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Südsudan: Leitende ReligionsvertreterInnen fordern Befriedigung der Grundbedürfnisse
Rumbek (Südsudan)/Genf, 17. April 2005 (LWI) – Wenn die brütend heisse Mittagssonne auf Rumbek im Südsudan herunterbrennt, dann trifft sie auch die siebenjährige Ayen Chol, die oft direkt neben den Ruinen zerstörter Häuser Wasser aus einem Brunnen schöpft.
Seit im Januar 2005 im benachbarten Kenia ein umfassendes Friedensabkommen zwischen der sudanesischen Regierung und der Rebellenorganisation SPLM/A (Sudanese People's Liberation Movement/Army) abgeschlossen wurde, können die Kinder in Rumbek wieder frei draussen herumlaufen und spielen. Es besteht Hoffnung, dass die nach fast dreijährigen Verhandlungen erzielten Vereinbarungen diesen seit über zwei Jahrzehnten andauernden Krieg beenden könnten.
„Frieden ist gut“, meint Chol, die über einen Dolmetscher mit uns spricht, während andere Kinder und Frauen am Brunnen stehen und zuschauen. „Dann können wir wieder in die Schule gehen. Wir bekommen wieder Kleider und Bücher und haben genug zu essen.“
Chol wurde während des Kriegs geboren und wuchs in einer Zeit auf, in der sich SoldatInnen beider Seiten bekämpften und die Bevölkerung zur Flucht zwangen. Auf die neuen Entwicklungen reagiert sie mit Optimismus, genau wie Rebecca Ajok, eine vierfache Mutter, die die 21 Kriegsjahre überlebt hat.
Ajok freut sich, dass die Regierungsflugzeuge keine Bomben mehr abwerfen. Sie hofft, dass sie einen kleinen Betrieb eröffnen und ohne Angst in die Kirche gehen kann, zusammen mit ihrem Mann, der sich gerade erst in einen Kurs für Erwachsenenbildung eingeschrieben hat.
„Schauen Sie nur, was wir mitgemacht haben. Es war schwer, während dieses Krieges überhaupt noch irgendetwas zu tun“, erzählt sie und zeigt auf das, was von der ehemaligen Residenz des anglikanischen Bischofs von Rumbek übrig geblieben ist. Nach den massiven Bombenangriffen, die die sudanesischen Regierungsstreitkräfte in der Vergangenheit auf Rumbek geflogen haben, stehen nur noch die Aussenmauern des Gebäudes.
Die Erwartungen der Bevölkerung, die mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens gewachsen sind, übersteigen die knappen Ressourcen, die dem Sudan zur Verfügung stehen.
In den Städten im Umfeld von Rumbek, die ein Team leitender ReligionsvertreterInnen aus Kenia, Senegal, Tansania, Uganda und dem Süd- und Nordsudan vom 14. bis 19. März besucht hat, bringen örtliche Gemeinschaften, KirchenleiterInnen und VertreterInnen der SPLM/A ihre Enttäuschung zum Ausdruck, die sie in ihren Bemühungen, den durch das Friedensabkommen entstandenen neuen Herausforderungen aktiv zu begegnen, immer wieder erleben.
„Wir sind diesen Menschen begegnet und haben ihnen zugehört. Die Bedürfnisse der Bevölkerung sind unendlich gross. Die Hilfe muss bald kommen“, erklärt Pfr. Mcleord Baker Ochola II. Der emeritierte anglikanische Bischof von Kitgum in Norduganda leitete die Delegation der Interreligiösen Initiative für Frieden in Afrika (IFAPA) auf ihrem Solidaritätsbesuch im Sudan.
Der IFAPA-Prozess wurde 2002 vom Lutherischen Weltbund (LWB) initiiert und verfolgt das Ziel, leitende religiöse Persönlichkeiten aus ganz Afrika aktiv an den Bemühungen um Konfliktlösung und Friedensschaffung auf dem Kontinent zu beteiligen. Das IFAPA-Sekretariat hat seinen Sitz in Nairobi (Kenia) und entstand in der Folge des Ersten Interreligiösen Friedensgipfels in Afrika, der im Oktober 2002 in Johannesburg (Südafrika) stattfand. Gemäss dem in Johannesburg angenommenen Aktionsplan organisierte das IFAPA-Sekretariat auch Delegationsreisen in die Demokratische Republik Kongo und nach Liberia.
Die Erwartungen der Menschen im Südsudan, so erfuhr die Delegation, reichen von der Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie Nahrungsmittel, Wasser und Kleidung, bis zum Aufbau der Infrastruktur, einschliesslich Strassen und Schulen. Einige VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) warnen bereits davor, dass diese Erwartungen leicht in Enttäuschung umschlagen könnten, sollten die zurückkehrenden Flüchtlinge und Binnenvertriebenen feststellen, dass noch keine humanitären Hilfsprogramme angelaufen sind.
„Dies könnte zu einem Stimmungswechsel gegen den Frieden führen. Wenn diese Menschen zuhause keine Perspektive haben, dann könnten sie bedauern, zurückgekommen zu sein“, erklärt Taban Emmanuel, Programmmitarbeiter der Catholic Relief Services in Rumbek.
Mehr Bedürfnisse als verfügbare Mittel
Nach eigenen Angaben benötigt der Südsudan für die Befriedigung der unmittelbaren humanitären Bedürfnisse circa 500 Millionen US-Dollar (USD), aber bis Anfang März waren erst 24 Millionen USD eingegangen.
Schätzungen zufolge hat der Krieg im Sudan zwei Millionen Menschen das Leben gekostet. Humanitäre Organisationen gehen davon aus, dass vier Millionen SudanesInnen zu Binnenvertriebenen bzw. gezwungen wurden, das Land zu verlassen. Mary Biba, Leiterin des Bezirks Yambo im Süden des Landes, erklärt, dass einige der zurückkehrenden Flüchtlinge ihre Kinder durch Krankheiten verloren haben.
„Wir haben versucht zu helfen, wo wir konnten, aber da wir nur über begrenzte Mittel verfügen, konnten wir nichts anderes tun, als dieses Leid mit anzusehen. Das war nicht leicht“, fügt sie hinzu.
Am 9. März haben die sudanesische Regierung und die SPLM/A einen Aufbau- und Entwicklungsplan über nachhaltigen Frieden, Entwicklung und Armutsbeseitigung veröffentlicht. Dieser Plan basiert auf den Ergebnissen der Gemeinsamen Bewertungsmission der UNO und der Weltbank, die 7,8 Milliarden USD für die Finanzierung der ersten Stufe eines Aufbau- und Entwicklungsplans für den Sudan nach dem Krieg veranschlagt hat. Nach diesem Plan soll die internationale Gemeinschaft ersucht werden, circa ein Drittel der insgesamt benötigten Mittel bereitzustellen. Die sudanesischen Verhandlungsparteien gaben an, dass der grösste Teil des Eigenbeitrags aus inländischen Erdölerträgen stammen wird, aber einige leitende Vertreter des Südens lehnten diesen Vorschlag ab.
„Die Gelder können nicht nur aus den Erdölgewinnen kommen, weil unsere Bedürfnisse grösser sind als das, was das Öl hergibt“, erklärt Kauc Nak, Leiter des Bezirks Rumbek.
Laut Verwaltungskreisen des Südens gibt es eine akute Knappheit an Medikamenten, Wasser und Nahrungsmitteln. Die Lage in den Schulen sei prekär, da die SchülerInnen jetzt, wo Frieden ist, aller Voraussicht nach wieder in Scharen zur Schule gehen werden.
Sind Schulen unter Bäumen die beste Lösung?
„Das Gute ist, dass diese Schulen unter Bäumen sind, daher können sie möglichst viele Kinder aufnehmen.“ Aber „ist das wirklich das Beste?“, fragt Nak.
Muyek Makoi, Lehrer an der weiterführenden Schule in Rumbek, macht sich dazu seine eigenen Gedanken. „Hier ist es normalerweise sehr windig und Sie werden sich vorstellen können, wie sehr die Kinder darunter leiden“, sagt er.
Nak wird kategorisch: der Südsudan könne über Entwicklung nicht einmal reden, bevor er nicht die dringendsten Bedürfnisse der Menschen erfüllt habe. „Hier geht es um die Bereitstellung des Notwendigsten. Uns fehlt es an allem. Da kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand beschliessen würde, Krieg zu führen“, meint er.
Nach Angaben der Kommunalverwaltung ist jeder dritte Fall, der im Krankenhaus in Rumbek wegen Verletzungen behandelt wird, auf gewalttätige Auseinandersetzungen um Wasser zurückzuführen.
Im Sudan beträgt die Lebenserwartung nur 42 Jahre, nur ein Viertel der Bevölkerung kann lesen und schreiben. Die BewohnerInnen des Südsudan berichten den BesucherInnen, dass sie der Welt erzählen sollen, „dass eure Brüder und Schwestern im Sudan leiden und eure Hilfe brauchen“. (1.066 Wörter)
(Ein Bericht des in Nairobi ansässigen Journalisten Fredrick Nzwili, der die IFAPA-Delegation in den Südsudan begleitete.)
Dieser Beitrag gehört zu einer Feature-Serie der Lutherischen Welt-Information (LWI) zum Thema der Zehnten LWB-Vollversammlung 2003 „Zur Heilung der Welt“. Die Serie beleuchtet die Relevanz des Vollversammlungsthemas in den verschiedenen regionalen und lokalen Kontexten der weltweiten lutherischen Gemeinschaft und stellt Projekte der Versöhnung und Heilung vor angesichts weltweiter Bedrohung. Auch nach Abschluss der Zehnten Vollversammlung, die vom 21. bis 31. Juli 2003 in Winnipeg (Manitoba/Kanada) stattfand, bildet das Vollversammlungsthema einen der Schwerpunkte der Arbeit des LWB.
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