Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

03.02.2004
'Kirchen nehmen die Regierungen in die Verantwortung'. Doch wer fordert Rechenschaft von den Kirchen?
 

LWB-Konsultation will neue Strategien zur gegenseitigen Verantwortlichkeit von Kirche und Staat entwickeln

Genf, 3. Februar 2004 (LWI)
– Zu Transparenz und Ausübung des politischen Amtes zum Wohle der Bevölkerung haben rund 20 internationale TeilnehmerInnen der Konsultation des Lutherischen Weltbundes (LWB) „Kirchen nehmen die Regierungen in die Verantwortung“ aufgerufen. Die Konsultation fand vom 22. bis 25. Januar 2004 unter der Leitung der LWB-Abteilung für Theologie und Studien (ATS) in Genf statt. „Wir müssen eine lutherische Sozialethik entwickeln, die als Ansatz das Verständnis aller Kirchen als Communio verwendet und das Konzept der gegenseitigen Verantwortlichkeit mit einbezieht“, so ATS-Direktorin Pfarrerin Dr. Karin Bloomquist.

Die vorwiegend theoretisch-ethische Diskussion zum Verhältnis von Kirche und Regierung der letzten Jahre habe häufig nicht die politische Realität und das tatsächliche Verhältnis von Kirche und Staat in vielen Ländern mit in Betracht gezogen, betonte Bloomquist. Nun gelte es, die Ansätze noch einmal global im Kontext der ökonomischen Globalisierung zu durchdenken und auf ihre Realitätsnähe zu überprüfen. Aufbauend auf bisherigen Veröffentlichungen und Seminaren der ATS zum Thema der ökonomischen Globalisierung sei das Ziel der Konsultation, Bloomquist zufolge, vor allem, an die bisherige Beschäftigung mit dem Thema anzuschliessen und Bereiche ausfindig zu machen, die noch der weiteren Arbeit bedürfen.

Kernpunkt der Diskussion der TeilnehmerInnen bildete vor allem das Konzept der Anwaltschaft, sprich das Eintreten für die Rechte von Benachteiligten. Die Konsultation betonte dabei vor allem die Notwendigkeit der Anwaltschaft seitens der Kirchen in Beziehung zu Regierungen. Besonders erschien es notwendig, in der Anwaltschaft je nach Kontext, Land und Ebene (lokal, national, international) inhaltliche Schwerpunkte zu setzen. Jedoch ist strittig, wer wann nach welchen Kriterien über diese Schwerpunktsetzung entscheiden soll.

Besonders auf lokaler Ebene gibt es in Hinblick auf Anwaltschaftsarbeit laut Pfr. Dr. Molefe Tsele, Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates, noch grossen Nachholbedarf. „Wenn wir Anwaltschaft auf der lokalen Ebene wollen, müssen wir in unseren Gemeinden das Bewusstsein schaffen, dass Anwaltschaft Teil der prophetischen Rolle der Kirche ist“, so Tsele. Mit diesem Bewusstsein sei jedoch die Frage nach dem Selbstverständnis und der Identität von Kirche und die Rolle der Kirche in der Welt aufs Engste verbunden. Eine Integration weltbezogener politischer und sozialer Fragen sowohl in das Gemeindeleben als auch in die theologische Ausbildung sei leider immer noch eher die Ausnahme als die Regel, erklärte Tsele.

Kritik an Regierungen gestaltet sich schwierig
Als ein weiteres Problem nannte der Generalsekretär der nordwestlichen Diözese der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania, Pfr. Dr. Fidon Mwombeki, die enge personelle Verflechtung von Kirche und Politik in einigen Ländern, die nicht selten zu einer eingeschränkten politischen Kritikfähigkeit seitens der Kirche führe. „Es gibt so viele Lutheraner und Lutheranerinnen in der Regierung und sie sind der Kirche sehr behilflich. Deshalb ist es schwer, sie am nächsten Tag zu kritisieren, wenn sie dir noch am Tag zuvor geholfen haben“, beschrieb Mwombeki die Situation. Gerade in einem solchen Fall stelle es eine besondere Herausforderung an die Kirchen dar, ihre prophetische Stimme nicht instrumentalisieren zu lassen.

Als Reaktion auf diese Ausführungen forderte Molefe Tsele eine Form der „kritischen Solidarität“ gegenüber den Regierungen und betrachtete es als Verantwortung der Kirchen, die Regierung stets an ihre Wahlversprechen zu erinnern und sie an deren Umsetzung zu messen.

Politische Partizipation der Kirchen ist unentbehrlich
Laut Susanne Buchweitz von der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien verharren die Kirchen in Brasilien nach jahrzehntelanger Militärdiktatur und angesichts der neuen Regierung und des Staatschefs Lula da Silva in einer abwartenden Haltung. Doch das Misstrauen in die politische Führung und die Angst vor politischer Einmischung, die die Militärdiktatur bei den Kirchen hinterlassen habe, sei noch deutlich spürbar. „Die Kirchenmitglieder haben immer noch Angst, auf die Strasse zu gehen und frei das auszusprechen, was sie denken“, so die brasilianische Journalistin. Häufig herrsche die Auffassung vor, dass politische Fragen nicht zu den Aufgaben der Kirchen gehörten.

Sasi Prabha, Sozialaktivistin aus Indien, äusserte sich ebenfalls kritisch über die fehlende Partizipation der Kirchen an politischen und sozialen Fragen. Die Gründe seien Selbstschutz und Angst: „Die Kirche ist eines der grössten Netzwerke von Menschen in der Welt. Leider haben wir noch nicht einmal versucht, diese riesige Stärke zu realisieren“, so Prabha. „Die Kirche muss das Konzept der Mission als Bürgerbewegung begreifen.“

Nicht nur die Beziehung der Kirchen zum Staat, sondern auch zu Nichtregierungsorganisationen (NGOs), zur Wirtschaft, zur internationalen Politik und zu den Medien wurde problematisiert. Unter den DiskussionsteilnehmerInnen herrschte Konsens, dass es besonders in der Zusammenarbeit mit NGOs nötig sei, sich als zivilgesellschaftliche Gruppierungen in gemeinsamen Interessen zu solidarisieren, jedoch gleichzeitig die eigene Identität als Kirche zu betonen und auch Unterschiede zwischen NGOs und Kirchen herauszustellen. Ausserdem müsse man die Partner im Hinblick auf Glaubwürdigkeit, Repräsentation und Interessen genau überprüfen.

Kirchen sind gefordert, sich für die Betroffenen einzusetzen
Auch im Hinblick auf wirtschaftliche AkteurInnen sei Sasi Prabha zufolge der Einsatz der Kirche für die durch die Folgen der neoliberalen Globalisierung Entrechteten und Enteigneten unbedingt geboten. Durch ihren Einsatz für die Belange der indigenen Bevölkerung in Orissa (Indien) erfahre sie hautnah, was diese politische Handlungsunfähigkeit für die Menschen vor Ort bedeute. Viele würden von ihren Ländereien vertrieben, weil die Regierung das Land an internationale Konzerne verkaufe, die es dann für industrielle Zwecke nutzen und die Ressourcen ausbeuten würden. Die Kirche sei hier in ganz besonderem Masse gefordert. Vor allem müssten die Kirchen Abkommen und Verträge der Regierung mit internationalen Wirtschaftsinstitutionen studieren, die damit verbundenen negativen Effekte der Globalisierung dokumentieren und in Gemeinde und Bevölkerung Bewusstsein schaffen.

Mit der Erarbeitung eines Papiers zum Abschluss der LWB-Konsultation mit dem Arbeitstitel „Reclaiming The Vocation Of Government“ („Rückbesinnung auf den Auftrag des Staates“), das sich mit Rolle und Berufung des Staates auseinandersetzt, wurden Ergebnisse der Diskussion und neue Wege und Strategien festgehalten, wie Regierungen konkret von den Kirchen in die Verantwortung genommen werden könnten. Doch bevor Rechenschaft von Staat, NGOs und Wirtschaft gefordert werde, müssten dem Papier zufolge die Kirchen auch die Probleme und Defizite in den eigenen Reihen ausfindig machen, anerkennen und willens sein, an sich selbst zu arbeiten. (990 Wörter)

(Ein Beitrag von LWI-Volontärin Anne Christin Sievers.)


Hier finden Sie die Erklärung „Reclaiming The Vocation Of Government“ („Rückbesinnung auf den Auftrag des Staates“) in englischer Sprache, die von einer LWB-Konsultation im Januar 2004 in Genf erarbeitet wurde, im PDF-Format. (Dieser Link erfordert Adobe Acrobat Reader)

 

Sollten Sie diesen Artikel weiter bearbeiten oder einem bestimmten Format anpassen wollen, beachten Sie bitte folgende Hinweise zur Bearbeitung.

 

Kontakt zur LWI-Redaktion