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„Wir waren nicht bereit, HIV/AIDS als unser Problem zu akzeptieren, allmählich brechen wir das Schweigen“
Lilongwe (Malawi)/Genf, 9. Mai 2003 (LWI) – Lange hatte die vierköpfige Familie auf diesen Tag gewartet. Nach dem Auspflanzen der Tabaksetzlinge auf dem zwei Hektar grossen Landstück der Familie waren sieben lange, arbeitsreiche Monate vergangen. Nun stand der Verkauf der Tabakernte bevor.
Den ganzen Abend herrschte festliche Stimmung. Die Eltern gingen gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrem Sohn die lange Liste von Wünschen und dringend benötigten Artikeln durch, die das Familienoberhaupt am nächsten Tag mit dem Erlös der Ernte einkaufen sollte.
Doch in der grossen Stadt erwartete den „reichen“ Tabakfarmer etwas ganz anderes. Als er drei Tage später voller Scham in sein Dorf zurückkehrte, hatte er weder Geschenke, noch war ein einziger Cent des Erlöses übrig. Die Familie wollte nicht glauben, dass ihm das Geld von Gaunern abgenommen worden war. Schnell kam heraus, dass er das dringend benötigte Geld mit Freunden in den Clubs der Stadt ausgegeben hatte. Bald darauf überschlugen sich die Ereignisse. Es folgten immer wiederkehrende Krankheiten, pausenloser Husten, wunde Stellen am ganzen Körper und nicht endender Durchfall. Freunde kehrten sich ab und das böse Gerücht kam auf, er habe „die Krankheit“ und werde bald sterben.
Es war keine Überraschung, dass seine Frau und seine Kinder angesichts der Tragödie, die über die Familie hereingebrochen war, das Interesse am Anbau von Tabak, Malawis wichtigstem Exportprodukt, verloren. Alle bewegte die bange Frage, ob sie ebenfalls krank würden.
Die Zuschauer und Zuschauerinnen klatschen. Und während die Bühne für eine weitere Vorstellung hergerichtet wird, berichtet der 23-jährige Kleinbauer Frank Lemusani über sein Engagement in der HIV/AIDS-Bewusstseinsbildung in Malawi.
Frank Lemusani ist Mitglied einer Theatergruppe, die vom Evangelisch-Lutherischen Entwicklungsprogramm (ELEP) ausgebildet und unterstützt wird, um das HIV/AIDS-Bewusstsein zu stärken. ELEP ist das Länderprogramm der Abteilung für Weltdienst (AWD) des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Malawi. Mit seiner Unterstützung wurden bereits über 75 solcher Theatergruppen in ganz Malawi gegründet.
Lemusani, der in seinem Dorf im Südosten Malawis viele Menschen an der HIV/AIDS-Pandemie sterben gesehen hat, gehörte zu den InitiatorInnen der Theatergruppe in seinem Dorf Kabwazi. „Durch den Kontakt zu FreundInnen, die im Bereich Bewusstseinsbildung engagiert waren, hatte ich glücklicherweise Zugang zu den notwendigen Informationen. So entstand das Bedürfnis, in unserer Region eine Theatergruppe ins Leben zu rufen. Bekannte starben an einer Krankheit, vor der sich die Menschen schützen können. Ich musste etwas unternehmen“, betont der Vater von zwei Kindern. Die 2001 entstandene 24-köpfige Theatergruppe wurde vom ELEP ausgebildet und sie wird auch weiterhin gefördert.
Einsatz für Veränderung in den Gemeinden
Das Evangelisch-Lutherische Entwicklungsprogramm hat HIV/AIDS-Komponenten in alle Projekte integriert, betont Dr. Eliawony Meena, LWB/AWD-Vertreter in Malawi. Die Aktivitäten sollen bei den Angestellten und freiwilligen HelferInnen wie Lemusani sowohl zur Bewusstseinssteigerung als auch zur Wissenserweiterung beitragen. Auf Grund ihres Einflusses auf die Meinungsbildung innerhalb der Gemeinschaft profitieren hiervon letztlich etwa 100.000 Menschen direkt oder indirekt.
Relevante Botschaften wie Enthaltsamkeit vor der Ehe und Treue gegenüber dem/der SexualpartnerIn sollen eine Änderung des Verhaltens bewirken. Die Botschaften werden durch Theateraufführungen, Lieder, Gedichte, öffentliche Podiumsdiskussionen, Spiele und Gemeinschaftsaktivitäten, die sich mit der HIV/AIDS-Pandemie auseinandersetzen, transportiert. Die Beteiligung von Führungspersönlichkeiten der Gemeinschaft, wie zum Beispiel traditioneller Stammeshäuptlinge, die Einfluss haben auf Sitten und kulturelle Bräuche, die möglicherweise wesentlich zur Verbreitung von HIV/AIDS beitragen, liegt Meena besonders am Herzen. „Es besteht ein Bedarf an Informationen über HIV/AIDS, insbesondere in Gemeinschaften, die Initiationsriten für heranwachsende Mädchen, Polygamie oder die Vererbung von Ehefrauen praktizieren“, so Meena.
Das LWB/AWD-Länderprogramm in Malawi wurde 1989 auf Bitten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Malawi (ELKM) und der Regierung Malawis ins Leben gerufen. Wichtigstes Ziel war die Hilfe für mosambikanische Flüchtlinge, die damals ins Land gekommen waren. Zur Zeit konzentriert sich das Programm auf Aktivitäten in drei Hauptbereichen: Motivation und Entwicklung der Landbevölkerung, Umweltsanierung und Ernährungssicherheit. Übergreifende Arbeitsbereiche umfassen HIV/AIDS, Analphabetismus unter Erwachsenen, den Einsatz für Menschenrechte einschliesslich der Verhütung von Gewalt gegen Frauen sowie die Verbesserung der hygienischen Bedingungen in den Gemeinden.
Das Programm befindet sich gegenwärtig in einer Übergangsphase und wird in einheimische Trägerschaft überführt, um in Partnerschaft mit der ELKM weiterzuarbeiten. ELKM-Bischof Joseph P. Bvumbwe lobt das ELEP für seine umfassende Arbeit und die Zusammenarbeit mit der Kirche, insbesondere im Bereich HIV/AIDS. „Als in Malawi die tödliche Gefahr der Krankheit offiziell wahrgenommen wurde, waren wir in der Kirche nicht bereit, diese Realität auch als unser Problem zu akzeptieren“, so Bvumbwe. Aber heute setze sich die Kirche gemeinsam mit der Regierung und anderen Organisationen offen mit der Situation auseinander und versuche, HIV-Neuinfektionen wirksam entgegenzutreten. Von den rund 11,5 Millionen EinwohnerInnen Malawis sind rund 15 Prozent von HIV/AIDS betroffen. „Allmählich brechen wir das Schweigen durch Bewusstseinsbildung, auch in Predigten und im Rahmen von speziellen kirchlichen Projekten im Zusammenhang mit dieser Frage“, betont Bvumbwe. Kirche und Regierung befassen sich weiterhin mit den täglichen Aufgaben wie Schulung und Bekämpfung von Armut und Krankheiten in einem Land, dessen jährliches Pro-Kopf-Einkommen weniger als 200 US-Dollar beträgt.
LWB-Vollversammlungsthema ruft zu Zuwendung und Liebe gegenüber HIV/AIDS-Betroffenen auf
Die lutherische Kirche in Malawi arbeitet zur Zeit an einem Handbuch, das PfarrerInnen helfen soll, sich angemessen mit der HIV/AIDS-Pandemie auseinanderzusetzen. Bvumbwe beschreibt HIV/AIDS als „eine Krankheit, die uns alle angeht“. Die Auseinandersetzung mit der Krankheit geschehe auch im globalen Kontext des LWB, besonders im Rahmen der Zehnten Vollversammlung im Juli 2003 im kanadischen Winnipeg. Die Vollversammlung steht unter dem Thema „Zur Heilung der Welt“. Es sei für die ELKM von grosser Bedeutung, die Menschen im Rahmen der HIV/AIDS-Arbeit in Wort und Tat zu ermutigen. „Das Thema der LWB-Vollversammlung ruft uns zu Liebe und Zuwendung gegenüber Betroffenen auf, so dass niemand vernachlässigt wird, sondern alle als Teil der Kirche und der Gemeinschaft aufgenommen werden“, betonte Bvumbwe.
Eine zentrale Aufgabe der diakonischen Arbeit der ELKM ist die Betreuung von HIV/AIDS-Waisen. In Malawi leben rund 400.000 HIV/AIDS-Waisen und die Kirche versucht, einer kleinen Zahl von ihnen in 68 über das ganze Land verteilten Zentren zu helfen. Eine Gruppe von 50 Kindern, die meisten unter fünf Jahren alt, erhält in jedem dieser Zentren dreimal wöchentlich eine eiweissreiche Mahlzeit aus Haferbrei. „Ein beträchtlicher Prozentsatz der Kinder hat Eltern, die von HIV/AIDS betroffen sind “, so Mabel Madinga, Koordinatorin der Zentren. „Für viele von ihnen ist der Haferbrei die einzige regelmässige Mahlzeit“, fügt sie hinzu. (1.034 Wörter)
(Ein Beitrag von LWI-Redakteurin Pauline Mumia.)
Dieser Beitrag gehört zu einer Feature-Serie der Lutherischen Welt-Information (LWI) zum Thema der Zehnten LWB-Vollversammlung 2003 „Zur Heilung der Welt“. Die Serie beleuchtet die Relevanz des Vollversammlungsthemas in den verschiedenen regionalen und lokalen Kontexten der weltweiten lutherischen Gemeinschaft und stellt Projekte der Versöhnung und Heilung vor angesichts weltweiter Bedrohung. Die Zehnte LWB-Vollversammlung findet vom 21. bis 31. Juli 2003 in Winnipeg (Manitoba/Kanada) statt.
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