauen im Friedensprozess im Rahmen der interreligiösen Zusammenarbeit beraten.

Die Einheit müsse dem Frieden vorausgehen, wenn es einer Gesellschaft gut gehen soll, so Fitzpatrick-Moore bei der dreitägigen "Konsultation der Mütter und Töchter Afrikas" im Vorfeld des Zweiten Gipfeltreffens der Interreligiösen Initiative für Frieden in Afrika (IFAPA). Der IFAPA-Gipfel findet vom 21. bis 25. April im Hotel und Konferenzzentrum von Kopanong bei Johannesburg statt. Sieben religiöse Traditionen sind bei der Tagung vertreten, die vom Lutherischen Weltbund (LWB) koordiniert und vom Nationalen Forum der ReligionsführerInnen in Südafrika (NRLFSA) ausgerichtet wird.

In ihrer Rede, in der sie die Zurüstung von Frauen für den Friedensprozess in den Mittelpunkt stellte, würdigte Fitzpatrick-Moore das Engagement der Frauen, ihre Standhaftigkeit und ihren wichtigen Beitrag zur Konfliktlösung sowie ihre Bemühungen um Frieden auf dem gesamten Kontinent. Noch immer seien gerade Frauen Opfer von Kriegen und Gewalt. Auf die Frage, wie denn Frauen dazu befähigt werden könnten, gegen Praktiken anzukämpfen, die ihr Fortkommen behinderten, erklärte sie nachdrücklich, die Frauen Afrikas müssten sich von Vorurteilen frei machen und dürften sich nicht die Vorurteile anderer zu Eigen machen. "Die Hauptursache für falsches Handeln, vor allem falsches Handeln, das Unrecht schafft, ist die blinde Nachahmung des Überkommenen", betonte sie.

Fitzpatrick-Moore, die der Bahai-Gemeinschaft angehört, verurteilte Verbrechen und Unrecht gegen Frauen als rückwärtsgerichtet und bedauerte, dass bei vielen afrikanischen Regierungen und Gemeinschaften Vergewaltigung nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gelte. Fitzpatrick-Moore stammt aus den USA und hat inzwischen die südafrikanische Staatsangehörigkeit erworben. Durch die Organisation von Seminaren und Ausbildungsveranstaltungen zu Themen wie Selbstverwirklichung, Rasse und Ethnizität, Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Übernahme von Leitungsfunktionen und Wandel ist sie im Bereich der Erziehung und Ausbildung tätig. Unter anderem leitet sie Frauengruppen bei der Anfertigung von Quilts (Decken aus Stoffresten) an, die an Waisenkinder von HIV/AIDS-Opfern verschenkt werden.

Die Präsidentin des Bundes der Muslimischen Frauenverbände in Nigeria, Hajiya Bilkisu, appellierte in ihrer Rede vor den Versammelten an Regierungen, Gruppen der Zivilgesellschaft und Partner in der Entwicklungsarbeit, Friedens- und Konfliktlösungsinitiativen von Frauen zu unterstützen.

Sie wies darauf hin, dass immer, wenn gewalttätige Konflikte eskalierten, Frauen "einen unverhältnismässig hohen Anteil an den negativen Auswirkungen des Krieges zu tragen haben, die sich in der Zerrüttung des Familienlebens und in massivem Leid niederschlagen".

"Regierungen und Organisationen der Zivilgesellschaft sollten die erforderlichen Vorkehrungen treffen, dass Frauen eine angemessene Rolle und Verantwortung in Frühwarn-Mechanismen zugewiesen wird, um den Ausbruch von Konflikten zu verhindern", forderte sie.

In Teilen der Massenmedien hätte die negative Darstellung von Frauen zur Verbreitung von Klischees beigetragen, die die Gleichberechtigung von Frauen und Männern stark beeinträchtigten. "Die Medienleute müssen zu Objektivität in der Berichterstattung über den Friedensprozess angehalten werden; sie sollten den Friedensprozess fördern, indem sie die Täter brutaler Verbrechen blossstellen und ein positives Bild von Frauen vermitteln", so Hajiya Bilkisu.

Frauen werden zu gegenseitiger Unterstützung aufgerufen

Die ehemalige Sozialarbeiterin beim Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) und Gründerin von Vision und Aktion Afrikanischer Frauen gegen den Krieg in Elfenbeinküste, Dandi Lou Amanan, würdigte die grossen Fortschritte, die die Frauen zur Verbesserung ihres Status erreicht hätten, hielt ihnen aber zugleich vor, dass "sie selbst noch immer ihre ärgsten Feinde sind".

"Frauen an der Basis sind von anderen Frauen ausgenutzt worden, die sich selbst nicht für Frauenrechte engagieren. Wir haben viel erreicht, aber der eigentliche Feind der Frau ist die Frau", betonte sie.

Amanan, die auch Beraterin im Westafrikanischen Friedensnetzwerk ist, wies darauf hin, dass für Frauen dringend Ausbildungsmöglichkeiten geschaffen werden müssten, damit sie sich wirksamer an wichtigen Projekten in ihren Gemeinschaften beteiligen könnten.

Die IFAPA-Initiative, fügte sie hinzu, habe es erreicht, Frauen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammenzuführen und ihnen so die Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrungen miteinander auszutauschen und gemeinsame Interessen zu erkennen. "Frauen merken manchmal gar nicht, dass sie Einfluss haben und die Gesellschaft verändern könnten, wenn sie zusammenstehen und sich ein konkretes Ziel setzen würden."

Zugleich appellierte sie an Regierungen, Institutionen und führende Persönlichkeiten, die sich für ein selbstbestimmtes Leben von Frauen einsetzen, Fraueninitiativen finanziell abzusichern und zu unterstützen. "Wenn es Frauen gut geht, geht es der ganzen Gesellschaft gut", fügte sie hinzu.

Südafrikanische Regierung zur Anerkennung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern beglückwünscht

Die stellvertretende Vorsitzende des NRLFSA, Shohren Rawhani, rief die Religionsführer auf, Frauen den Weg in leitende Positionen zu ebnen. "Es gibt nur wenige Religionsführerinnen; die Befähigung von Frauen bedeutet aber die Anerkennung ihrer Rolle", betonte sie auf der Frauenkonsultation im Vorfeld des IFAPA-Friedensgipfels. Die Konsultation wurde offiziell am 18. April von der südafrikanischen Ministerin für Bodenschätze und Energie und derzeitigen Amtierenden Präsidentin, Phumzile Mlambo-Ngcuka, eröffnet.

Ausdrücklich lobte Rawhani die südafrikanische Regierung, weil sie zusammen mit anderen auf dem Kontinent die Gleichberechtigung von Frauen und Männern anerkannt und Frauen mit wichtigen Leitungspositionen betraut habe.

Die NRLFSA-Vertreterin berichtete eingehend über die Aussagen von Frauen, die Opfer von Diskriminierung wurden, und wies darauf hin, dass viele Frauen, die auf dem Kontinent eine führende Rolle übernehmen könnten, durch kulturelle und politische Vorurteile daran gehindert würden.

Die Professorin Fatima El Kebir aus Algerien warb zur Förderung der Belange ihrer jeweiligen Gesellschaften für die Schaffung eines Netzwerks afrikanischer Frauen. Es sei notwendig, Frauen in Toleranz, Solidarität und Zusammenarbeit einzuüben.

"Wir müssen die Kraft von Frauen kreativ nutzen, denn wir sind 50 Prozent der Bevölkerung und die Mütter der anderen 50 Prozent der Bevölkerung", schloss El Kebir ihre Ausführungen.

An der "Konsultation der Mütter und Töchter Afrikas" nahmen auch männliche Beobachter teil. Der Generalsekretär des Rates der Hindus in Afrika, Prabhudas Pattni, zitierte aus hinduistischen Schriften und forderte die afrikanischen Frauen nachdrücklich auf, neue Hoffnung zu wecken und da zu beginnen, wo sie schon jetzt gleichberechtigte Partnerinnen seien.

Pattni, der auch Mitglied des IFAPA-Fortsetzungsausschusses ist, erklärte: "Es ist an der Zeit, dass unsere afrikanischen Frauen neue Hoffnung wecken und dort damit beginnen, wo ihre Schreie nach Gerechtigkeit, Frieden, Zugehörigkeit, Gleichberechtigung und Sicherheit gehört werden und wo danach gehandelt wird." (1.043 Wörter)


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