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Interview mit LWB-Präsident Landesbischof i. R. Dr. Christian Krause
Genf, 8. Juli 2003 (LWI) – Die weltweite Gemeinschaft lutherischer Kirchen stehe vor der zentralen Aufgabe, zu einem interreligiösen Dialog zu finden und mit anderen Religionen gemeinsam „nach Fährten des Friedens und der Würde der Schöpfung zu suchen“, betonte der Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB), Landesbischof i. R. Dr. Christian Krause, in einem Interview mit der Lutherischen Welt-Information (LWI) im Rückblick auf seine sechsjährige Amtszeit als LWB-Präsident. Gemeinsam müssten sich die christlichen Kirchen und die Religionsgemeinschaften für die Überwindung von Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt engagieren.
Krause wurde auf der Neunten LWB-Vollversammlung 1997 in Hongkong (China) zum LWB-Präsidenten gewählt, seine Amtszeit endet nach der Zehnten Vollversammlung, die vom 21. bis 31. Juli im kanadischen Winnipeg stattfindet.
Aus seiner besonderen Erfahrung heraus sollte der LWB im interreligiösen Dialog ausloten, „inwiefern das Modell von der versöhnten Verschiedenheit über die christliche Gemeinschaft hinaus auch für die Gemeinschaft der Religionen möglich ist“, erklärte der LWB-Präsident. In der Zukunft komme es zudem darauf an, dass es dem LWB wie auch dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) gelinge, die charismatischen Bewegungen stärker aufzunehmen. Er hoffe, so Krause, „dass da ein stärkerer Verbund möglich wird, und dass der LWB mit den anderen konfessionellen Weltbünden und dem ÖRK die kritische Funktion der Theologie zu verbinden vermöge mit dem missionarischen Aufbruch der eher charismatisch bewegten Kirchen und Gemeinschaften.“ (239 Wörter)
Im Folgenden finden Sie den vollen Wortlaut des Interviews mit LWB-Präsident Landesbischof i. R. Dr. Christian Krause:
Interview mit LWB-Präsident Landesbischof i. R. Dr. Christian Krause
LWI: Herr Präsident Dr. Krause, im Juli 1997 wurden Sie auf der Neunten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Hongkong zum LWB-Präsidenten gewählt. Welche Hoffnungen, Wünsche und Visionen verbanden Sie mit Ihrem Amtsantritt vor sechs Jahren, als der LWB sein 50-jähriges Bestehen feierte?
Krause: Von den 50 Jahren seines Bestehens hatte ich den Lutherischen Weltbund immerhin seit 1966, als ich Forschungsassistent der theologischen Abteilung in Genf wurde, begleitet. Ich war mir der Breite der Aufgaben des Weltbundes aus eigener Erfahrung bewusst, sowohl von seiner theologischen Arbeit her als auch später als LWB-Vertreter im Flüchtlingsdienst in Tansania und schliesslich von meiner Position im Deutschen Nationalkomitee des LWB. Insofern haben sich meine Wünsche und Visionen auf ein Vorankommen auf diesen verschiedenen Ebenen konzentriert. Besonders hatte ich natürlich die Dialoggespräche mit der römisch-katholischen Kirche im Blick, verbunden mit der Hoffnung, dass es hier wie insgesamt im Bereich der Ökumene zu Fortschritten kommt.
Mir ist immer ein besonderes Anliegen gewesen, den Lutherischen Weltbund nicht als Abgrenzung gegen andere Konfessionen oder gar gegen die Ökumene zu verstehen, sondern ihn in seiner Offenheit wahrzunehmen und die ökumenische Dimension des Bekenntnisses auszugestalten. Hinzu kam natürlich die besondere Weltsituation. Die Neunte Vollversammlung fand 1997 relativ kurz nach der grossen revolutionären Wende 1989/90 statt, die eine neue Grenzenlosigkeit und Offenheit zur Folge hatte und uns vor neue grosse Herausforderungen stellte, die sich zum Beispiel aus der Globalisierung ergaben. Neben einer Vielzahl Gefahren auf der einen Seite gab es auf der anderen die neuen Chancen der elektronischen Kommunikation und des grenzüberschreitenden Handelns.
Was mir in Hongkong vor allem vor Augen stand, war das weltweite Netz des Lutherischen Weltbundes mit seinem Schwerpunkt auf dem unmittelbaren diakonischen Einsatz, seinem missionarischen Verkündigungsansatz, der theologischen Profilierung und eben vor allem der ökumenischen Weite und Offenheit.
LWI: Auf Ihrer ersten Pressekonferenz als Präsident des LWB haben Sie am 14. Juli 1997 in Hongkong erklärt, dass konfessionelle Gemeinschaften wie der LWB für die ökumenische Bewegung wichtiger seien als je zuvor. Sie warnten vor einem Rückzug, da gerade Gespräche wie die über die Rechtfertigungslehre mit der römisch-katholischen Kirche nur zwischen Bekenntnisfamilien möglich seien. Wie lautet Ihr Urteil heute?
Krause: Es ist natürlich eine selbstverständliche, naheliegende Feststellung, dass Bekenntnisfragen unter Bekenntniskirchen zu diskutieren und zu klären sind. Insofern ist gerade in der Aufarbeitung der Theologie- und Kirchengeschichte das Gespräch unter den historischen Kirchen und Konfessionen von ausserordentlicher Bedeutung. Besonders wichtig ist mir, dass die konfessionellen Weltgemeinschaften in den vergangenen Jahren stärker in den Blick gekommen sind und auch selber intensiver aufeinander zugehen.
Die römisch-katholische Weltkirche, die Kirchen der Reformation, also der Reformierte und der Lutherische Weltbund, die Anglikanische Kirchengemeinschaft, die orthodoxen Kirchen – das sind wichtige und unverzichtbare Säulen gerade für die interkonfessionellen Gespräche, für das Gemeinsam-auf-die-Suche-Gehen, für die ökumenische Gemeinschaft insgesamt und damit auch für den Ökumenischen Rat der Kirchen.
LWI: Am 31. Oktober 1999 gehörten Sie in Augsburg (Deutschland) zu den Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen der Gemeinsamen offiziellen Feststellung, mit der die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen LWB und der römisch-katholischen Kirche feierlich bestätigt wurde. Der Dialog, der letztendlich zur Gemeinsamen Erklärung führte, hatte über 30 Jahre gedauert. Ist diese Unterzeichnung der Höhepunkt Ihrer Amtszeit?
Krause: Ich halte den 31. Oktober 1999 für ein ausserordentlich wichtiges Datum. Die 30 Jahre des Dialogs signalisieren ja nicht nur die Bedeutsamkeit, sondern auch, wie überfällig diese Gespräche waren, um eine fast 500-jährige Trennung zumindest im Ansatz zu überwinden. Augsburg war der Ort, wo 1530 mit der Ablehnung der Confessio Augustana der letzte Versuch gescheitert war, eine Brücke zu schlagen. Es folgte eine Auseinandersetzung, die unendlich viel Leid mit sich brachte, Feindschaften, Gegenreformation, den Dreissigjährigen Krieg – die Liste wäre lange fortzuschreiben. Es gab Machtmissbrauch in ganz vielfältiger Hinsicht, eine politische Instrumentalisierung der Reformation und überhaupt der Konflikte zwischen den Kirchen der Reformation und der römisch-katholischen Kirche.
Bemerkenswert ist, dass beide Seiten im Dialog einen Konsens in Grundwahrheiten erreicht haben. Wir stellen kein Wahrheitsmonopol gegeneinander, sondern benennen gemeinsam das, worum es im Kern des Evangeliums geht, nämlich die Rechtfertigung allein aus Gnade durch den Glauben und damit die zentrale Bedeutung der Heilstat Gottes. Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung ist allerdings nicht ein Schlusspunkt, sondern ein Doppelpunkt. Wir haben jetzt eine Basis, von der aus wir weitergehen können und müssen. Der Begriff der versöhnten Verschiedenheit unterstreicht das neue Verhältnis nach der langen Zeit der Gegnerschaft.
Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung hat mit Blick auf den Lutherischen Weltbund auch gezeigt, dass die Gemeinschaft innerhalb des Weltbundes fest genug zueinander steht und dass sie auch bei divergierenden Meinungen zu einer einhelligen Position kommen kann.
LWI: Was hat sich seit der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung für lutherische und katholische Christen und Christinnen geändert? Erst kürzlich haben Sie bei Ihrem Abschiedsbesuch bei Papst Johannes Paul II. angemahnt, die Bemühungen um eine zumindest gastweise Einladung zum Abendmahl zu intensivieren. Hatten Sie mit schnelleren sichtbaren Ergebnissen gerechnet?
Krause: Die Mahnung in Richtung auf ein gemeinsames Abendmahl, zumindest die gastweise wechselseitige Teilnahme am Abendmahl, bleibt bestehen. Das ist ein so zentrales Zeugnis der Gemeinsamkeit im christlichen Glauben, dass wir, wie ich denke, durchaus Veranlassung haben, dies immer wieder zu benennen. Nur: Ich halte es für völlig falsch, sich ausschliesslich auf das zu konzentrieren, was wir noch nicht haben.
Man muss nun auch anerkennen, was alles erreicht worden ist. Es ist ganz entscheidend, dass wir uns in wechselseitigem Respekt, aber auch in wechselseitigem Vertrauen begegnen und miteinander handeln. Dabei wird es, wie es bei Menschen und menschlichen Einrichtungen zur Natur der Sache gehört, immer wieder auch Rückschläge geben. Aber ich kann nur sagen, dass der Konsens in Grundwahrheiten des Glaubens eine Versöhnung und ein Aufeinanderzugehen bewirkt hat, was ich nur als beglückend bezeichnen kann. Trotz aller weiter bestehender Unterschiede dürfen diese Gemeinsamkeiten nicht aus dem Blick geraten.
Anlässlich meines Abschiedsbesuchs bei Papst Johannes Paul II. im April in Rom und bei meinen Gesprächen mit Kardinal Walter Kasper habe ich nicht nur mit allem Nachdruck auf die Abendmahlsfrage hingewiesen, sondern ich habe ihnen auch ausdrücklich gedankt für die Gemeinsamkeit im Eintreten für den Frieden. Zu nennen wären hier zum Beispiel das gemeinsame Handeln im Blick auf den Irak-Krieg oder der gemeinsame Einsatz für den Frieden im Nahen Osten.
In vielen Ländern der Welt sind die lutherischen Kirchen die vergleichsweise kleinen gegenüber der römisch-katholischen Kirche. Oft haben sie sich früher gegeneinander abgegrenzt. Nach der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre habe ich auf vielen meiner Reisen überall auf der Welt erlebt, wie die Menschen jetzt ohne Scheu aufeinander zugehen und also die Gemeinsame Erklärung nicht zu den Akten legen, sondern aktiv ins Spiel bringen. Es werden gemeinsame Gottesdienste gefeiert und die Kirchen bemühen sich um gemeinsame Positionen in gesellschaftspolitischen Fragen, da, wo es um das Leben der Menschen geht. Diese Auswirkungen halte ich für ausserordentlich wichtig.
LWI: Zu Ihrem Amtsantritt 1997 hatte der LWB 122 Mitgliedskirchen in 70 Ländern mit insgesamt rund 57 Millionen Mitgliedern, heute vertritt er 136 Mitgliedskirchen in 76 Ländern mit über 61,7 Millionen Mitgliedern. Was macht aus Ihrer Sicht die fortwährende Attraktivität des LWB aus?
Krause: Noch eindrucksvoller ist die Zahl der Gründungskirchen. 1947 haben 47 Kirchen aus 23 Ländern den LWB gegründet. Das heisst, sowohl in der Zahl der Mitgliedskirchen wie der Länder hat sich der Lutherische Weltbund annähernd verdreifacht. Hinter dieser Zahl stehen aber auch massive inhaltliche Verschiebungen. Die Gründungskirchen waren mit wenigen Ausnahmen europäisch und nordamerikanisch, also beinahe exklusiv nord-atlantisch. Seit 1947 hat sich die Erweiterung des globalen Netzes des LWB im wesentlichen auf Kirchen und Länder in der südlichen Hemisphäre erstreckt, es hat eine Gewichtsverlagerung von Norden nach Süden gegeben. Und das scheint mir der eigentliche, gravierende Unterschied zu sein mit erheblichen inhaltlichen, theologischen wie ekklesiologischen Konsequenzen.
Alle unsere Mitgliedskirchen suchen Gemeinschaft, eine Gemeinschaft, die der LWB bietet. Viele von ihnen sind klein, sind in der Vereinzelung und müssen in ihren Ländern, in ihrem Umfeld ihren Weg finden. Daher suchen sie auch Orientierung an Schwesterkirchen in Nachbarländern und weltweit. Auf der anderen Seite erfahren sie auch Stärkung gegenüber ihren Regierungen oder in den Forderungen im Blick auf gesellschaftliche Veränderungen in ihren Ländern, wenn sie deutlich machen können: Wir mögen zwar klein sein, aber wir gehören zu einer grossen Weltgemeinschaft.
LWI: Seit der Siebenten LWB-Vollversammlung 1984 im ungarischen Budapest versteht sich der LWB nicht mehr als ein lockerer Kirchenbund, sondern als eine Gemeinschaft von Kirchen. So heisst es auch in der neuen LWB-Verfassung, die 1990 in Curitiba (Brasilien) beschlossen wurde. Wird der LWB diesem Ziel gerecht und welche Konsequenzen ergeben sich aus diesem Selbstverständnis?
Krause: Das ist eine spannende Frage. Dass ein höheres Mass an Gemeinschaft bzw. an Verbindlichkeit erreicht worden ist, wurde nachhaltig sichtbar angesichts der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Der Lutherische Weltbund war gehalten, alle Mitgliedskirchen zu fragen, die wiederum, wenn sie sich synodal verfasst hatten, ihre Synoden einzubeziehen hatten. Und es ist ja nicht zu einem absolut einhelligen Votum der Mitgliedskirchen gekommen. Nun war die Frage: Wer entscheidet? Mit überwältigender Mehrheit und einer sorgfältigen theologischen Auswertung der eingegangenen Voten ist die Empfehlung an den Rat des Lutherischen Weltbundes gegangen, die Gemeinsame Erklärung zu unterschreiben. Der Rat hat dann einstimmig positiv entschieden und es ist ihm von keiner Mitgliedskirche widersprochen worden. Die Gemeinschaft hat sich bewährt.
Es stellt sich die Frage, wieviel Autorität einer Gemeinschaft von den einzelnen Kirchen übertragen wird. Das war sicherlich ein Punkt, wo deutlich wurde, hier ist eine stärkere Verbindlichkeit nicht nur gewünscht, sondern auch möglich. Im Blick auf die Diskussion, ob der Lutherische Weltbund sich als Communio bezeichnen soll, bin ich der Überzeugung, dass dies noch einer sehr sorgfältigen Definition bedarf. Ein höheres Mass an Verbindlichkeit und an verpflichtendem Charakter der LWB-Gemeinschaft darf auf keinen Fall seinen Ausdruck in erster Linie in einer stärkeren Zentralisierung in Genf finden. Wir brauchen und wollen kein „lutherisches“ Rom.
Mir stellen sich vielmehr als zentrale Testfragen: Sind wir in der Lage, angesichts der Herausforderungen der Zeit verbindlich und verlässlich miteinander und füreinander Position zu beziehen? Werden sich die Kirchen und die Menschen inmitten bitterster Armut, die in zwei Dritteln der Welt herrscht, auf Gemeinschaftsaussagen, teilen zu wollen, verlassen können und dürfen? Oder sind das nur leere Erklärungen? Wichtig wird sein, theologisch klar die Frage zu beantworten, worauf sich die Communio gründet und ob dies von allen so geteilt wird. Die wachsenden Unterschiede zwischen Nord und Süd sind nach meinem Eindruck im ökonomischen Gefälle zwischen Opfern und Gewinnern der Globalisierung wie im ökumenischen Gefälle zwischen den historischen Kirchen und den charismatischen Gemeinschaften die entscheidende Bewährungsprobe für eine solche Communio.
LWI: Während die lutherischen Kirchen des Südens wachsen, teilweise sogar erheblich, nehmen die Mitgliederzahlen fast aller grosser lutherischer Kirchen in Nordamerika und Europa weiter ab. Worauf führen Sie die unterschiedliche Entwicklung zurück und was können die Kirchen voneinander lernen?
Krause: Unsere existenziellen Fragen in den Kirchen des Nordens sind entweder sehr individuell oder im öffentlichen Bereich sehr abgehoben. Dies ist im Süden anders. Die Glaubensfrage richtet sich immer an die Gemeinschaft und deren Zusammenleben und Überleben. Dazu kommt ein ganz natürliches Verhältnis zur Mission der Kirche und ein ganz natürlicher Umgang damit. Die eigene Position des Glaubens darzustellen und zu leben, ist im Süden unhinterfragte Selbstverständlichkeit.
Sehr viele der Kirchen, die in jüngster Zeit zum Lutherischen Weltbund hinzugekommen sind, sind aus der afrikanischen Mission erwachsen, zum Beispiel aus der Mission der tansanischen oder der namibischen Kirche. Und das spielt ja auch in den Gesellschaften eine Rolle: Das Christuszeugnis öffentlich zu machen und damit auch eigene Positionen deutlich zu benennen, in lebendigen, bewegten Gottesdiensten zum Ausdruck zu bringen und auch selbstverständlich vom eigenen Christsein zu zeugen. Dies aber ist uns im Norden oft verloren gegangen.
Die lutherischen wie die anderen historischen Kirchen, die im Augenblick am schnellsten wachsen, sind diejenigen, denen es gelingt, die charismatischen Bewegungen zu integrieren, in sich aufzunehmen. So hat sich etwa im gleichen Zeitraum von 30 Jahren die Mitgliederzahl der lutherischen Kirche in Braunschweig von circa 670.000 auf 420.000 um knapp 40 Prozent verringert und in Äthiopien von auch 670.000 auf über vier Millionen versechsfacht.
Natürlich stellt sich dann die Frage, wer verändert wen und was bedeutet das dann wieder für die konfessionelle Weltgemeinschaft? Der grosse Aufbruch der charismatischen Glaubensbewegungen in der südlichen Hemisphäre kann nach meiner Auffassung nur im Zusammenhang mit Armut und Leiden gesehen werden. Das Evangelium ist das Evangelium der Armen und das Kreuz ist das Zeichen der Kirche. Gerade im Leiden zeigt sich die Perspektive der Hoffnung, Leid und Armut zu überwinden. Durch das Kreuz ins Leben gehen, das ist eine Gegenentwurf zur Fun-Gesellschaft.
Darüber hinaus stehen wir heute vor der zentralen Aufgabe, zu einem interreligiösen Dialog zu finden, mit anderen Religionen gemeinsam nach Fährten des Friedens und der Würde der Schöpfung zu suchen und uns gemeinsam für die Überwindung von Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt zu engagieren. Es geht um die berühmte Trias von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Hierbei ist es unerlässlich, dass man mit Respekt und Neugier sowie dem Wunsch, sich kennen lernen zu wollen, aufeinander zugeht. Genauso wichtig ist aber auch, die eigene Position zu klären: Wofür stehen wir eigentlich? Und das ist etwas, was wir von den Kirchen des Südens lernen können: Mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit der eigenen und im eigenen Herzen verwurzelten Glaubensüberzeugung auch in der Öffentlichkeit Position zu beziehen. Aus seiner besonderen Erfahrung heraus sollte der Lutherische Weltbund im interreligiösen Dialog ausloten, inwiefern das Modell von der versöhnten Verschiedenheit über die christliche Gemeinschaft hinaus auch für die Gemeinschaft der Religionen möglich ist.
LWI: In den vergangenen sechs Jahren haben Sie viele LWB-Mitgliedskirchen persönlich besucht. Sie waren bei Kirchen auf allen Kontinenten, in nahezu allen Ländern Mittel- und Osteuropas zu Gast und haben als erster LWB-Präsident die Kirchen in Papua-Neuguinea besucht. Welchen Eindruck haben Sie von der weltweiten lutherischen Gemeinschaft gewonnen und was konnten Sie auf Ihren Reisen bewegen?
Krause: Ich habe immer wieder das grosse Zusammengehörigkeitsgefühl, ja ein regelrechtes Familiengefühl und eine unglaubliche Gastfreundschaft gespürt und erfahren. Überall zu Hause sein zu können, wo es lutherische Kirchen gibt, das war eine grosse und wunderbare Erfahrung. Und dafür bin ich von Herzen dankbar.
Der zweite Punkt ist, dass ich auf meinen Reisen den Kirchen immer wieder deutlich machen konnte: Ihr seid Teil eines grösseren Ganzen. Das hat konkret etwa in Mittel- und Osteuropa eine ganz wichtige Rolle gespielt, da wo die kleineren lutherischen Kirchen in den früheren Ostblockstaaten sich nun in postkommunistischer Zeit ganz neu in ihren Gesellschaften positionieren mussten. Dies betrifft fast alle Fragen des kirchlichen Lebens. Hierzu gehören der Wiederaufbau der Diakonie, die in den kommunistischen Ländern zu einem nicht geringen Teil untersagt war, die Gefängnis- und Militärseelsorge, die Frage von Religionsunterricht in den Schulen, kirchliche Feiertage und vieles mehr. Hier kam zugleich die Bedeutung der Kirchen für den neuen Prozess des Zusammenwachsens Europas in den Blick.
Da hat es doch in vielen Ländern die Möglichkeit gegeben, dass anlässlich des Besuches des Präsidenten des Lutherischen Weltbundes auch Gespräche auf höchster politischer Ebene stattfanden und damit eben auch die Wahrnehmung der jeweiligen Regierungen und politisch Verantwortlichen hinsichtlich der wichtigen Brückenfunktion der Kirchen in ihren eigenen Ländern gestärkt werden konnte. Ein Beispiel ist etwa Indonesien, das Land mit den meisten Muslimen in der Welt und den nicht unerheblichen Spannungen zwischen Christen und Muslimen. Hier konnte ich mit Staatspräsidentin Megawati sprechen, aber auch mit den Führern der islamischen Vereinigungen. Es konnten Türen geöffnet werden, was häufig vor Ort den kleineren Kirchen nicht möglich ist. Das sind Erfahrungen, die mich haben spüren lassen, wie wichtig es für diese Kirchen ist, einer Weltgemeinschaft anzugehören und diese dann auch präsent zu machen.
Ich habe meine Besuche immer auch ausdrücklich als pastorale Besuche begriffen. Ich konnte nicht allen Einladungen folgen, das ist klar. Aber ich bin in erster Linie denen gefolgt, wo es Kirchen schwer hatten oder wo sie unmittelbaren Herausforderungen gegenüberstanden, zum Beispiel auch lutherische Kirchen, die von Spaltung bedroht waren oder sind. Hier ist es wichtig, dass wir von der weltweiten Gemeinschaft her zumindest einen Tisch anbieten, an dem die Konfliktparteien zusammenkommen können.
LWI: 1997 stand die Neunte Vollversammlung unter dem Thema: „In Christus – zum Zeugnis berufen“, es war die letzte Vollversammlung im 20. Jahrhundert sowie die erste auf dem asiatischen Kontinent. Welche Impulse erhoffen Sie sich von der Zehnten Vollversammlung, die vom 21. bis 31. Juli im kanadischen Winnipeg zum Thema: „Zur Heilung der Welt“ stattfindet?
Krause: Das Thema der Zehnten Vollversammlung hat eine ausserordentliche und überraschende Aktualität. Nach der Revolution 1989/90 hatten wir erhofft, dass wir jetzt näher beieinander sind. Der Ost-West-Konflikt war beendet, Grenzen fielen und Schwellen wurden niedriger. Und dann brach das auf, was wir wahrscheinlich zu wenig gesehen hatten, was unter der Kruste des Ost-West-Konflikts lag, also der gewaltige Riss zwischen Arm und Reich, die Missachtung der Menschenrechte, Konflikte zwischen den Religionen und neue Gewalt. Das heisst, es wird unter dem Stichwort „Zur Heilung der Welt“ wichtig sein zu sehen, wo sind die entscheidenden, schwer wiegenden Brüche, Wunden und Risse, die wir in den Blick nehmen müssen.
Der zweite ganz entscheidende Punkt ist, klar zu machen, von woher uns Hilfe kommt. Hier wird die Rechtfertigungslehre noch einmal eine wesentliche Rolle spielen auch in ihrer sozialethischen Konsequenz: Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Gnade. Also die Heilung der Welt wirklich von Gott zu erbitten, zu erhoffen und zu erwarten und sich so miteinander aufzumachen in der Nachfolge Jesu.
LWI: Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus? Im Jahr 2017 wird die lutherische Gemeinschaft den 500. Jahrestag des Beginns der Reformation begehen, im Jahr 2022 feiert der LWB sein 75-jähriges Bestehen. Wo steht der LWB dann, in welcher Weise könnte er sich verändert, weiterentwickelt haben?
Krause: Also, da kann man jetzt nur eine Vision formulieren. Ich vermute, dass aus den Bewegungen des Südens heraus die parochiale Kirchlichkeit mit ihren Institutionen und Ordnungsstrukturen stärker zurücktreten wird gegenüber spirituellen Bewegungen. Auch die traditionellen lutherischen Ordnungskirchen werden sich mehr zu geistlichen Aufbruchskirchen entwickeln. Es mag sein, dass sie dabei kleiner werden, aber ich glaube, dass sie mehr Bewegungscharakter bekommen werden. Hier muss ein Lutherischer Weltbund in erster Linie die Verknüpfungsstelle sein, eine Dienstfunktion haben, um in einem solchen Prozess Gemeinschaft weltweit zu ermöglichen.
Umgekehrt wird damit aber auch ein stärkeres Zurücktreten des Lutherischen Weltbundes als diakonische zwischenkirchliche Hilfsorganisation verbunden sein. Zentrale Frage wird sein: Was haben wir je aus unserer Situation heraus einzubringen und mit anderen zu teilen? Und wie bewähren wir unsere Communio von der gemeinsamen Grundlage der reformatorischen Theologie her? Die Globalität des Instruments, das wir mit dem LWB in Händen haben, muss stärker genutzt werden. Das wird auch zur Förderung einer gesamtökumenischen Gemeinschaft beitragen.
Zudem wird es sehr darauf ankommen, wie sich der Ökumenische Rat der Kirchen verändert. Der wird auch die charismatischen, die geistlichen Bewegungen stärker aufnehmen müssen, worum er sich ja bereits bemüht. Ich hoffe, dass da ein stärkerer Verbund möglich wird, und dass der LWB mit den anderen konfessionellen Weltbünden und dem ÖRK die kritische Funktion der Theologie zu verbinden vermöge mit dem missionarischen Aufbruch der eher charismatisch bewegten Kirchen und Gemeinschaften.
Das andere, was ich mir erhoffe, ist, dass wir an einem Tisch miteinander sitzen mit den Menschen der verschiedenen Religionen, um miteinander Wege des Friedens zu suchen. Und in diesem Zusammenhang hoffe ich, dass auch ein Lutherischer Weltbund, wie immer er sich dann auch organisatorisch artikulieren mag, mit dazu beiträgt, jeder Form des Fundamentalismus zu wehren und gemeinsame Positionen zum Frieden der Welt zu fördern. Gerade da sehe ich also die Zukunft des Lutherischen Weltbundes, als Dialogplattform zu dienen, aber nicht um des Dialogs willen, sondern um des Lebens willen. Das wäre ein veränderter, ein sehr bewegter Lutherischer Weltbund und ein gewiss nicht mehr primär nord-atlantischer. (3.239 Wörter)
(Mit LWB-Präsident Landesbischof i. R. Dr. Christian Krause sprach LWI-Redakteur Dirk-Michael Grötzsch.)
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