Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

08.07.2003
FEATURE: "Heilung durch Offenheit und Solidarität"
 

Lutherische Frauen in Namibia setzten sich für Heilung in ihren Gemeinschaften ein

Okahandja (Namibia), 8. Juli 2003 (LWI)
- Sie kamen aus dem Süden und aus dem Westen, viele Stunden waren sie unterwegs gewesen auf der Fahrt vom Atlantischen Ozean durch die Namibwüste bis in die Mitte des Landes. Auch aus dem Norden hatten sie sich aufgemacht, waren von den Savannen des Ovambolandes und der Kavangoregion mehr als 700 Kilometer gefahren, in engen Minibussen oder mit einer Mitfahrgelegenheit nach langem Warten am Strassenrand. Und viele kamen aus den Städten Namibias, aus Windhoek und Tsumeb, aus Gobabis und Grootfontein, sowie von entlegenen Farmen im östlichen Hereroland oder kleinen Siedlungen „mitten im Busch“. Es waren alte und junge, reiche und arme Frauen, Akademikerinnen, Hausfrauen und Farmerinnen und sie sprachen insgesamt mindestens sechs verschiedene Sprachen. Aber alle hatten das gleiche Ziel: die alle zwei Jahre stattfindende Phillipine-Konferenz der lutherischen Frauen in Okahandja vom 29. Mai bis 1. Juni.

Ungefähr zwei Drittel aller ChristInnen in Namibia sind Mitglied einer der drei noch immer getrennten lutherischen Kirchen Namibias. Nach Jahrzehnten der Trennung durch Kolonialismus und Apartheid wird zurzeit ernsthaft und mit Erfolgsaussichten an einem Zusammenschluss gearbeitet. Die Frauen der drei Kirchen hatten allerdings schon 1980 eine übergreifende Frauenorganisation gegründet, die sich seit 1995 „Phillipine Conference“ nennt, nach einem der Gründungsmitglieder, Phillipine Stefanus. Seit über 20 Jahren treffen sich Frauen der drei lutherischen Kirchen regelmässig landesweit und sind zu einer treibenden Kraft im Vereinigungsprozess der Kirchen geworden.

Vorträge und Diskussionen während der diesjährigen Konferenz fanden in vier Sprachen statt, die zeitaufwendige Verdolmetschung vom Englischen in die einheimischen Sprachen wurde dabei oft zu einer Herausforderung für Geduld und Toleranz. „Wir müssen die Gegebenheiten unseres Landes akzeptieren und damit leben“, erklärte Gastrednerin Rosa Namises. Sie fasste ganz selbstverständlich ihre eigenen Ausführungen sowohl in Afrikaans als auch in Nama zusammen und wartete geduldig auf die zusätzliche Verdolmetschung ins Oshivambo. Dank des sechssprachigen Kirchengesangbuchs „Cantate Domino“ konnten zahlreiche Lieder gemeinsam gesungen werden, auch das Vaterunser war täglich ein vielsprachiges Gebet.

Ein Geist der Toleranz und des gegenseitigen Verständnisses bildete die Grundlage der Konferenz zum Thema: „Zur Heilung unserer Gemeinschaften“. In Anlehnung an das Thema der im Juli stattfinden Zehnten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) im kanadischen Winnipeg „Zur Heilung der Welt“ kamen auf der Konferenz die zunehmende Gewalt in Familie und Gesellschaft zur Sprache. Die Teilnehmerinnen versuchten auch, Ansätze für mögliche Heilungsprozesse für Opfer und Täter zu finden. Alle Frauen, ob sie aus den Städten Namibias oder aus ländlichen Gebieten kamen, berichteten von Vergewaltigungen und dem Missbrauch von Kindern, von Gewalt innerhalb der Familie und von Kriminalität, aber auch von zerstörerischen Formen der Hexerei und unverantwortlichen traditionellen HeilerInnen.

Die zunehmende Brutalisierung der Gesellschaft angesichts der sich wandelnden Sozialstrukturen und Werte und insbesondere der HIV/AIDS-Pandemie beschrieben alle Teilnehmerinnen auf ähnliche Weise. „Wir fühlen uns in unserer Gemeinschaft nicht mehr sicher, selbst unsere Familie ist kein Hort der Sicherheit und des Friedens mehr“, so eine Frau aus dem Süden. „Es gibt Männer, die herausfinden, dass sie HIV-positiv sind, bewusst ihren Krankheitszustand verschweigen und wissentlich Frauen infizieren, vielleicht weil sie nicht allein sterben wollen“, berichtete eine Teilnehmerin aus Windhoek. Und es gebe immer noch „Zauberdoktoren, die infizierten Männern raten, mit einer Jungfrau Sex zu haben, um geheilt zu werden. Dies ist ein Grund für die Zunahme des Missbrauchs von Kindern und sogar Babys“.

Rosa Namises, seit 2000 Parlamentsmitglied und langjährige politische Aktivistin und Sozialarbeiterin, war eine der beiden Gastrednerinnen der Konferenz. Sie sprach über Formen der Gewalt in unserer Gesellschaft, informierte die Frauen über die Rechtslage in Namibia und sprach über ihren eigenen Weg der Heilung. Wichtig sei dabei die Überwindung des Gefühls der Ohnmacht gewesen sowie die Befreiung aus einer Isolation, die viele christlich orientierte Frauen erleben, wenn sie innerhalb der Familie Gewalt erfahren. Namises warnte die Zuhörerinnen davor, Unterdrückung und Gewalt als gottgewollte Formen des Leids, das man widerspruchslos ertragen müsse, hinzunehmen. „Gewalt zwischen Mann und Frau in einer Partnerschaft oder zwischen Eltern und Kindern ist nicht gottgewollt“, betonte sie.

Namises forderte dazu auf, die revolutionäre Kraft der christlichen Botschaft, die Liebe und Gerechtigkeit ins Zentrum des gesellschaftlichen Zusammenlebens stellt, zu nutzen. Sie ermutigte die Teilnehmerinnen, sich gegen Unterdrückung und Gewalt in ihrer Gemeinschaft zu wehren und Netzwerke der Solidarität zu gründen. „Wir schaffen es nicht allein“, so Namises, „für die Heilung unserer Gemeinschaft brauchen wir neue soziale Strukturen wie Frauenhäuser, Beratungsstellen und vor allem einen Kreis verlässlicher Freunde und Freundinnen, die sich gegenseitig eine Stütze sind“.

Auch Bience Gawanas, seit 1997 Namibias Ombudswoman, berichtete über Gewalt, Rassismus und Ungerechtigkeit, die sie am eigenen Leib erfahren hatte. Sie erzählte den Zuhörerinnen, wie sie es schaffe, Angst, Hass und Bitterkeit zu überwinden und den schweren Weg der Versöhnung einzuschlagen. „Um eure Familie oder Gemeinde zu heilen, müsst ihr euch zunächst selbst heilen“, betonte Gawanas, „und um den Prozess der Heilung zu beginnen, müssen wir einander unsere Geschichten erzählen“. Der erste Schritt auf dem Weg zur Selbstheilung sei, dass über die eigenen verletzten Gefühle gesprochen werde.

Gawanas ermutigte die Frauen, auch über persönlich erlebte Gewalt innerhalb der Familie oder Kirche zu sprechen, selbst wenn dies in traditionellen Gemeinschaften und autoritär strukturierten Kirchengemeinden eine Art Tabu brechen würde. „Afrikanische Gesellschaften sind stark sozial-orientiert und man spricht als Einzelne/r nicht über seine persönlichen Gefühle“, so Gawanas, „aber in der modernen Gesellschaft ist es wichtig zu lernen, unsere Bedürfnisse und Ängste zu artikulieren und uns auch als Einzelpersonen zu behaupten. Ich-betonte Aussagen stehen in gewisser Weise im Widerspruch zur afrikanischen Philosophie des uBuntu, die sagt: ‚Ich bin, weil ihr seid.‘ Aber wir müssen ein Gleichgewicht finden zwischen dem Ausdruck unserer individuellen Gefühle und unserer afrikanischen Orientierung auf die Gemeinschaft hin.“

In kleineren Gruppengesprächen erzählten Frauen im Blick auf die von Männern dominierten Familien- und Kirchenstrukturen in ihren Gemeinden, dass die „Angst vor der Macht der Traditionen“ lähme. Selbst Pfarrer und Bischöfe stellten sich oft hinter gewalttätige männliche Gemeindemitglieder oder Freunde, wenn Frauen bei ihnen Hilfe suchten. „Und sogar Frauen ergreifen oft die Partei der Männer, wenn in einer Familie Gewalt und Missbrauch aufgedeckt werden“, berichtete eine junge Frau aus dem Ovamboland. Gawanas forderte die Frauen auf, Eifersucht, Neid und Konkurrenzdenken zu überwinden und sich gegenseitig bewusster zu unterstützen, auch unabhängig von familiären Bindungen. „Wenn wir unseren Mitmenschen das zukommen lassen, was wir selber so dringend brauchen – Liebe, Fürsorge und Unterstützung – dann können wir eine geheilte und heilende Gemeinschaft schaffen.“

Im Abschlussgottesdienst sassen die etwa 80 Teilnehmerinnen nicht mehr hintereinander auf Kirchenbänken, sondern in einem grossen Kreis. Sie eröffneten den Gottesdienst mit einem meditativen Tanz, bei dem sie sich an den Händen hielten und sich während des Abendmahls Brot und Wein weiterreichten. „Mir hat diese Konferenz so gut getan“, sagte eine Frau beim Kofferpacken für die lange Rückreise nach Hause. „Durch das Zusammensein mit den Frauen hier hat meine persönlichen Heilung schon begonnen. Ich fühle mich jetzt stark genug, meine Probleme zu Hause neu anzupacken.“ (1.143 Wörter)

(Ein Beitrag von LWI-Korrespondentin Erika von Wietersheim, Windhoek.)

Dieser Beitrag gehört zu einer Feature-Serie der Lutherischen Welt-Information (LWI) zum Thema der Zehnten LWB-Vollversammlung 2003 „Zur Heilung der Welt“. Die Serie beleuchtet die Relevanz des Vollversammlungsthemas in den verschiedenen regionalen und lokalen Kontexten der weltweiten lutherischen Gemeinschaft und stellt Projekte der Versöhnung und Heilung vor angesichts weltweiter Bedrohung. Die Zehnte LWB-Vollversammlung findet vom 21. bis 31. Juli 2003 in Winnipeg (Manitoba/Kanada) statt.

 

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