Lutherischer Weltbund

Lutherische Welt-Information

08.09.2002
USA: Kinder brauchen "neuen Boden unter den Füssen"
 

Lutherische Kirchen helfen bei der Aufarbeitung der Terroranschläge vom 11. September

Chicago (USA)/Genf, 8. September 2002 (LWI)
– Rund 800 Kinder aus den Stadtgebieten von New York und New Jersey (USA) haben in diesem Sommer an einwöchigen Tagescamps teilgenommen, um ihre traumatischen Erlebnisse und Gefühle im Zusammenhang mit den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York (USA) und das Pentagon in Washington (USA) am 11. September vergangenen Jahres zu verarbeiten, so eine Pressemitteilung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika (ELKA).

Ziel der insgesamt vier einwöchigen Camps zwischen Mitte Juli und Mitte August, die im Auftrag von Lutheran Disaster Response (Lutherische Katastrophenhilfe), einem gemeinsamen Dienst der ELKA und der Lutherischen Kirche – Missouri-Synode (LK-MS), veranstaltet wurde, war, den Kindern neuen „Boden unter den Füssen“ zu geben.

„Camp New Ground“, so der Titel der Initiative, sollte den Kindern dabei helfen, „sich auf neuen Boden zu begeben, einen neuen Ort und Unterstützung zu finden in der Gewissheit, dass Gott an diesem neuen Ort mit uns ist“, so Pfarrerin Ann M. Tiemeyer von der lutherischen Kirche St. Jacobus (Queens, N.Y.), die die Camps leitete.

„Kinder reagieren auf Katastrophen ebenso wie die Erwachsenen“, sagte Tiemeyer. „Jeder reagiert anders“. Die emotionale Situation der Kinder sei daher auch sehr unterschiedlich gewesen. „Wir versuchten im Camp den Rahmen zu bieten, damit Kinder mit unterschiedlich starken Erfahrungen Anerkennung, Gesprächsbereitschaft, Anteilnahme und Aufmerksamkeit erfahren konnten.“

Das „Camp New Ground“ bot Morgen- und Abendgottesdienste, Musik, künstlerische und handwerkliche Betätigung, Bibelstunden, Freizeitaktivitäten und psychologische Betreuung an. Etwa 40 psychologische BeraterInnen boten den Kindern die Möglichkeit, über Terrorismus zu sprechen, ihre Begabungen zu entdecken und von ihren Zukunftsträumen zu erzählen.

Das Lutherische Beratungszentrum (Lutheran Counseling Center) mit Büros in Long Island (N.Y.) engagierte die BeraterInnen und zeigte Eltern Lösungswege auf, wie sie mit ihren Kindern über Terrorismus sprechen können. Lutherische Gemeindemitglieder im College- und High-school-Alter aus allen Teilen der USA arbeiteten als Camp-BeraterInnen.

Die TeilnehmerInnen der Camps wurden zu Beginn von einem Psychologen interviewt, um ihnen so zu ermöglichen, über die Ereignisse des 11. September zu sprechen, erklärte Tiemeyer. Die Kinder wurden gefragt: „Was macht dich glücklich und was macht dich traurig? Was erträumst du dir für dich selbst, deine Familie und für deine Gemeinde?“ Die KoordinatorInnen der psychologischen Betreuung waren in der Lage, sich ganz auf die Kinder einzustellen, mit dem mitzugehen, was die Kinder ihnen gaben und Fragen zu stellen.

Die Camp-TeilnehmerInnen bemühten sich in einem eigenen Tätigkeitsfeld, etwas über Vergebung zu lernen. Die Kinder erhielten ein Stück rotes Papier in Form eines Ziegelsteines. Auf der Oberseite des Ziegels stand „Was ich Terroristen gegenüber fühle.“ „Die Kinder sollten dazu Fragen aufschreiben und zeichnen,“ berichtete Tiemeyer.

Die Ziegelsteine wurden dann zu „einer Mauer aufgebaut und die Kinder sprachen darüber, wie Wut und Hass eine Mauer um uns herum bilden.“ Am letzten Tag der Camps fiel die aufgebaute Mauer, als die Kinder über Vergebung sprachen, Gebete über Vergebung schrieben oder Bilder über Vergebung malten sowie von den vielfältigen Situationen im Leben erzählten, in denen sie Vergebung erfahren oder gewährt haben. Aus den Steinen wurde im Anschluss eine Strasse gebaut, die den Kindern helfen sollte, an einen neuen Ort zu gelangen und zu erkennen, „dass wir nur durch Gottes Vergebung neues Land gewinnen können“, so die Leiterin der Camps.

Neben der Beratung „gab es jede Menge wohlbekannter Unterhaltung. Die Kinder machten Handabdrücke und spielten mit einem Fallschirm, um überschüssige Energie abzubauen. Es gab für die Kinder vielfältige Möglichkeiten, Gemeinschaft und Unterstützung zu erleben,“ sagte Tiemeyer. Auch Feuerwehrleute, Leute vom Rettungsdienst und Rettungshunde kamen an einem Nachmittag, um die Kinder zu besuchen, berichtete sie.

„Der grösste Erfolg des Camp New Ground besteht in der Vielzahl der neuen Netzwerke, die Unterstützung und Fürsorge anbieten, nicht nur für die Camp-TeilnehmerInnen, sondern auch für die gastgebenden Gemeinden und Schulen“, sagte sie. „Die Camps schufen ein völlig neues Netz an Unterstützung für Familien und Kirchen, indem es in seinem Verlauf Menschen untereinander und uns selbst nicht nur untereinander, sondern auch mit Gott verband,“ erklärte Tiemeyer.

Diese Beobachtung machte auch die Leiterin des LWB- Regionalbüros in Nordamerika, Kathy J. Magnus. Mit Blick auf die Zehnte Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) 2003 im kanadischen Winnipeg erklärte sie: „In diesen Tagen der Planung für die Vollversammlung erscheint das Thema hilfreich, sehnen wir uns doch nach Heilung von den Geschehnissen des vergangenen September“. Die Zehnte LWB-Vollversammlung im Juli 2003 steht unter dem Thema: „Zur Heilung der Welt“.

„Der LWB versammelt sich, weil wir davon überzeugt sind und bekennen, dass der Gott, den wir in Jesus Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes kennengelernt haben, ‚für die Heilung der Welt’ ist. Das ist das Zeugnis und die Hoffnung, die wir der ganzen Welt bringen, einer Welt, die die offenen Wunden von Gewalt, Ungerechtigkeit, Armut, Zerrissenheit, Hoffnungslosigkeit und Krankheit an sich trägt. Ein Wort der Hoffnung für unser Denken in den Vereinigten Staaten erhalten wir, wenn wir hoffnungsvoll auf das schauen, was Gott in und durch die Zerrissenheit in unserem Leben und unserer Welt tut, um der Menschheit und aller Kreatur Heilung und neues Leben zu bringen“, erklärte Magnus. (841 Wörter)

Mit diesem Beitrag beginnt eine Feature-Serie der Lutherischen Welt-Information (LWI) zum Thema der Zehnten LWB-Vollversammlung 2003: „Zur Heilung der Welt“. Die Serie beleuchtet die Relevanz des Vollversammlungsthemas in den verschiedenen regionalen und lokalen Kontexten der weltweiten lutherischen Gemeinschaft und stellt Projekte der Versöhnung und Heilung vor angesichts weltweiter Bedrohung. Die Zehnte LWB-Vollversammlung findet vom 21. - 31. Juli 2003 in Winnipeg (Manitoba/Kanada) statt.

 

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