Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

14.09.2002
Militärische Macht und militärisches Eingreifen bringen weder Heilung noch Frieden
 

LWB-Ratstagung in Wittenberg (Deutschland), 10. – 17. September 2002

PRESSEMITTEILUNG NR: 12

Palästinensischer Bischof Younan: „Werden die Kinder trotz des Ausgehverbots zur Schule kommen?“

Wittenberg (Deutschland)/Genf, 14. September 2002 (LWI)
r sei optimistisch, dass der Konflikt im Nahen Osten noch friedlich beigelegt werden könne, erklärte der palästinensische Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien (ELKJ), Munib A. Younan gegenüber JournalistInnen in der Lutherstadt Wittenberg (Deutschland). Am Rande der Ratstagung des Lutherischen Weltbundes (LWB), die vom 10. bis 17. September in Wittenberg stattfindet, betonte Younan, „es gibt keine Situation, in der Heilung unmöglich ist. Ich bin davon überzeugt, dass es Heilung im Nahen Osten geben wird“. Younan ist Mitglied des LWB-Rates, dem höchsten Leitungsgremium des LWB zwischen den in der Regel alle sechs Jahre stattfindenden Vollversammlungen.

Mit Blick auf das Thema der Zehnten LWB-Vollversammlung im Juli 2003 im kanadischen Winnipeg „Zur Heilung der Welt“, sagte Younan, nach den Terroranschlägen auf die USA am 11. September 2001 habe sich der Fokus verschoben. Lag der Schwerpunkt bisher eher auf den Problemen in den Ländern des Südens, stünden nun auch die Länder der nördlichen Hemisphäre im Blickfeld. Er unterstrich, dass militärische Macht und militärisches Eingreifen weder Heilung noch Frieden bringen würden. „Wenn wir Heilung für die Welt wollen, dürfen wir nicht akzeptieren, dass das Menschsein eines Volkes höher bewertet wird als das eines anderen. Wir sind nach Gottes Ebenbild geschaffen und damit Heilung geschehen kann, müssen wir in unserem Gegenüber Gott sehen,“ so Younan.

Das Thema der Vollversammlung habe auch Bedeutung im Hinblick auf die aktuelle Weltsituation. Die Datenautobahn und die moderne Informationstechnologie vernetze Menschen auf der ganzen Welt, aber sie schaffe keine Verbindung zwischen den Individuen. „Wir leben in einer gebrochenen Welt“, so Younan. Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern, armen und reichen Kirchen werde immer grösser.

Voller Stolz berichtete Younan über die Friedenserziehung, deren sich die fünf Schulen der palästinensischen Kirche ohne Einschränkungen verpflichtet wissen. Allerdings habe er in diesem Jahr zum ersten Mal keinen Grund zur Freude über den Beginn eines neuen Schuljahres. „Werden die Kinder trotz des Ausgehverbots zur Schule kommen?“, fragte er mit Blick auf die eingeschränkte Bewegungsfreiheit, die die Israelis den PalästinenserInnen auferlegt haben. „Können die Eltern das Schulgeld überhaupt noch bezahlen?“, lautete eine weitere Frage angesichts einer Arbeitslosenrate von rund 70 Prozent im Westjordanland. Rund 3.000 Kinder – 60 Prozent ChristInnen und 40 Prozent MuslimInnen - besuchen die Schulen der ELKJ, die rund 3.000 Mitglieder in Jerusalem, Jordanien und dem Westjordanland hat.

Der Nahe Osten sei in einem politischen Konflikt gefangen, der eine politische Lösung erfordere, so Younan. Er selbst befürworte eine Zwei-Staaten-Lösung – einen Staat Palästina, der Seite an Seite mit dem Staat Israel lebe. „Wir wollen Sicherheit für Israel, aber die Sicherheit Israels ist abhängig von der Freiheit der PalästinenserInnen“, betonte er.

Auf die Frage, welche Lösungsansätze er sehe, antwortete Younan: „Die Flüchtlingsfrage muss gelöst werden. Jerusalem muss beiden Völkern gehören - Ost-Jerusalem kann die Hauptstadt der PalästinenserInnen sein und West-Jerusalem die der Israelis, mit offenen Grenzen zwischen beiden Teilen. Für die Siedlungspolitik muss eine Lösung gefunden werden und das Wasser muss gerecht geteilt werden.“

Obwohl dieser Konflikt kein religiöser Konflikt sei, so Younan, „ist es die Pflicht von Kirchen, Moscheen und Synagogen, einstimmig für den Frieden einzutreten“. Es sei wesentlich, dass die Kirche Katalysator eines gerechten Friedens werde, dass sie der Versöhnung diene und die Menschenrechte verteidige. „Wir versuchen, Apostel der Liebe in unserer Region zu sein.“ So arbeite die ELKJ mit anderen christlichen Kirchen in und um Jerusalem zusammen, um Gespräche zwischen ChristInnen, Juden und Jüdinnen sowie MuslimInnen in Gang zu bringen.

Die Medien hätten die Pflicht, betonte Younan, „der Stimme derer, die für den Frieden arbeiten, sehr viel mehr Gehör zu verschaffen. Normalerweise interessieren die Massenmedien sich dafür, wenn zwei kämpfen oder wenn Blut vergossen wird, aber sie zeigen sich nicht sehr interessiert, wenn Menschen Frieden schaffen.“ Er rief dazu auf, dem Engagement für Frieden in dieser Region mehr Interesse entgegenzubringen.

An der LWB-Ratstagung in Wittenberg nehmen 103 VertreterInnen der 133 LWB-Mitgliedskirchen aus 73 Ländern sowie rund 140 weitere TeilnehmerInnen teil, darunter MitarbeiterInnen des LWB, DolmetscherInnen, Stewards, PressevertreterInnen und Gäste. Der 49-köpfige Rat besteht aus dem Präsidenten, der Schatzmeisterin und 47 weiteren Ratsmitgliedern und wird von der Vollversammlung gewählt. Der Lutherische Weltbund umfasst zur Zeit insgesamt 133 Mitgliedskirchen in 73 Ländern und vertritt rund 61,7 Millionen der weltweit rund 65,4 Millionen LutheranerInnen. (713 Wörter)

Dieser Beitrag gehört zu einer Feature-Serie der Lutherischen Welt-Information (LWI) zum Thema der Zehnten LWB-Vollversammlung 2003 „Zur Heilung der Welt“. Die Serie beleuchtet die Relevanz des Vollversammlungsthemas in den verschiedenen regionalen und lokalen Kontexten der weltweiten lutherischen Gemeinschaft und stellt Projekte der Versöhnung und Heilung vor angesichts weltweiter Bedrohung. Die Zehnte LWB-Vollversammlung findet vom 21. - 31. Juli 2003 in Winnipeg (Manitoba/Kanada) statt.

 

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