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Bescheidenheit im Angebot, aber keine Scheu vor Selbstdarstellung
Wien (Österreich)/Genf, 25. Februar 2003 (LWI) - Zu einem „Perspektivenwechsel“ in den Kirchen hat die Wiener Theologieprofessorin Dr. Susanne Heine aufgerufen. Unter den Bedingungen des Pluralismus hätten die Kirchen die Chance, „als seriöse Informationsquelle für religiöse Fragen“ wahrgenommen zu werden, so die Hochschullehrerin für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien am Sonntag, 23. Februar, in ihrem Eröffnungsvortrag vor der europäischen Konsultation zur Vorbereitung der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Wien. An der Tagung vom 23. bis 26. Februar nehmen rund 80 VertreterInnen aus europäischen LWB-Mitgliedskirchen teil.
Obwohl das Christentum „in Sachen Religion“ das Monopol verloren hätte, empfehle sie „Bescheidenheit im Angebot, aber keine Scheu vor Selbstdarstellung“, betonte die Theologin. Sehr oft komme die kirchliche Bescheidenheit auf diesem Gebiet von der Schwierigkeit, „sich im pluralistischen Feld der religiösen Gruppen selbstbewusst zu bewegen“. Dies heisse, den Verlust des Monopols einzugestehen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, so Heine.
Die christlichen Kirchen stünden in Konkurrenz zu zahlreichen Religionen und Weltanschauungen und könnten sich hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit „nicht mehr auf die theologische Begründung von Institution und Amt berufen“, so die Analyse der Theologieprofessorin. Auch könnten sich PfarrerInnen nicht mehr hinter ihrem kirchlichen Auftrag verstecken. Mit Blick auf das Thema der Zehnten LWB-Vollversammlung „Zur Heilung der Welt“ betonte Heine, Heilung werde von den Kirchen kaum noch erwartet. Die LWB-Vollversammlung findet vom 21. bis 31. Juli 2003 in Winnipeg (Kanada) statt. Gastgeberin ist die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kanada (ELKIK).
Als Perspektivenwechsel bezeichnete die Theologin den christlichen Glauben selbst, dies belegten zahlreiche „anstößige“ Geschichten und Gleichnisse der Bibel. Nötig sei allerdings, die christliche Botschaft in eine nicht mehr christliche Kultur zu transportieren. Wenig hilfreich seien dabei die verbreiteten „moralischen Predigten“, die auf Vorwürfen basierten und nicht aufbauten, sowie Predigten, die lediglich „die Unordnung der Welt“ beklagten. Heine kritisierte auch dogmatische und exegetische Predigten, die sich eines „theologischen Insider-Vokabulars“ bedienten, ohne es für Aussenstehende aufzuschlüsseln.
„Wenn heute am Christentum etwas attraktiv ist, dann nicht die Botschaft als solche, sondern das Milieu, das von ihr sichtbar bestimmt ist“, erklärte sie. Die Gemeinden könnten zur Heilung beitragen, wenn in ihnen die Menschenliebe Gottes erfahrbar werde. Wichtig sei dabei eine ehrliche Selbsteinschätzung. Jeder Aussenstehende spüre sofort, ob die hohen moralischen Ansprüche nur geredet oder auch gelebt würden, davon hänge die Attraktivität des kirchlichen Milieus im Wesentlichen ab, so Heine. Die Frage nach der Selbsteinschätzung bewahre dabei vor Überforderung, mache Entwicklung möglich und wirke sich besonders spürbar im Geschlechterverhältnis aus.
Weiterhin sieht die Theologin Handlungsbedarf in der Seelsorge. Heute habe Seelsorge mit Menschen zu tun, die mehr Wert auf ihren individuellen Weg legten und nicht bereit seien, nur auf gute Ratschläge zu hören. Seelsorge erfordere daher, „dass zuerst mit professioneller Zurückhaltung gefragt und zugehört wird ohne falschen Trost, der Krisen herunterspielt und den Schmerz klein redet“.
„Aber wir haben einen eigenen Kontext zu bieten, ein Haus, eine Gemeinschaft, worin ein größerer Zuspruch und eine tiefere Wandlung Menschen miteinander verbindet“, unterstrich die Theologin. Grund für diesen Zuspruch sei die lutherische Rechtfertigungslehre, die besage: „Es ist gerechtfertigt, dass ihr da seid. Es ist gut, dass es euch gibt. “ Wer das glauben könne, erfahre Heilung.
Die europäische Vorbereitende Konsultation zur Vollversammlung ist die zweite von insgesamt fünf regionalen Tagungen im Vorfeld der Zehnten LWB-Vollversammlung, die sich aus der Perspektive der verschiedenen Regionen mit Thema und Inhalt der Vollversammlung beschäftigen. In Winnipeg werden zur Zehnten Vollversammlung etwa 1.000 TeilnehmerInnen erwartet, einschliesslich der 436 Delegierten aus den 136 LWB-Mitgliedskirchen. Die Vollversammlung ist das oberste Entscheidungsgremium des LWB und tritt in der Regel alle sechs Jahre zusammen. (601 Wörter)
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