Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

24.04.2004
Urteil: HIV-positiv - Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung
 

Tausende Betroffene in der Ukraine hoffen auf Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten

Odessa (Ukraine)/Genf, 24. April 2004 (LWI)
- Seit neun Jahren weiss Sergej Fjodorow, dass er HIV-positiv ist. 1995 wurde der damals drogenabhängige Student ohne sein Wissen getestet und von einem Arzt informiert, er habe AIDS. Weitere Informationen gab ihm der Arzt nicht. Sergej war schockiert, er konnte nicht glauben, dass er sich infiziert hatte, hier in seiner Stadt, der Schwarzmeermetropole Odessa. Über HIV/AIDS wusste er damals so gut wie nichts, nur dass es in den USA eine Viruserkrankung geben soll, die unheilbar ist und zum Tod führt. Über sein Testergebnis sprach er mit niemandem in seiner Familie, nur mit Freunden, die so wie er nicht von den Drogen loskamen und von denen viele auch bald erfuhren, das sie HIV-positiv waren.

Der sympathische 30-Jährige berichtet während der Konsultation europäischer KirchenleiterInnen zum Thema HIV/AIDS, die vom 20. bis 25. April 2004 in Odessa (Ukraine) stattfindet, über seine Infektion und sein heutiges Engagement. Äusserlich erinnert Sergej eher an einen jungen ukrainischen Manager, nichts lässt auf seine frühere Drogensucht schliessen. Mit stockender Stimme berichtet er über seinen zweiten HIV-Test, dem er sich 1999 unterziehen musste. Erinnerungen werden wach an seinen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, in die er zu einem Drogenentzug geschickt worden war. Eine richtige Behandlung sei ihm dort nicht zuteil geworden, betont Sergej. Hinter verschlossenen Türen sei er einfach auf Entzug gesetzt worden, ohne Medikamente, ohne Betreuung. Plötzlich mit den Drogen aufzuhören sei schwer, aber noch schwerer sei es, wenn man HIV-positiv ist.

Von seinem zweiten Testergebnis unterrichten die Ärzte der psychiatrischen Klinik Sergejs Familie, ohne ihn vorher zu informieren oder um Zustimmung zu bitten. Dies war eine klarer Verstoss gegen ukrainische Gesetze, erklärt Sergej, denn HIV-Positiven steht das Recht auf Anonymität zu. Auf die Frage, wie seine Mutter auf diese Nachricht reagiert habe, antwortet Sergej, dass sie wahrscheinlich bereits geahnt hatte, dass er HIV-positiv ist. Die Ärzte hätten ihr dann vorgeschlagen, extra Geschirr und Besteck für Sergej zu kaufen, damit sich die Familie nicht infiziere. Erst nach einiger Zeit, als auch seine Mutter sich besser über HIV/AIDS informiert hatte, konnte Sergej wieder ganz normal, ohne Einschränkungen mit seiner Familie essen.

In seinem Kampf gegen die Drogen erfuhr Sergej grosse Unterstützung durch Freunde, die es bereits geschafft hatten, sowie durch verschiedene kirchliche Einrichtungen in Odessa. Ab dem Moment, in dem er verstanden hatte, dass er jetzt etwas tun müsse, um in seinem Leben noch etwas zu erreichen, war es einfacher. Doch bis dahin war es ein langer, schwieriger Weg.

Heute ist Sergej Fjodorow Mitglied des Allukrainischen Koordinationsrates der Menschen, die mit HIV/AIDS leben, und Verwaltungsvorsitzender der Selbsthilfegruppe und Nichtregierungsorganisation (NGO) „Leben Plus“ in Odessa. „Leben Plus“ wurde 1999 von HIV/AIDS-Betroffenen gegründet und betreibt mit 46 MitarbeiterInnen und vielen Freiwilligen, die meist selbst von HIV/AIDS betroffen sind, ein AIDS-Zentrum in Odessa. Das Zentrum unterstützt HIV/AIDS-Betroffene, betreut ambulant AIDS-Kranke und engagiert sich in der Prophylaxe und Aufklärungsarbeit.

Zu den Menschen, denen „Leben Plus“ geholfen hat, gehört auch Marina. Die heute 40-Jährige hatte bei der Geburt ihres vierten Kindes erfahren, dass sie HIV-positiv ist und den Virus bei der Geburt auf ihr Kind übertragen hatte. Mit Hilfe von „Leben Plus“ und der NGO Ärzte ohne Grenzen konnte sie das Leben ihres Kindes retten. Sie erhielt kostenfrei gute Babynahrung, Medikamente und ärztliche Betreuung. Damals war Marina obdachlos, ihr Mann war bereits gestorben, und so musste sie ihre Kinder in ein Kinderheim geben. Mit Hilfe von „Leben Plus“ und ihrer Mutter, die nach Odessa kam, um sie zu unterstützen, gelang es Marina, eine Einzimmerwohnung zu finden, wo sie heute mit ihren vier Kindern lebt. Inzwischen ist sie eine der Freiwilligen, die sich gemeinsam mit „Leben Plus“ für andere Betroffene engagiert.

Jeden Monat kommen über 500 Betroffene in die Räume von „Leben Plus“ und erhalten Hilfe, Unterstützung und Beratung. Allein in der Stadt Odessa sind über 6.400 HIV-Positive offiziell registriert. Nach Schätzungen von UNAIDS sind 250.000 EinwohnerInnen der Ukraine, rund ein Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 49, mit dem HI-Virus infiziert. Betroffen sind vor allem intravenöse DrogengebraucherInnen sowie Prostituierte und Männer, die Sexualbeziehungen mit Männern unterhalten. Zunehmend betrifft die HIV/AIDS-Pandemie aber auch alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

Eine weitere wichtige Aufgabe von „Leben Plus“ ist die rechtliche Beratung. So sei es in Odessa vorgekommen, dass Arbeitgeber die MitarbeiterInnen zu einem HIV-Test verpflichteten und die Angestellten bei einem positiven Testergebnis ohne Angabe von Gründen fristlos entliessen, berichtet Sergej.

Als ganz zentrales Problem benennt „Leben Plus“ die Versorgung Betroffener mit antiretroviralen Medikamenten. Gegenwärtig erhalten in Odessa nur rund 120 PatientInnen die überlebenswichtigen Medikamente. Nach Schätzungen des Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria (GF-ATM) müssten jedoch in einer ersten Phase mindestens 4.000 Betroffene Zugang zu einer antiretroviralen Therapie erhalten. Der Globale Fonds hatte bereits mit NGOs in der Ukraine Abkommen über die Bereitstellung von finanziellen Mitteln zum Erwerb der Medikamente getroffen, setzte die Förderung aber zu Beginn des Jahres aus, weil eine Evaluierung der Partnerorganisationen Missmanagement und Verzögerungen bei der Durchführung der Programme ergeben hatte. Nun hoffen alle Betroffenen, dass die finanzielle Unterstützung bald wieder einsetzt, damit ihnen geholfen werden kann.

Für Sergej ist es ein Skandal, dass viele Menschen sterben müssen, nur weil sie keinen Zugang zu diesen Medikamenten haben. Ihm selbst geht es gegenwärtig gesundheitlich sehr gut, betont er, daher gehört er zur Zeit nicht zu denen, die auf antiretrovirale Medikamente angewiesen sind. Staatliche Behörden hätten zugesichert, dass im Juni die nötigen Gelder für den Einkauf der Medikamente für zumindest 4.000 Betroffene zur Verfügung stehen sollen. Doch an dieses Versprechen glauben nur wenige, sagt Sergej.

Er selbst hofft, dass die medizinische Forschung Fortschritte macht und bald bessere Behandlungsmethoden bereitstehen. Bis dahin vertraut er auf die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten. Dank der Medikamente werde sich sein Leben dann nicht oder kaum von dem anderer Menschen unterscheiden, hofft er. Er will weiter lernen, mit der Infektion zu leben und er will andere darin unterstützen. Weiterhin will er sich auch in Zukunft für die Rechte der HIV/AIDS-Betroffenen einsetzen.

An der Konsultation, die vom Lutherischen Weltbund (LWB) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) veranstaltet wird, nehmen rund 40 VertreterInnen europäischer LWB-Mitgliedskirchen und Verantwortliche in der Frauen- und Jugendarbeit sowie MitarbeiterInnen regionaler und internationaler NGOs teil. Die Tagung ist die letzte von vier Regionalkonferenzen, die auf der Grundlage der 2002 initiierten globalen LWB-Kampagne gegen HIV/AIDS und deren Aktionsplan „Anteilnahme, Umkehr, Zuwendung: Kirchen reagieren auf die HIV/AIDS-Pandemie“ geplant wurden. Die erste Regionalkonsultation hatte 2002 in Afrika stattgefunden, es folgte im März 2003 eine weitere für die Region Lateinamerika und Karibik, die Konferenz für die Region Asien fand im Dezember 2003 statt. (1.103 Wörter)

 

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