Lutherischer Weltbund

Vollversammlung - Hongkong 1997 - Bericht

Bericht und Verpflichtungen

"In Christus - Zum Zeugnis berufen"

Inhaltverzeichnis

Präambel

Jesus und seine Jünger

Wir sind zu dieser Neunten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im Juli 1997 nach Hongkong (China) gekommen, weil wir berufen sind: berufen von den Kirchen der lutherischen Gemeinschaft, unser Leben in Gemeinschaft zu bekräftigen und zu feiern, über die Arbeit des Weltbundes in den letzten sieben Jahren nachzudenken und Prioritäten für die Zukunft zu setzen. Im tieferen Sinne sind wir nach Hongkong gekommen als Kirchen und Personen, die in Christus zum Zeugnis berufen sind für das Evangelium, die Geschichte von Gottes Wirken in Christus und im Heiligen Geist, die gute Nachricht, die wir im verkündigten Wort gehört und in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes empfangen haben. Im Namen Christi, der uns berufen hat, senden wir unseren Schwestern und Brüdern weltweit diesen Bericht und Grüsse.

Während dieser Vollversammlung haben wir die Gegenwart Christi in unserer Mitte gespürt, der uns versammelt und aussendet. Durch die bemerkenswerte Darstellung Christi vorne im Vollversammlungssaal und auf dem überall gegenwärtigen Vollversammlungsposter wurden wir ständig daran erinnert. In dem Bild des chinesischen Künstlers He Qi steht Jesus mit ausgebreiteten Armen da, umgeben von Personen, nicht nur Gestalten aus dem Neuen Testament, sondern auch der Welt, nach der Jesus die Arme ausstreckt: Männer und Frauen, Junge und Alte. Nach den Massstäben der Welt mögen sie gut oder schlecht oder weder das eine noch das andere sein, doch sind sie alle gerechtfertigte Sünder in Christus.

Zum erstenmal findet eine LWB-Vollversammlung in Asien statt, und wir sind aus allen Teilen der Erde hierhergekommen. Wir wurden von chinesischen Christen begrüsst, die uns an ihrem Zeugnis in einer Kultur teilhaben liessen, die zu den ältesten der Welt gehört, jedoch so vielen von uns fremd ist. Unsere unmittelbare Umgebung war eine Weltstadt mit ihrer eigenen besonderen Geschichte. Das Leben als Gemeinschaft in der Verschiedenheit dieser Vollversammlung war nicht immer leicht. Unsere vielen Sprachen, unsere vielen Gaben und auch unsere vielen Schwächen kamen zum Ausdruck. Doch Christus verbindet uns.

Wir sind nach Hongkong gekommen, um unsere Solidarität mit den lutherischen und anderen christlichen Kirchen hier in der Zeit der Rückkehr Hongkongs unter chinesische Herrschaft zum Ausdruck zu bringen. Übergang bringt sowohl Ungewissheit als auch neue Möglichkeiten mit sich. Gemeinsam mit den chinesischen Kirchen haben wir hier in Hongkong das Wort der Verheissung und Zusicherung gehört, dass Christus "alle Tage bis an der Welt Ende bei uns ist" (Matthäus 28,20). Wir haben von den Kirchen in Hongkong und in Festlandchina von den verschiedenen Erfahrungen der Kirche und ihren missionarischen Bemühungen gehört. Wir verlassen Hongkong mit diesen Kirchen in unseren Herzen und bitten alle, die diesen Bericht lesen oder hören, dieser Kirchen auch in ihren Gebeten zu gedenken.

Wir haben hier fünfzig Jahre zusammen im LWB gefeiert. Vieles hat sich in fünfzig Jahren verändert, in der Welt und auch im LWB. Die lutherischen Kirchen sind zusammengewachsen, so dass wir uns heute eine Gemeinschaft von Kirchen nennen können. Das sichtbare Antlitz der Gemeinschaft hat sich geändert, und die Gemeinschaft umfasst heute sowohl Kirchen aus einer grösseren Zahl von Ländern als auch die ganze Gemeinschaft der Getauften, vor allem Frauen und Jugendliche, in allen Bereichen ihres Lebens. Im Verlaufe von fünfzig Jahren ist das Schreien der Menschen in Not anders geworden, aber es dauert an, und wir können es hören. Versöhnung und Flüchtlingshilfe sind immer noch markante Aufgaben unserer Gemeinschaft und ihrer Strukturen. Auf dieser Vollversammlung haben wir für die Gaben gedankt, die wir in unserer gemeinsamen Geschichte empfangen haben, und uns bemüht, Lektionen für die Zukunft, zu der wir berufen sind, herauszulesen.

Zeugnis in einer vielfältigen Welt für die Vielfalt von Gottes Werk hat viele Aspekte, und deshalb sind wir hier in kleineren Gruppen, "Dorfgruppen", jede mit ihrem eigenen Anliegen, zusammengetreten. Das Mosaik dieses Berichts, der sich aus den Berichten dieser Gruppen zusammensetzt, bildet ein Porträt dieser Vollversammlung. Wie die Steine in einem Mosaik unterscheiden sich die Teile dieses Berichts in Stil und Ton in mancher Hinsicht. Diese verschiedenartigen Aspekte werden alle für das volle Leben und Zeugnis der Kirche benötigt; sie sind alle Teil der Mission von Christi Gemeinschaft. Wir senden diesen Bericht aus in der Hoffnung, dass er von Nutzen sein wird, wenn wir alle uns in Christus bemühen, die Berufung zum Zeugnis anzunehmen.

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ZU EINER GEMEINSCHAFT IN CHRISTUS BERUFEN

Rev. Dr. Ishmael Noko, Generalsekretär des LWB, beim Festgottesdienst zur Feier des 50. Jahrestages des LWB

Die ausgestreckten Arme Christi versammeln uns zu einer Gemeinschaft, die der Leib Christi ist. Wir wissen jedoch, dass unsere Gemeinschaft unvollkommen ist. Es gibt viele Kirchen, mit denen wir nicht die Gemeinschaft leben können, die wir in der Taufe empfangen haben. Berichte über neue Initiativen zu grösserer sichtbarer Einheit der Kirche haben uns ermutigt. Unsere Einheit in der lutherischen Gemeinschaft ist kein Endziel, sondern ein bedeutender Schritt auf dem ökumenischen Weg und ein Vorgeschmack der grösseren Einheit, die Christus für seine Kirche wünscht.

Unsere Gemeinschaft soll selbst ein Zeugnis sein in einer Welt, der es an Gemeinschaft fehlt, die sich nach ihr sehnt, sie aber auch fürchtet. In einer solchen Welt kann Verschiedenheit zu Trennung führen und Anlass zu Hass und Unrecht sein. Wir müssen bekennen, dass es auch in unseren Kirchen allzu häufig zu Spaltungen kommt.

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Gemeinschaft in einer gespaltenen Welt

Wir sind in Christus in die Gemeinschaft berufen, die um Wort und Sakrament versammelt ist, eine in Mission und Zeugnis für die Welt engagierte Gemeinschaft. Gemeinschaft ist nicht etwas, was wir erlangen, sie ist eine Gabe Gottes. Diese Wahrheit befähigt uns zu der Aufgabe, eine Gemeinschaft zu sein. Wir sollen Christi erschaffendes und erlösendes Wort in alle Welt tragen.

Wir sind aufgerufen, in einer dynamischen, sich ständig verändernden, verschiedenartigen und gespaltenen Welt Zeugnis für Christus abzulegen. Sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Kirche ist die Gemeinschaft zerbrochen, und diese Zerbrochenheit äussert sich in Armut, Gewalt, ungerechten wirtschaftlichen Strukturen, Sexismus, Nationalismus, Rassismus, Ethnozentrismus, Krieg, ungleichem Zugang zur Technik, Denominationalismus usw. In unserer Zerbrochenheit finden wir die Grundlage für ein neues Leben in Gemeinschaft nur durch Versöhnung.

Der Gottesdienst der Kirche ist für ihr Zeugnis von zentraler Bedeutung. Eine Freude war auf dieser Vollversammlung die Erfahrung des gemeinsamen Gottesdienstes, bei dem wir in dem einen Geist vereint wurden. Christliche Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmer sind aufgerufen, das Risiko anzunehmen, an die Verheissungen unseres Herrn zu glauben:

  • dass da, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, Jesus mitten unter ihnen ist;

  • dass Christus den Tod vernichtet hat und uns mit seinem Sieg Leben gibt;

  • dass der Herr verheisst, dass "wer euch hört, mich hört" (Lukas 10,16);

  • dass wir Leib und Blut des Herrn im Abendmahl empfangen;

  • dass Jesus uns zum Gehorsam als Zeugen befähigt;

  • dass der Herr in Herrlichkeit wiederkommen wird.

Deshalb ist die Gemeinschaft der Heiligen befähigt, Risiken auf sich zu nehmen als

  • Versöhnende in einer Welt gespaltener Völker und Kirchen;

  • Fürbittende für die Vergessenen, die Verlorenen und Einsamen, die Unbeachteten, die Entwurzelten, die Entrechteten und Verachteten;

  • Gebende und Liebende und Haushaltende und Teilende in einer Welt, die nach Sicherheit, Ausbeutung, Konsum und Besitztümern strebt;

  • Dienende in einer Welt, die ihre Herren der falschen Macht anbetet.

In Solidarität mit anderen Christen können wir gemeinsam handeln und die uns gegebene Gemeinschaft in neuen Formen zum Ausdruck bringen. Über die in Kirche und Welt geschaffenen Schranken hinweg sind wir aufgerufen, uns gemeinsam mit den dringenden Anliegen unserer Zeiten auseinanderzusetzen. Mit Gemeinschaft verbunden sind ein Aufruf und eine Verpflichtung, um der Kirche und der umfassenderen Gesellschaft willen die Herausforderung in Christus anzunehmen.

Wir verpflichten uns

  • mit lutherischen Kirchen ausserhalb des LWB einen offenen und konstruktiven Dialog zu führen und den Dialog unter seinen Mitgliedskirchen in Gemeinschaft miteinander zu fördern;

  • weiterhin die Bestrebungen der Kirche fördern, Konzepte und Formen der Taufe, der Eucharistie und des Amtes (einschliesslich Anliegen wie episcopé, diakonische Ämter und Frauenordination) entsprechend dem örtlichen, nationalen und globalen Kontext zu untersuchen und damit zu experimentieren;

  • Abbild des Versöhnungshandelns Gottes in der Welt zu sein und dafür Zeugnis abzulegen und über Modelle der Friedenserhaltung/Schlichtung/Vermittlung hinauszugehen, um Christi Vergebung und Versöhnung darzustellen.

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Im Streben nach grösserer sichtbarer Einheit der Kirche 

Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Um eines gemeinsamen Zeugnisses für Christus willen würdigen wir die grossen Bemühungen des Lutherischen Weltbundes und der römisch-katholischen Kirche um eine "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre", bei der ein Konsens über Grundwahrheiten ausgedrückt wird und die jeweiligen Lehrverurteilungen aus der Reformationszeit als die heutigen Partner nicht treffend bezeichnet werden. Wir sind dankbar, dass wir am Rande dieser historischen ökumenischen Errungenschaft stehen, die neue Perspektiven für den Dialog und die gemeinsame Verpflichtung zwischen den lutherischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche eröffnet. Die Aufgabe der Kirchen besteht nunmehr darin zu beurteilen, ob sie den in der Gemeinsamen Erklärung insgesamt zum Ausdruck gebrachten Konsens und somit das in Punkt 40-41 zusammengefasste zweifache Ergebnis bestätigen können.

Die Feststellung eines Konsenses in Lehrfragen ist nicht nur eine Sache theologischer Untersuchung und theologischen Urteils, sondern auch des Vertrauens, das in vielen und vielfältigen Begegnungen, einer gemeinsamen Verpflichtung und der Erfahrung des gemeinsamen Glaubens an Christus entwickelt wurde.

Rechtfertigung aus Gottes Gnade ist das Kernstück des christlichen Glaubens. Die Rechtfertigungslehre steht in einer wesentlichen Beziehung zu allen Glaubenswahrheiten. Wir würdigen nach-drücklich die Bekräftigung durch den Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen auf dieser Vollversammlung, was in Punkt 18 der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre erklärt wird: die Lehre von der Rechtfertigung ist ein unverzichtbares Kriterium für die gesamte Lehre und Praxis der Kirche. Sie ist die Grundlage unseres Glaubens.

Dieser Prozess drängt die lutherischen Kirchen und die katholische Kirche, ihre Arbeit über noch ungelöste Fragen fortzusetzen und den Konsens und die sich daraus ergebenden Folgen zu vertiefen und zu erweitern.

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Die ökumenische Situation

Vor allem in den letzten drei Jahrzehnten hat die ökumenische Bewegung wichtige Schritte auf dem Wege zur Einheit getan und wichtige Stufen erreicht. Die Beziehungen zwischen den Kirchen wurden auf allen Ebenen erheblich umgestaltet. Ein Überblick über das ökumenische Leben zeigt, wie unterschiedlich die ökumenische Situation in verschiedenen Teilen der Welt ist. In Europa sind wir dankbar, Zeugen des Rezeptionsprozesses der Leuenberger Konkordie zwischen lutherischen, reformierten und unierten Kirchen und der Unterzeichnung der Meissener Gemeinsamen Feststellung und der Porvooer Gemeinsamen Feststellung zu sein. Meissen bedeutet ein engeres Zusammengehen auf dem Wege zur Gemeinschaft zwischen der Kirche von England und den deutschen reformierten, lutherischen und unierten Kirchen, Porvoo zwischen vier anglikanischen Kirchen von Grossbritannien und Irland und sechs nordischen und baltischen lutherischen Kirchen. In den Vereinigten Staaten erwägt die lutherische Kirche volle Gemeinschaft mit der Bischöflichen Kirche (Anglikaner) und auch mit drei reformierten Kirchen.

In einem Beschluss des LWB-Rates vom Jahre 1993 wurden die Mitgliedskirchen gebeten, die anderen darüber zu informieren, wenn sie dabei sind, eine Verpflichtung mit einer anderen Kirche einzugehen. Diese Verantwortung, in Gemeinschaft zu sein, wird sehr wichtig in einer Zeit, in der die Herausforderung in der Zukunft in der Vereinbarkeit der verschiedenen Dialoge bestehen wird. Gemeinschaft erfordert Kommunikation, die ganze Gemeinschaft ist vom ökumenischen Handeln ihrer einzelnen Mitglieder betroffen.

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Rezeption

Die Rezeption der ökumenischen Übereinkommen sollte auf verschiedenen Ebenen erfolgen: auf Ebene der Entscheidungsorgane der Kirchen, die für verbindliche Lehrbeschlüsse verantwortlich sind, auf Ortsebene, auf theologischer Ebene und auch in der weltweiten Gemeinschaft der lutherischen Kirchen.

Wir legen unseren Kirchen den Prozess der ökumenischen Rezeption nahe. Vor allem im Falle der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre sollten der Gottesdienst, die Bibelarbeit und die theologische Arbeit gemeinsam mit den katholischen Partnern den Inhalt und die existentielle Bedeutung der Rechtfertigung aufzeigen. So sollten die Aussagen der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre in einer Sprache formuliert werden, die allen Gläubigen zugänglich ist, und es sollten ihre praktischen Auswirkungen in bezug auf einen umfassenderen gemeinsamen Dienst und ein umfassenderes Zeugnis untersucht werden.

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Das ökumenische Engagement des LWB

Im Rückblick auf 50 Jahre wachsender ökumenischer Verpflichtung des LWB und in Dankbarkeit für alle im Bereich der bilateralen Dialoge geleistete Arbeit

verpflichten wir uns, den LWB und seine Mitgliedskirchen aufzurufen,

  • die Dialoge auf internationaler und regionaler Ebene fortzusetzen;

  • ökumenische Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Ökumenischen Dekade - Solidarität der Kirchen mit den Frauen (1988-1998) und mit dem auf der LWB-Vollversammlung 1990 verabschiedeten Beschluss auf örtlicher, nationaler und internationaler Ebene fortzusetzen;

  • die lutherischen Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zu bitten, sich an der Suche nach einer neuen Vision für die künftige Entwicklung des ÖRK zu beteiligen;

  • den Rat und das Sekretariat des LWB zu ersuchen, aktiv an gegenwärtigen und künftigen Reflexionen über die Zukunft der ökumenischen Bewegung und über angemessenere Instrumente dieser Bewegung teilzunehmen;

  • alle weltweiten konfessionellen und ökumenischen Kirchenorgane zu bitten, sich um eine bessere Koordination von Programmen und Versammlungen zu bemühen.

Wir bekräftigen unsere Überzeugung, dass das ökumenische Engagement ein fester Bestandteil der lutherischen konfessionellen Identität ist, und verpflichten uns erneut, voll an der einen ökumenischen Bewegung teilzuhaben.

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ZU EINER LEBENDIGEN GEMEINSCHAFT BERUFEN

Pfarrerin Dr. Prasanna Kumari (Indien) bei einer inoffiziellen Präsentation in yuan tsai (Frauenzentrum) bei der LWB-Vollversammlung

Die Gemeinschaft, die Christus versammelt, lebt nicht ausserhalb dieser Welt, sondern an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. Jede Kirche ist aufgerufen, die eine Kirche aller Zeiten und Orte am eigenen Ort und zur eigenen Zeit zu sein. Wie können die Kirchen wahrhaftiger Leib Christi in ihrer eigenen spezifischen kulturellen Situation sein? Wie können wir unser Leben als eine Gemeinschaft bewahren und doch in unserer eigenen Kultur verwurzelt sein?

Dass mehr Frauen und Jugendliche auf dieser Vollversammlung als auf früheren Vollversammlungen anwesend sind, erinnert uns bei unserem Bemühen, unsere Gemeinschaft in Christus zu leben, an unsere früheren und gegenwärtigen Schwächen und künftigen Herausforderungen. Die Ganzheit unseres gemeinsamen Lebens in Christus ruft uns auf, die verschiedenen Gaben des Leibes, die Gaben von Frauen und Männern, Jungen und Alten, zu achten und zu fördern. Das konkrete Leben unserer Gemeinschaften muss ein Zeugnis für den Gott sein, der uns zur Gemeinschaft in Christus beruft und uns im Geiste vereint.

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Inmitten kultureller Pluralität: fleischgewordene Präsenz

Unsere Gemeinschaften sind in verschiedenen Kulturen angesiedelt. Es ist unsere Berufung von unserem Herrn, in der Kraft des Heiligen Geistes stets und überall die bestmöglichen kulturellen Ausdrucksformen unseres Glaubens und Zeugnisses anzustreben. Kontextuelles Zeugnis sollte jedoch in einer globalen Vision der Einheit in Christus stattfinden. Ein solches Zeugnis ist Teil der fleischgewordenen Präsenz Christi in den Kirchen. In Zukunft sollte dies insbesondere in den folgenden Programmbereichen berücksichtigt werden:

Kirchen als lebendige Gemeinschaften: Die christlichen Gemeinden sind aufgerufen, das Licht der Welt und das Salz der Erde zu sein. Deshalb sind sie befähigt, Zeugnis abzulegen, inklusiv, tolerant, dienend und fürsorgend, versöhnend und von der selbstlosen Liebe Christi inspiriert zu sein, sich regelmässig um Christus und im Heiligen Geist zu versammeln, um die Liebe Gottes zu empfangen und befähigt zu werden, sie der Welt zu bringen.

Kontextuelle Theologie: Theologie ist grundsätzlich kontextuell und entwickelt sich in einer konkreten Lebenssituation. Luthers Theologie war selbst stark kontextuell. Der Kontext fordert unsere Theologie heraus. Kontextuelle Theologie spiegelt die individuelle Erfahrung wider und berücksichtigt den Kontext des Nächsten. Durch seine Fleischwerdung hat Gott sich in "irdene Gefässe" ergossen. Die Geschichten Jesu im Neuen Testament sind ein Paradigma der kontextuellen Theologie und des christlichen Lebens.

Gottesdienst in der lebendigen Gemeinschaft: Heutzutage findet Gottesdienst in unseren Kirchen und Gemeinden häufig in einer multikulturellen Situation statt. Kulturelle Vielfalt ist nicht etwas, was uns trennen sollte, sondern sie ist ein Ausdruck von Gottes schöpferischem Wirken. Deshalb müssen wir die Frage stellen, wie Gottesdienst kulturell aufgeschlossen sein kann. Wie bewahren wir die Beziehung zwischen Bestätigung und Kritik unserer jeweiligen Kultur? Gottesdienst ist eine der kontextuellen Ausdrucksformen einer lebendigen Gemeinschaft einschliesslich ihrer Mühen und Freuden. Dazu gehört auch, dass man benennt, was uns trennt. In unserem Gottesdienst werden wir für ein inklusives Leben in Gemeinschaft gestärkt.

Christliche Erziehung: Wir würdigen die Verpflichtung des LWB und seiner Mitgliedskirchen zu kontextueller christlicher Erziehung und die Aufstellung und gegenwärtige Durchführung von christlichen Erziehungsprogrammen, die unseren lebendigen Gemeinschaften in jeder Altersstufe dienen.

Das christliche Zeugnis im sozio-politischen Kontext: Verschiedenartige politische und kulturelle Systeme erfordern verschiedenartige Ansätze. Trotzdem müssen wir unsere gemeinsame Aufgabe unterstreichen. Wir alle tragen Verantwortung für das Wohlergehen der Gesellschaft, in der wir leben. Deshalb müssen wir ein politisches Engagement in dieser oder jener Form anstreben. Es sollte nicht aus einem Interesse an Machtausübung erwachsen, sondern aus der Verpflichtung, Christus nachzufolgen, selbst in seinem Leiden. Dieses Engagement bedeutet, für Schalom in der Gesellschaft zu arbeiten und für die Schwachen und Unterdrückten einzutreten. In diesem Zusammenhang

verpflichten wir uns, die Mitgliedskirchen aufzurufen,

  • in unseren Gemeinden Sensibilität für die Kultur und das Wachstum eines wahrhaft inklusiven und liebevollen Gemeinschaftslebens zu fördern;

  • Symbole und Formen der Gemeinschaft zu finden, die das Evangelium vermitteln;

  • Ortsgemeinden bei der Entwicklung von Formen des Gottesdienstes zu unterstützen, die ihren kulturellen Kontext widerspiegeln, wobei Fragen der Gastbereitschaft, einschliesslich Teilhabe und kulturelle Inklusivität, besonders zu berücksichtigen sind;

  • eine kontextuelle und auch prophetische christliche Erziehung zu fördern;

  • die Gemeindemitglieder zu einem verantwortlichen soziopolitischen Engagement zu ermutigen und zu befähigen und sie dabei zu begleiten;

  • Studien über die Auswirkung des christlichen Glaubens auf die Entwicklung von partizipatorischen demokratischen Strukturen durchzuführen.

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Männer und Frauen: Geschlechtsspezifische Fragen und die Theologie der Kirchen Geschlechterrollen und unser Glaube

"Was bedeutet es, Mann oder Frau zu sein?" Diese Frage nach den Geschlechterrollen wird in den verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich beantwortet. Die Stellung der Geschlechter wird durch religiöse, ethnische, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren und Wertesysteme gestaltet. Geschlecht ist nicht nur eine Frage der Biologie.

Als Getaufte, die mit Jesus in seinem Tod verbunden sind, um sein neues Leben zu leben (Römer 6,3-6), sind wir zu einer neuen Realität berufen. "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau" (Galater 3,28). In Christus sind wir eine neue Kreatur (2Korinther 5,17). Diese neue Kreatur wird am intensivsten im Abendmahl gefeiert, wo wir alle um den einen Tisch ohne Unterscheidung oder Rangordnung versammelt sind, um Leib und Blut Christi zu empfangen und um Leib Christi in der Welt zu sein.

Wenn wir aus biblischer und theologischer Sicht über Geschlechterrollen sprechen, bekräftigen wir, dass unser Glaube an den dreieinigen Gott uns zu gerechtem Handeln in diesen Beziehungen aufruft, einschliesslich der gleichen Achtung füreinander als Männer und Frauen, das Miteinanderteilen der Macht, der Anerkennung der Gaben und der Schaffung von Strukturen, die dem ganzen Volk Gottes zugänglich und ihm gegenüber aufnahmebereit sind.

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Fragen vor uns

Leitungsstrukturen: In unseren Kirchen ist auf Leitungsebene ein Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen notwendig. Auf Ortsebene werden unsere Versammlungen oft überwiegend von Frauen besucht, jedoch von sich in der Minderheit befindlichen Männern geleitet. Darin kommt eher die Situation in der Gesellschaft zum Ausdruck, als dass es ein prophetisches Zeichen Christi wäre, der das vorherrschende System durchbrechen will. Das ist den Beziehungen zwischen Frauen und Männern abträglich.

Feministische Theologie: Diskussionen über Geschlechterfragen müssen eine biblische und eine theologische Grundlage haben. Notwendig ist ein besseres Verständnis des Inhalts und der Bedeutung der feministischen/"womanistischen" Theologie zur Erleichterung der Geschlechterdiskussion in den Kirchen. Theologie und Ausbildung waren überwiegend männerorientiert, doch Jesus Christus hat sowohl Männer als auch Frauen eingeladen, seine Jünger/Jüngerinnen und Zeugen/Zeuginnen für die Welt zu sein. Ausbildung und Theologie sollten Geschlechterfragen mit Feingefühl angehen und sowohl Männern als auch Frauen helfen, sich ihrer Situation besser bewusst zu werden.

Frauenordination: Der LWB unterstützt die Ordination von Frauen und Männern als Gabe Gottes an die Kirche (Vollversammlung von Curitiba, 1990). Wir haben hier jedoch gehört, dass 30 Prozent der Mitgliedskirchen noch immer keine Frauen ordinieren. Die Mitgliedskirchen müssen über dieses Thema weiterhin im Dialog bleiben. Der LWB sollte sich insbesondere solidarisch an die Seite der Frauen stellen, die um Ordination nachsuchen, weil sie von Gott berufen sind, aber nicht ordiniert werden können, weil die Frauenordination in ihrer Heimatkirche nicht praktiziert wird.

Partnerschaft: Wir erkennen an, dass Männer und Frauen gleichermassen und im Konsens an der Partnerschaft der Arbeit, der Haushaltsführung, der Fürsorge für Kinder, alte und kranke Menschen und am Leben in Kirche und Gemeinschaft teilhaben müssen. Ohne diese Partnerschaft werden Frauen in einem von Konkurrenz geprägten wirtschaftlichen und sozialen Umfeld immer benachteiligt sein.

Familie: Wir sollten ein fundiertes theologisches und inklusives Verständnis der Familie und ein gesundes Familienleben durch Erziehung über Geschlechterbewusstsein und Kommunikationsfähigkeiten, für Ehe- und Familienleben, Fähigkeit zur Elternschaft sowie Haushaltverantwortung fördern. Wir sollten Einzelpersonen und Familien, die es brauchen, seelsorgerliche Beratung anbieten. Wir sollten ferner Überlegungen anregen über Werte und Prioritäten bei der Beziehung zwischen der Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, und den Erfordernissen des Familienlebens, vor allem den Bedürfnissen von Kindern.

Menschliche Sexualität: Die Kirche muss sich stets gewärtig sein, dass menschliche Sexualität grundsätzlich etwas Gutes ist. Entwürdigende sexuelle Praktiken müssen verurteilt und bekämpft werden, z.B. Verstümmelung der weiblichen Genitalien, Sextourismus und -handel, Prostitution, sexueller Missbrauch sowohl in der Ehe (u.a. wenn kein Recht auf Verweigerung des Geschlechtsverkehrs besteht) als auch ausserhalb der Ehe (darunter Inzest, sexuelle Belästigung, Pädophilie). Unsere Kirchen bekräftigen, dass Treue die Grundlage von intimen Beziehungen ist, bemühen sich aber weiterhin um Klarheit über in letzter Zeit bei uns diskutierte Formen von Partnerschaft (Ehe, voreheliches Zusammenleben, Homosexualität, Einelternschaft, Scheidung usw.).

Wir verpflichten uns, die Mitgliedskirchen des LWB aufzurufen,

  • die Auswirkungen des Geschlechterbewusstseins auf Theologie, Erziehung, Volkswirtschaft, menschliche Sexualität (einschliesslich sexueller Belästigung, Gewalt und Missbrauch), das Miteinanderteilen der Macht in Kirche und Gemeinschaft und das Familienleben mit Nachdruck zu untersuchen und zu fördern;

  • die Aktionsplattform der UNO-Weltfrauenkonferenz von 1995 und ihre Umsetzung in die Praxis zu erörtern;

  • den Bericht "Wir sind Zeuginnen" der Internationalen LWB-Konsultation über Frauen vom Jahre 1995 zu diskutieren und die darin enthaltenen Programme zu verwirklichen;

  • die Beschlüsse der Vollversammlung vom Jahre 1990 und der Tagung des LWB-Rates im Jahre 1995 in Windhuk zur Frauenordination zu verwirklichen.

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Als Jugendliche: Von der Repräsentation zur Mitwirkung

Mit Freude hat die Vollversammlung die auf der Vorvollversammlung in Bangkok ausgearbeitete Botschaft der Jugend und ihre während unserer Vollversammlung dargestellten Träume in bezug auf das Jahr 2000 zur Kenntnis genommen. Junge Leute sind lebenswichtig für das gegenwärtige und künftige Leben der Kirche; Jugendliche sind Vollmitglieder der Kirche heute und nicht nur Personen, die darauf warten, die Kirche von morgen zu werden. Wir wollen als versöhnte Generationen ins nächste Jahrtausend eintreten. Jungen Menschen muss Respekt gezeigt, Unabhängigkeit gewährt und Vertrauen geschenkt werden.

Lutheraner legen den Schwerpunkt auf das Heil durch Gnade, Glauben und Taufe. Doch ist dringend nötig, dass diese Verpflichtung in unseren Kirchen auch zum Ausdruck kommt, insbesondere um jungen Menschen bei ihrer Suche nach Spiritualität, Liebe und Zugehörigkeit zu helfen. Es braucht einen offenen, unmoralistischen und glaubwürdigen Zugang, um Jugendliche zu erreichen und sie in die Entwicklung und Erneuerung von Gemeinde, kirchlichem Leben und Liturgie einzubeziehen.

Jugend in Kirche und Gesellschaft ist ein Potential und eine Herausforderung. Junge Menschen sind immer noch bereit, sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft Verantwortung für die Herausforderungen und Probleme der heutigen Welt zu übernehmen. Wie alle Mitglieder des Leibes Christi müssen wir für diese Aufgabe zugerüstet sein. Wir benötigen eine besondere, aber angemessene Struktur, damit ein unabhängiger Ort für Beiträge und Diskussionen der Jugend gewährleistet ist. Wenn es um Befähigung geht, müssen innovative und kontextuelle Ansätze entwickelt werden, um die Jugend besser zu erreichen. Doch fehlt es anscheinend an Verbindung und Kommunikation zwischen der Kirche und ihren verschiedenen Strukturen für Jugendarbeit. Wenn es darum geht, die Zukunft der Kirche zu planen, müssen Jugendliche oft passiv darauf warten, bis sie an die Reihe kommen, in der Regel bis sie erwachsen sind. Kein Wunder, dass viele junge Leute Schwierigkeiten damit haben, die Kirche ihrer Eltern auch als ihre eigene zu sehen. Deshalb rufen wir zu einem einfühlsamen Beratungsprozess (Lernprozess zwischen verschiedenen Altersgruppen) und zum Erfahrungsaustausch zwischen Generationen auf, um alle dazu zuzurüsten, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kirche und Gesellschaft zu werden.

Der christliche Glaube muss in einer lebendigen Spiritualität gelebt werden. Vor allem unter Jugendlichen besteht ein starkes Streben nach Spiritualität, was die Notwendigkeit einer Erneuerung des liturgischen Lebens erkennen lässt. Diese Erneuerung sollte auf ehrlichem Dialog mit Jugendlichen gegründet sein und Ausbildung über lutherische Theologie und Anleitung über traditionelle Liturgie umfassen. Wir glauben, dass die lutherische Lehre und Tradition uns eine Antwort und einen Treffpunkt für die spirituelle Suche der Jugend geben. Jugendliche leben ihre Spiritualität auf andere Weise, als sie es in der Kirche ihrer Eltern gelernt haben. Wir sind aufgerufen, Wege zur Schaffung von mehr Gelegenheiten für die Beteiligung der Jugend am Leben der Kirche zu suchen, damit die ehrlichen spirituellen Anliegen und Talente der Jugend und anderer Gruppen in die künftige Entwicklung von Kirche und Gesellschaft aufgenommen werden.

Jugendliche können bei Programmen, die verschiedene soziale Probleme bekämpfen, eine aktive und bedeutende Rolle spielen. Sie sollten ermutigt werden, ihre beruflichen Fähigkeiten in sozialen Diensten der Kirche einzusetzen. Auf der Tagesordnung der Kirche und des LWB-Jugendprogramms sollten weiterhin Programme stehen, die sie für ihr Engagement in sozialen Anliegen zurüsten.

Vor allem im Kontext der grösseren Gemeinschaft lutherischer Kirchen und des ökumenischen Umfelds haben wir eine einzigartige Gelegenheit, Modelle der Jugendarbeit zu entwickeln, die uns helfen können, das positive Potential junger Menschen im täglichen Leben der Kirche zu entdecken und zu nutzen. Es ist unsere Aufgabe, gemeinsame Grundlagen für die Mitwirkung der Jugend an der Mission der Kirche zu finden. Programme zur Ausbildung zu Führungsaufgaben für Jugendliche auf örtlicher, regionaler und globaler Ebene sollten Teil des LWB-Jugendprogramms im nächsten Zeitraum sein. Regionale Vernetzung ist für den Austausch von Erfahrungen und das Miteinanderteilen von Ressourcen erforderlich. Jugendliche, die an Programmen zur Ausbildung zu Führungskräften teilgenommen haben, sollten von ihren eigenen Kirchen als Sachverständige anerkannt und eingesetzt werden.

Wir verpflichten uns,

  • zu garantieren, dass Jugendliche auf allen Ebenen aktiv an der Entscheidungsbildung im LWB und seinen Mitgliedskirchen beteiligt werden und die Rolle der Jugendmitglieder im LWB-Rat als Vertreter/innen und Sachverständige der Kirchen in ihrer Region gestärkt wird.

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ZU EINER ZEUGNISGEMEINSCHAFT BERUFEN

Auf dem Bild, das wir vor uns hatten, streckt Jesus seine Hände als Einladung an die ganze Welt und zu ihrer Heilung aus und versammelt sie als Gemeinschaft des Zeugnisses. Eine Einzelperson, eine Kirche, eine Gemeinde, eine Gemeinschaft, die Christus hat, kann ihn nicht verbergen: Zeugnis abzulegen ist ihre Art des Seins und ihre Art des Handelns. Wir sind zum Zeugnis in und innerhalb der Welt um uns herum berufen, wie es der Künstler in den um Jesus versammelten verschiedenartigen Menschen dargestellt hat: Menschen im Gespräch, Frauen und Männer mit den Lasten und Werkzeugen ihres jeweiligen Berufes. In diese Welt sind wir gesandt: eine zunehmend postmoderne, fragmentierte, aber globalisierte Welt, eine Welt, in der die uralte Habgier neue und mächtigere Ausdrucksformen findet.

Auf Jesu Händen können wir die Male seiner Kreuzigung sehen. Er leidet mit der Welt, die er beruft. Die Präsenz des Judas unter denen, die auf dem Poster um Christus versammelt sind, erinnert uns an unsere eigene Bereitschaft, zu unserem eigenen Nutzen anderen Leid zu bringen, unser Versagen, die globalen Systeme in Frage zu stellen, die Armut und Tod fördern. Unser Zeugnis für Christus lässt sich nicht vom Dienst an der Welt, von der Haushalterschaft der Schöpfung und vom Eintreten für alle trennen, die Missbrauch von Leib, Gemüt, Seele und Geist erleiden.

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Inmitten religiöser Pluralität: Mission und Dialog

Kreuzträger und Wasserträgerinnen bein Abendmahlsgottesdienst zur Eröffnung

Wenn wir uns nun dem dritten Jahrtausend nähern, sind wir uns deutlich bewusst, dass alle lutherischen Kirchen in einem multireligiösen und multikulturellen Kontext existieren und Zeugnis ablegen. In jedem Kontext müssen wir bei unserem Zeugnis für Christus Sensibilität für die Besonderheiten des Kontextes aufbringen. 

Die Begegnung von Evangelium und Kontext gestaltet unser Zeugnis. So leben Christen in Afrika mit Muslimen und Anhängern afrikanischer Religionen zusammen. In Asien sind Christen in der Regel in einer Minderheitensituation. In westlichen, traditionell christlichen Ländern finden wir jetzt Gesellschaften, die religiös und kulturell pluralistisch und sehr stark vom Säkularismus geprägt sind. Pluralität ist eine Herausforderung für unser Zeugnis, das sich angesichts eines wachsenden Relativismus bewähren muss.

Wir sind uns bewusst, dass Zeugnis die Grundaufgabe der Kirche ist. Es ist für unsere Identität und Integrität als Christen unerlässlich. Wie es in Petrus 3,15 heisst: "Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht."

Gemäss dem Missionsauftrag (Matthäus 28,18-20) und dem Liebesgebot (Lukas 10,27) umfasst das christliche Zeugnis zwangsläufig Evangelisation und Dienst. In unserer gegenwärtigen, religiös und kulturell pluralistischen Welt erkennen wir, dass das Zusammenleben mit Menschen anderer Glaubensrichtungen eine unvermeidliche Herausforderung für Christen und Kirchen ist, aus der sich interreligiöser Dialog ergibt.

Evangelisation bedeutet, mit allen Menschen die gute Botschaft von Gottes Liebe und Barmherzigkeit im Leben, im Tod und in der Auferstehung von Jesus Christus zu teilen. Das christliche Zeugnis muss die wachsende Zahl von Menschen berücksichtigen, die anderen Religionen angehören oder einer diffusen Form von Religiosität anhängen. Christliches Zeugnis muss sich auf den wesentlichen Inhalt des christlichen Glaubens konzentrieren, eine verständliche Sprache benutzen und einen Bezug zu den wahren Bedürfnissen und Erwartungen der Menschen haben. Es sollte eine Einladung an den Glauben an Christus und die Erfahrung seiner umgestaltenden Gegenwart und Macht sein. Persönliches Zeugnis ist so wichtig wie gegenseitige Ermutigung in kleinen Gruppen. Unser Zeugnis sollte die Freude zum Ausdruck bringen, die Gott der ganzen Welt durch Jesus Christus gebracht hat. Wir bringen eine Botschaft, die ihre Vitalität und Relevanz für unser heutiges Leben nicht verloren hat.

Der interreligiöse Dialog ist ein kreatives Engagement mit Menschen anderer Glaubensrichtungen. Er findet in verschiedenen Formen statt und ist gekennzeichnet durch Zuhören und Austausch im Geiste gegenseitiger Achtung. In einem Geiste der Demut und der Ehrlichkeit gibt uns der Dialog die Möglichkeit, als Angehörige anderer Glaubensrichtungen für das Gemeinwohl zusammenzuarbeiten. Wir erkennen an, dass alle von dem einen Gott geschaffen sind, der in der ganzen Welt wirkt. Ein solcher Dialog hilft uns auch, uns über unseren eigenen Glauben klarer zu werden. Das sollte uns dazu führen, andere so anzuerkennen, wie sie sich verstehen. Er hilft, Lösungen für Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen zu finden. Das geschieht sowohl durch Reflexion als auch durch praktische Ansätze im täglichen Leben. Damit wird aber der Wahrheitsanspruch unseres Glaubens an Jesus Christus, für den gegenüber anderen Religionen Zeugnis abzulegen wir berufen sind, nicht vermindert.

Dienst ist ein notwendiger praktischer Ausdruck unserer Liebe zu Gott und unseren Nächsten. Wir sollen für andere gemäss ihren Bedürfnissen sorgen. Das ist eine Form des Zeugnisses an die Gemeinschaft und für die Gemeinschaft. Dienst umfasst das aktive konkrete Eintreten für Gerechtigkeit.

Der multireligiöse Kontext fordert Christen heraus, angemessene Ansätze für die seelsorgerliche Betreuung zu finden, z.B. in religiös gemischten Familien, für Menschen in Krankenhäusern, Gefängnissen usw. Er erfordert auch eine Auswertung von Inhalt und Methoden der theologischen und christlichen Erziehung auf verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens. Das christliche Zeugnis sollte sich insbesondere mit dem religiösen und kulturellen Hintergrund derer befassen, mit denen wir arbeiten, z.B. Angehörigen von Urvölkern.

Wir verpflichten uns,

  • unsere missiologischen und missionarischen Anstrengungen zu verstärken, unser Verständnis des Evangeliums zu vertiefen und neue Wege zu erforschen, wie wir Gottes Liebe mit Menschen teilen können, die Christus noch nicht als ihren Herrn und Heiland kennen oder nicht mehr als solchen anerkennen.

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Durch Kommunikation: Werte und Macht in der Informationsgesellschaft

Plenarsitzung

Der LWB und seine Mitgliedskirchen haben durch ihre ganze gemeinsame Geschichte hindurch ein klares Engagement für eine Kommunikation gezeigt, die sowohl integraler Bestandteil der Entwicklung kirchlicher Gemeinschaft als auch unerlässliche Voraussetzung wirksamen kirchlichen Zeugnisses in der Welt ist. 

Kommunikationsarbeit im Sinne dieser beiden Zielsetzungen wird in verschiedenen Kontexten und mit sehr unterschiedlichen Instrumenten betrieben. Der ständigen Reflexion über das umfassende Wesen der Kommunikation, ihr Verhältnis zur Gemeinschaft, die Rolle hochentwickelter Technologien und die Realitäten der verschiedenen Kontexte, in denen die Kirchen leben, kommt auch weiterhin hohe Priorität zu.

Gemeinschaft und Kommunikation bedingen einander. Die Kirche auferbaut sich durch diese Kommunikation mit ihrem Herrn und unter ihren Gliedern (Kommunikanten), die Gnade, Liebe und Fürsorge spendet. Die Kirche erfüllt ihren Auftrag und ihr Amt in dem Masse, wie ihre Kommunikation mit der Welt in Wort und Tat glaubwürdig ist. Das neue Informationszeitalter, das weltweit zum Tragen kommt, bietet der Kirche die einmalige Gelegenheit, ihrem eigenen Leben neue Impulse zu geben und in Christus ihr Zeugnis zu verbreiten, und zugleich stellt es ihr die Aufgabe, alle Aspekte der weltweiten Kommunikation menschlicher zu gestalten.

Seit dem Beginn des Informationszeitalters steht die weltweite Gemeinschaft der lutherischen Kirchen in bezug auf die Kommunikation vor neuen Chancen, neuen Herausforderungen und neuen Risiken. Auf diesem Gebiet haben sich bereits massive und globale Entwicklungen vollzogen, die ausserordentlich wichtige ethische, politische, soziale und wirtschaftliche Fragen aufwerfen. Es geht hier um Werte und Macht im Informationszeitalter.

Neue Techniken wie beispielsweise Internet und E-Mail bieten bislang ungeahnte Möglichkeiten für das Zeugnis, den Informationsaustausch und die Vertiefung der Beziehungen innerhalb und zwischen den Kirchen. In dieser komplexen Situation gilt es, über die - moralischen, praktischen, finanziellen - Grenzen der Kommunikationstechnologie sowie über die Auswirkungen der Globalisierung auf die Kommunikation nachzudenken und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Der Gebrauch und der Missbrauch von Macht im Bereich der Kommunikation - sei sie ideologischer, technischer, wirtschaftlicher oder politischer Natur - müssen sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft erkannt und lokalisiert werden. Die Kommunikation muss demokratischer gestaltet und die Kluft zwischen denen, die über einen "Anschluss" verfügen, und denen, die nicht "angeschlossen" sind, überbrückt werden. Es muss auch dafür gesorgt werden, dass alle Zugang zum Informationszeitalter haben und den "Stimmlosen" Gehör verschafft wird.

Angesichts dieses neuen und globalen Informationszeitalters muss das Kommunikationsverständnis des LWB im Dienste sowohl der Kirchen als auch des Weltbundes erneuert und präzisiert werden. Das Internet beispielsweise erfordert einen Einsatz für das Recht aller Menschen auf Zugang zu Kommunikation und Information und neue Ausbildungsmethoden; ferner muss diese Technik den verschiedenen Kontexten angepasst werden, in denen die Kirchen leben und arbeiten. Darüber hinaus muss das Verhältnis zwischen hochtechnisierter Kommunikation und anderen Formen der Kommunikation und des Informationsaustauschs einschliesslich Gruppenmedien neu bewertet werden. Der Gebrauch des Internet in den LWB-Mitgliedskirchen sollte gefördert, unterstützt und weiterentwickelt werden. Der LWB muss seine Präsenz im Internet in partizipatorischer und interaktiver Weise weiterausbauen und gleichzeitig seine gegenwärtige Kommunikationsarbeit aufrechterhalten und weiterentwickeln.

Wir verpflichten uns, die Mitgliedskirchen zu erneuter Wahrnehmung unserer Berufung zur Kommunikation im Dienste Christi und seiner Kirche aufzurufen, und zwar durch folgendes:

  • einen Kommunikationsgesamtplan für die lutherische Gemeinschaft, ein-schliesslich der Kommunikationsarbeit an der kirchlichen Basis und unter Berücksichtigung der Arbeit der ökumenischen Partner zu entwickeln;

  • einen Plan für den Ausbau der Internet- und E-Mail-Kapazitäten in den LWB-Mitgliedskirchen aufzustellen und hierbei auch die technische Beratung und Weiterbildung sowie die finanzielle Absicherung zu berücksichtigen;

  • zu untersuchen, welche neuen Möglichkeiten das Internet für die Gestaltung und Organisation der Zehnten LWB-Vollversammlung sowie für die Teilnahme daran bietet;

  • neue Programme zu entwickeln, die die uneingeschränkte Teilnahme von Frauen und Männern, Jungen und Alten an der Kommunikationsarbeit des LWB und seiner Mitgliedskirchen gewährleisten;

  • sich kritisch mit den theologischen, ekklesiologischen, ethischen und gesellschaftspolitischen Aspekten der Kommunikation im Informationszeitalter auseinanderzusetzen, und zwar in Zusammenarbeit mit einzelnen oder Gruppen, die sich mit kommunikationsethischen Fragen befassen, geeigneten internationalen Organisationen und politischen Einrichtungen sowie mit ökumenischen Partnern.

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Durch haushälterischen Umgang mit Gottes Schöpfung

Alle Schöpfung soll teilhaben an Gottes Schalom. Zwar ist die Menschheit als "Krone der Schöpfung" berufen, über das Werk Gottes zu herrschen, doch haben wir uns durch die Überzeugung versündigt, diese Herrschaft werde "über" die Schöpfung ausgeübt und nicht "in und mit" ihr als Zeichen unseres Dienstes an Gott.

Gottes Schöpfungshandeln und die Menschwerdung Christi zeigen, wie sehr Gott die materielle Welt achtet. Die Erlösung geschieht im Kontext und zur Erfüllung der Schöpfung. Die Dreieinigkeit Gottes, nach dessen Bild wir geschaffen sind, zeigt uns, dass Gottes "gemeinschaftliche Identität" sich widerspiegeln soll in unserem Wirken in und mit der Schöpfung; durch die Vermittlung der Menschen soll das ökologische System teilhaben an Gottes gnadenreicher und schöpferischer Gabe der Rechtfertigung in Jesus Christus. Die Schöpfung trägt in sich - wenn auch verhüllt - die unerschöpfliche Gegenwart Gottes.

Diese theologischen Überlegungen können uns sehr dabei helfen, die Dinge richtig zu sehen und dann richtig zu handeln. Sie müssen aber unvollständig bleiben, solange wir keine praktischen Antworten haben, und diese Antworten müssen ganzheitlich sein. Manche Menschen entscheiden sich für einen "asketischen" Lebensstil, der an den von Opfern und Einfachheit geprägten Lebensstil der frühen Christen erinnert. Andere halten es für sinnvoll, durch Gebet, gemeinsamen Gottesdienst, Kunst und Gastfreundschaft den sakramentalen Charakter der Schöpfung zu betonen. Wieder andere handeln nach politischen oder wirtschaftlichen Strategien (z.B. Zahlung eines Umwelt-Zehnten), mit denen die Umorientierung von Ressourcen auf Ziele wie soziale Gerechtigkeit oder Solidarität mit der Schöpfung angestrebt wird. Einige Kirchen setzen sich konkret und politisch für die Unterdrückten und die Umwelt ein. Wir begrüssen alle diese Bemühungen und rufen dazu auf, auch weiterhin entschlossen und phantasievoll solche Ziele anzustreben. Die Länder, die 1992 auf dem "Erdgipfel" in Rio de Janeiro1 Verpflichtungen eingingen, sollten aufgefordert werden, diese einzuhalten.

Geistliche Erneuerung: Die Notwendigkeit geistlicher Erneuerung ist eine grosse Herausforderung für uns. Wir sind gerufen, uns auf unsere biblischen und theologischen Traditionen zu besinnen, ohne hierbei buchstabengläubig, dogmatisch oder engstirnig zu sein. Auch eine rein "spiritualistische" Lektüre der Schrift ist weder rein noch geistlich. Die Schrift muss als Ganzes gelesen werden, ebenso wie Gebet und Lobpreisung ohne das entsprechende praktische Handeln in der Umwelt unvollständig sind. Die theologischen Traditionen sollten auch eine Diskussion der Theologie von Grund und Boden einschliessen. Unsere Abhängigkeit von weltlichmaterialistischem Konsumdenken hat uns geistlich ärmer gemacht, man kann von "Tod durch Brot allein" sprechen. Geistliche Erneuerung in dieser Situation erfordert Bekennen und Reue sowie ein Engagement für Werte und einen Lebensstil, die einer gerechten und bestandfähigen Weltgesellschaft förderlich sind. Wir rufen den LWB auf, Kirchen und Länder zu unterstützen, in denen die herrschenden Mächte drohen, die Umwelt zu zerstören.

Biotechnologie: Eine besondere Herausforderung sind die neuen Entwicklungen in der Biotechnologie. Diese sind uns zwar sehr nützlich bei der Herstellung ertragreicherer Nutzpflanzen, doch wir dürfen nicht zulassen, dass solche Technologien z.B. den Fruchtwechsel oder andere landwirtschaftliche Methoden, die sich über Jahrhunderte hinweg bewährt haben, ersetzen. Die Genomforschung wird es möglich machen, viele körperliche Leiden zu lindern, und auch dies ist sehr zu begrüssen. Wir sollten unsere Freude darüber aber mässigen durch den christlichen Respekt von Gottes Schöpfung und nicht in Versuchung kommen, "Gott zu spielen". Dennoch fühlen wir uns ermutigt, unsere Berufung als Gottes Mitarbeiter bei der Verbesserung der Qualität und der Fülle des Lebens anzunehmen. Wir müssen immer wieder die Frage stellen, ob die Biotechnologie das Leben in Gemeinschaft fördert und ob sie die Kluft zwischen Reichen und Armen schliesst. Führt der Einsatz der Biotechnologie zum Lobpreis Gottes? Steht sie im Dienst unseres Zeugnisses vom Spender des Lebens? Der LWB kann seinen Mitgliedskirchen helfen, indem er ihnen Informationen über den Stand der Biotechnologie und ihre Auswirkungen und insbesondere über ihre negativen Folgen für Leben und Kultur zur Verfügung stellt.

Ökonomie und Ökologie: Eine Herausforderung ist auch die Tatsache, dass zu wenige über zu viel Reichtum verfügen. Ökonomie und Ökologie sind eng miteinander verflochten. Die Kluft zwischen Reichen und Armen wird immer breiter. Luft, Erde, Wasser und Geschöpfe leben zusammen in einem oikos, in dem sich jedes Handeln auf alle auswirkt. Innerhalb dieses Hauses üben grosse multinationale Unternehmen eine Macht aus, die sowohl positive als auch negative Folgen haben kann. Die negativen Folgen werden insbesondere dort deutlich, wo sich Umweltverschmutzung und wachsende Armut, vor allem der Urbevölkerungen, gegenseitig verstärken. Auch die finanziellen Transaktionen unserer Kirchen sind in diese weltweiten Unternehmensnetze eingebunden, und aus diesem Grund ist es für die Kirche nicht leicht, eine sozial verträgliche Investitionspolitik zu verfolgen. Dennoch müssen wir uns bemühen, Lösungen zu finden und zu vertreten, die weltweite Gemeinschaft fördern, so z.B. eine Umstrukturierung der Staatsschulden benachteiligter Länder. Wenn wir uns nicht um die Erhaltung der Umwelt für die nachfolgenden Generationen einsetzen, dann werden die Schäden immer gravierender.

Haushalterschaft: Wir sind des weiteren gefordert, ein falsches Verständnis von "Haushalterschaft" abzulehnen, das von Anthropozentrismus und Imperialismus geprägt ist und das die Schöpfung verdinglicht und sie der Willkür des Menschen ausliefert. Wir müssen vielmehr einen neuen Ansatz für die gewissenhafte Ausübung unserer Partnerschaft mit Gottes fortdauernder Schöpfung und in ihr entwickeln. Die Herausforderungen vor uns sind sehr gross, doch wir werden unseren Mut nicht sinken lassen, denn wir sind Zeugen und Zeuginnen durch Gottes Gnade in Christus.

Wir verpflichten uns, die Mitgliedskirchen aufzurufen,

  • mit anderen Kirchen, Menschen anderer Glaubensrichtungen, Naturwissenschaftlern und Umweltgruppen das Gespräch über die örtlichen Prioritäten für Umweltaktionen aufzunehmen;

  • sich für die Verwirklichung der Agenda 21 des Erdgipfels in Rio und damit für eine nachhaltige Entwicklung in ihrem örtlichen Kontext einzusetzen;

  • bioethische Fragen zu untersuchen und bei bioethischen Problemen Seelsorge und Beratung anzubieten.

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Durch Dienst in einer leidenden Welt

Abendmahlsgottesdienst zur Eröffnung, von links nach rechts: Bischof Manus Buthelezi von Südafrika und Pfr. Dr. Ishmael Noko, LWB-Generalsekretär

Als sich der LWB nach dem Zweiten Weltkrieg im Aufbau befand, war jede/r sechste Lutheraner/in Flüchtling oder Vertriebene/r. Dies ist ein wichtiges Element unseres gemeinsamen lutherischen Erbes. Der LWB wurde weitgehend deshalb gegründet, um den Lutheranern die Möglichkeit zu geben, sich zusammenzuschliessen und menschliche Not zu lindern. Durch diesen gemeinsamen Dienst und Gottes versöhnendes Wort konnten die Kirchen und Gläubigen der lutherischen Tradition einander kennenlernen und sich näherkommen. Die Wunden, die Krieg und Entbehrungen hinterlassen hatten, konnten geheilt werden. Damals wie heute wird Einheit durch Dienst gefördert.

Aus einer langen Tradition des MitLeidens mit Menschen in Not und aus der besonderen Erfahrung einer Kirche von Flüchtlingen und Vertriebenen in diesem Jahrhundert heraus besitzt das Amt des Dienens - von der Diakonie über Entwicklungs- und Flüchtlingsarbeit bis hin zur Katastrophenhilfe - für Lutheraner einen hohen Stellenwert. Dieses ausgeprägte Engagement für den Dienst ist ein charakteristisches Merkmal der lutherischen Kirche.

Im Rahmen unseres Dienstes wollen wir nicht nur Leid lindern, sondern auch für Gerechtigkeit und für den Schutz der von Gott geschenkten Würde eines jeden Menschen eintreten. Die lutherischen diakonischen Programme sollen als Teil eines ganzheitlichen Amtes verstanden und durchgeführt werden. Menschliches Leid wird weitgehend durch Armut verursacht. Wir leben in einer Welt ausserordentlicher Kontraste zwischen Hoffnung und Angst, zwischen ungeahnten Errungenschaften und unsäglichem Elend. Die Kluft zwischen Reich und Arm wird immer breiter, und zwar sowohl zwischen als auch innerhalb von Ländern.

Wir wollen eine Welt, in der es Gerechtigkeit für die Armen gibt und in der alle Menschen in Würde und ohne Erniedrigung und Angst leben können. Um dieses Ziel der Gerechtigkeit für alle erreichen zu können, sind unseres Erachtens folgende Voraussetzungen unerlässlich: ausreichende Ernährung, Achtung der Menschenrechte, Bildung und Alphabetisierung, Eintreten - auf örtlicher, nationaler und internationaler Ebene - für den Abbau von Ungerechtigkeit, Teilen von Ressourcen, Eigenverantwortlichkeit.

Unsere besondere Sorge gilt denen, die am stärksten marginalisiert werden: den Ärmsten unter den Armen, den Angehörigen verletzlicher Gruppen, denjenigen, die von Behörden wie Gemeinschaften vernachlässigt oder im Stich gelassen werden, und denen, die gezwungen sind, sich körperlich erniedrigen zu lassen oder in dem verzweifelten Bemühen zu überleben, ihre Kindheit opfern.

In unserem Dienst sind wir bestrebt, zivilgesellschaftliche Organisationen und Einrichtungen insbesondere auch in örtlichen Gemeinschaften zu stärken. Wir sind uns bewusst, dass zahlreiche kirchliche Institutionen finanziell von auswärtigen Quellen - etwa Regierungen oder ausländischen Gebern - abhängig sind. Wir streben ein gesundes und bestandfähiges Verhältnis von Eigenständigkeit und auswärtiger Unterstützung an. Wir beten darum, in diesen Bemühungen nicht nachzulassen und nicht der "Gebermüdigkeit" zu verfallen. Wir beten darum, standhaft in der Solidarität zu sein.

Wir bekräftigen mit Nachdruck unsere Verpflichtung:

  • Dienst und Entwicklungsarbeit im LWB und in der ganzen lutherischen Gemeinschaft hohe Priorität einzuräumen. Wir bekräftigen, dass dieses Amt des Dienstes - die Hilfe für die notleidenden Nächsten - nicht eine Aufgabe für Experten, sondern Sache des ganzen Volkes Gottes ist;

  • uns liebevoll um alle Menschen in Not zu kümmern, ungeachtet ihres Glaubens. Wir sind gerufen, hierbei mit allen Menschen guten Willens und insbesondere im Rahmen unseres ökumenischen Zeugnisses mit anderen Christen zusammenzuarbeiten;

  • die Ursachen von Ungerechtigkeit und Leid in unserer Welt zu erkennen und uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Wo wir als einzelne oder als Kirchen, Gesellschaften oder Staaten dieses Leid mitverursachen, beten wir in Demut darum, dass uns die Augen geöffnet und wir zur Busse und Umkehr fähig werden;

  • die Lutheraner an allen Orten aufzurufen, erneut zu prüfen, ob wir mit den Gaben, die Gott uns geschenkt hat, haushälterisch umgehen. Insbesondere rufen wir die Lutheraner überall auf, den Zehnten dessen, was Gott uns gegeben hat, zurückzugeben. Dieser alte Brauch ist eine schöne Art, unserer Dankbarkeit für Gottes Gaben Ausdruck zu verleihen. Ausserdem gibt er uns Gelegenheit, innerhalb der lutherischen Gemeinschaft unsere Ressourcen miteinander zu teilen und der eucharistischen Gemeinschaft konkreten Ausdruck zu geben.

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Durch Fürsprache: Menschenrechte, Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung

Schutz und Förderung der Menschenrechte sind integraler Bestandteil unseres Zeugnisses. Ihre Grundlage ist die Liebe Gottes und nicht die Tagesordnung der jeweiligen politischen Machthaber. Die Menschenrechte sind unteilbar, sie sind interdependent und miteinander verflochten, und sie sind universal gültig. Jeder Versuch, die bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte oder die Rechte künftiger Generationen voneinander zu trennen, widerspricht der Ganzheitlichkeit der Schöpfung Gottes. Zwar respektieren wir kulturelle Unterschiede, doch dürfen diese nicht als Vorwand dazu benutzt werden, die jedem Menschen von Gott geschenkte Würde zu schmälern.

Wirtschaftliche Gerechtigkeit: Aufgrund der Globalisierung nimmt die Anzahl der Menschen zu, die in unseren Gesellschaften an den Rand gedrängt werden. Viele werden ihres Rechts auf ein Minimum an sozialer Absicherung beraubt. Unter diesen Umständen ist es dringend erforderlich, dass die Regierungen eine Politik verfolgen, deren Ziel es ist, die von den Menschenrechtskonventionen vorgegebenen Pflichten des Staats zu erfüllen, und dass die Regierungen ferner ihr Mitspracherecht in den internationalen Finanz- und Handelsinstitutionen dazu nutzen, letztere zu Instrumenten der Gerechtigkeit und Menschenrechte und nicht der Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen zu machen. Auch die Kirchen müssen Wege finden, die Entwicklungen in diesem Bereich zu überwachen und zu interpretieren und bei den betreffenden Regierungen und Institutionen nachdrücklich als Fürsprecher der Benachteiligten vorstellig zu werden.

Rechte der Urbevölkerungen: Die Rechte der Urbevölkerungen auf Selbstbestimmung über ihre Heimat, Bodenschätze und kulturelle Identität werden weiterhin von Nationalstaaten aller Kontinente unterdrückt und durch wirtschaftliche Massnahmen transnationaler Konzerne und anderer Unternehmen untergraben. Die menschlichen Kosten dieser Tatsache sind Leiden, sinkendes Selbst-bewusstsein, Abhängigkeit und kultureller Verlust. Der LWB und seine Mitgliedskirchen sind aufgerufen,

  • die UNO-Dekade der Urbevölkerungen zu unterstützen;

  • nationalen Regierungen gegenüber als prophetische Zeugen aufzutreten;

  • die Rechte von Urbevölkerungen an der Basis zu stärken.

Rechte des Kindes: Angesichts des Leidens von Kindern betrachten wir die Unterstützung und den Schutz von Kindern als dringliche Priorität. Wir kennen die schockierenden Statistiken über die Vergewaltigung von Kindern, Kinderprostitution, Kindersklaven und Kinderhandel. Bei Konflikten innerhalb und zwischen Ländern sind bis zu einer Viertelmillion Minderjähriger an bewaffneten Auseinandersetzungen beteiligt. Die Diskriminierung von Mädchen nimmt verschiedene Formen an; darunter auch genitale Verstümmelung und Abtreibung weiblicher Föten. Für besonders beunruhigend halten wir es, wenn diese Gewalt mit religiösen oder kulturspezifischen Gebräuchen entschuldigt oder erklärt wird.

Redefreiheit: Das Recht auf Redefreiheit und friedlichen Protest ist unerlässlich und muss in allen Gesellschaften und Ländern geachtet werden.

Religionsfreiheit: Kein moderner Staat, der als demokratische Ordnung anerkannt werden will, darf Fragen der Religionsfreiheit und Toleranz ignorieren oder diese grundlegenden Menschenrechte weiterhin verletzen. Keine Religion oder religiöse Einrichtung darf ihren Glauben in einer Weise propagieren, die die angeborene Freiheit jedes Menschen verletzt, jegliche Religion anzunehmen oder abzulehnen. Da offenbar in allen Teilen der Welt religiöse Diskriminierung und Intoleranz zunehmen, rufen wir alle unsere Mitgliedskirchen und die ganze ökumenische Gemeinschaft auf, sich verstärkt für die Förderung und den Schutz der Religionsfreiheit in ihrem eigenen Land und auf internationaler Ebene einzusetzen.

Menschenrechte der Frauen: Frauenrechte sind Menschenrechte. Frauen leiden überproportional unter der ungleichen Verteilung der Ressourcen. In Randgruppen wie z.B. Flüchtlingen, Urvölkern und Häftlingen sind Frauen am verletzbarsten. In vielen Ländern wird Frauen das Recht auf Erbschaft und Eigentum vorenthalten und haben sie weniger Zugang zu Bildung und Berufsausbildung.

Gewalt gegen Frauen ist in der Gesellschaft weit verbreitet, und sie kommt auch in der Kirche und in christlichen Familien vor. Diese Gewalt wird verschwiegen, ignoriert, indirekt akzeptiert und manchmal auch anhand der Bibel gerechtfertigt. Wir müssen bekennen und zugeben, dass die Kirche gesündigt hat und Gewalt gegen Frauen, besonders Missbrauch von Frauen innerhalb der Kirche geduldet hat. Ein solcher Missbrauch von kirchlicher und geistlicher Macht verletzt ein heiliges Vertrauen, entstellt Gottes Willen hinsichtlich menschlicher Beziehungen und tut dem Wesen der Kirche Gewalt an. Wir müssen den Tätern wie den Opfern Aufmerksamkeit und Ressourcen anbieten, um zu gewährleisten, dass die Gemeinden ein sicherer Ort für Opfer des Missbrauchs sind, und Männer, Frauen und Kinder über sexuelle Gewalt und sexuellen Missbrauch aufklären.

Die Rechte von Flüchtlingen, Vertriebenen und Migranten: Der LWB muss seinen Dienst an Flüchtlingen, Binnenvertriebenen und Migranten fortsetzen. Die Mitgliedskirchen müssen die Kirchenglieder und ihre Gemeinschaften auf die Lage von Flüchtlingen und Migranten aufmerksam machen; die Mitgliedskirchen müssen ihr prophetisches Amt ausüben, indem sie die Regierungen ihrer Länder auffordern, das Recht auf Asyl, das Recht auf Schutz und freiwillige Repatriierung und das Recht auf menschenwürdige und gerechte Behandlung von Einwanderern und Flüchtlingen im Aufnahme- wie im Herkunftsland zu gewährleisten.

Erforderlich ist Dokumentationsmaterial über die Ursachen von Flüchtlingsbewegungen, Vertreibung und Zwangswanderung, über die Prävention und Beilegung von Konflikten und über friedensschaffende Massnahmen, über Möglichkeiten, in Notstandssituationen zu überleben, und über Strategien für den Abbau von Armut und Unterdrückung.

Frieden und Versöhnung/Friedenskonsolidierung: Bei innerstaatlichen und internationalen Konflikten ist der LWB gerufen, in jeder Konfliktphase auf Dialog, Frieden und Versöhnung hinzuwirken. Die internationale Gemeinschaft scheint nicht in der Lage zu sein, sich engagiert und aufmerksam für die Durchführung und Verwirklichung von Friedensverträgen einzusetzen. Solange die Ursachen eines Konflikts nicht beseitigt sind, werden auch die Menschenrechtsverletzungen nicht aufhören. Der LWB ist daher gerufen, örtliche Bemühungen um Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung, den Wiederaufbau der Zivilgesellschaft und die Schaffung von Vertrauen zwischen Völkern und Staaten zu unterstützen und zu begleiten.

Zu den wichtigsten Voraussetzungen hierfür gehört die Bereitschaft, Zeugnis von der Wahrheit abzulegen und sich aufrichtig mit vergangenem Unrecht auseinanderzusetzen. Geschieht dies nicht, dann sind die nachfolgenden Generationen dazu verdammt, den Konflikt immer weiter fortzusetzen. Daher sollten sich die Kirchen der Praxis der Straflosigkeit widersetzen, deren Grundsatz es ist, die für Menschenrechtsverletzungen und Ungerechtigkeit Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Der LWB befürwortet die Einrichtung eines ständigen Internationalen Gerichtshofs, der die Strafverfolgung mutmasslicher Täter erleichtert, und ruft seine Mitgliedskirchen auf, in diesem Sinne bei den Regierungen ihrer Länder vorstellig zu werden.

Wir sollen uns nicht nur für die Versöhnung zwischen Staaten einsetzen, sondern auch Versöhnung an der Basis, wo sich die Opfer befinden, fördern und erleichtern. Friedensverträge bleiben wirkungslos, wenn unter den Opfern keine Versöhnung stattfindet. Die spezifische Aufgabe der Kirchen ist es, zum Frieden und zur friedlichen Beilegung von Konflikten sowie zur Akzeptanz des anderen zu erziehen und damit die Voraussetzungen für Frieden und Versöhnung auf allen Ebenen einschliesslich der Kirchen zu schaffen.

Auf der Grundlage unseres theologischen Verständnisses von der Würde des Menschen, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, bekräftigen wir die Unteilbarkeit der bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte.

In diesem Rahmen verpflichten wir uns,

  • den Menschen, deren Rechte verletzt werden, zuzuhören und ihnen zur Seite zu stehen; unsere eigenen kirchlichen Gemeinschaften auf Menschenrechtsverletzungen hin zu überprüfen und sie über die Menschenrechtsproblematik aufzuklären; bei staatlichen und internationalen Einrichtungen politische Fürsprache einzulegen.

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Zum Schluss

Wie dieser Bericht zeigt, hat die Vollversammlung in vielfältiger Weise und intensiv gearbeitet. Wir haben aber nicht nur gearbeitet, sondern auch zusammen Gottesdienst gefeiert, zusammen Bibelarbeit betrieben, die Gesellschaft der mannigfaltigen lutherischen Gemeinschaft genossen. Wir haben die Gastfreundschaft der Kirchen von Hongkong, China und Asien erfahren dürfen und auf verschiedene Weise an ihrem Leben teilgenommen. Wir haben erlebt, wie wir von den Armen des Christus vor uns umfasst wurden.

Viele Aspekte unserer Erfahrung können in diesem Bericht gar nicht zum Ausdruck kommen. So kann er nicht in vollem Masse die Hoffnung wiedergeben, die auf unseren Sitzungen zu spüren war: Hoffnung auf grössere sichtbare Einheit der Kirchen, Hoffnung auf neue Möglichkeiten für Frauen und Jugendliche in Kirche und Gesellschaft, Hoffnung auf umfassenderes und tatkräftigeres Zeugnis, Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit in der Welt. Unsere Hoffnung ist nicht darauf gegründet, was wir über die Tendenzen und Mächte in der Gesellschaft um uns denken. Unsere Hoffnung gründet auf dem Geist, der neue Möglichkeiten eröffnet. Wir verlassen diese Vollversammlung mit einem neuen Gefühl für den Ruf, den wir von Christus erhalten haben, und einem neuen Gefühl für die Macht des Geistes, der uns leitet: In Christus - zum Zeugnis berufen.

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